Noch keine großen Fortschritte

Jörg Schneider. Saint-Vincent.
Der FSV Mainz 05 hat zum Auftakt seines Testspielprogramms mit fünf Begegnungen vor dem Saisonstart einen durchwachsenen Auftritt hingelegt. Das 2:1 in Saint-Vincent gegen den Schweizer Zweitligisten Servette Genf zeigte, dass noch viel Arbeit auf das Team von Martin Schmidt wartet. Heute Abend geht es im Trainingslager im Aostatal schon weiter: Um 18 Uhr trifft der Bundesligist im Stadio Perucca auf den italienischen Zweitliga-Klub Novara Calcio. Da möchte der 05-Trainer schon ein paar Fortschritte sehen.

Athletisch, robust, schnell und fußballerisch stark: Jean Philippe Gbamin fehlte im Testspiel gegen Servette Genf nur noch etwas die Orientierung als Sechser. Foto: RSCPDer Auftakt war vielversprechend. Mit Karim Onisiwos 14-Meter-Schuss, den ein Verteidiger gerade noch so von der Linie kratzte, einer weiteren Riesenmöglichkeit von Yunus Malli, der nach feiner Onisiwo-Vorarbeit freistehend aus zwölf Metern hoch übers Tor ballerte. Da schien die Startelf von Martin Schmidt auf dem Weg, vieles von dem umzusetzen, was der Trainer des FSV Mainz 05 eigentlich hatte sehen wollen. Balleroberung. Raumaufteilung gegen und mit dem Ball. Defensivverhalten. Anlaufverhalten, Blockverhalten, Lücken schließen, Systematik. Gut auf dem Platz stehen, um in den Angriff zu kommen. Doch nach einer guten Viertelstunde passte da nicht mehr viel zusammen. Der Bundesligist verzettelte sich, verlor zu oft seine Struktur, hatte im Spielaufbau gegen die biederen Zweitligafußballer von Servette Genf zunehmend Probleme, ein geordnetes Offensiv-Spiel aufzuziehen.

„Lasst doch den Ball laufen, spielt euren Ballbesitz besser aus“, rief der 05-Trainer ein ums andere Mal von der Bank Richtung Spielfeld. Stattdessen schlugen die 05-Profis zu oft den langen, ungenauen Ball nach vorne und verschluderten in ihren Umschalt- und Angriffsaktionen zu viele Bälle mit schlechten Zuspielen. „Insgesamt war das ein sehr fahrlässiges Passspiel von uns. Extrem unsauber vor allem in der letzten Zone“, sagte Schmidt nachher etwas zerknirscht. Wohl auch deshalb, weil der 49-Jährige nach der guten und intensiven Trainingsarbeit zuvor, gerne einen größeren Fortschritt im ersten Testspielauftritt seiner Mannschaft im Trainingslager in Saint-Vincent gesehen hätte.

Doch die Partie im Stadio Perucca gegen die Genfer bot über  weite Strecken das, was man schon so oft in solchen Begegnungen gesehen hat. Typische Testspielkost, die hinter den Erwartungen zurückblieb. Das ist vielleicht auch normal, angesichts der noch unterschiedlichen Trainings- und Fitness-Zustände der einzelnen Spieler. Schmidt hatte im ersten Abschnitt der Partie eine Reihe von Profis auf den Rasen geschickt, die bisher nur wenig Spielzeiten hatten. Und das hat man gesehen. Yunus Malli absolvierte seine ersten 60 Minuten nach EM und Urlaub. Da fehlte noch viel an Selbstverständlichkeit in den Aktionen des Zehners. Und das sieht dann bei Malli so aus, wie man es schon häufig gesehen hat. Da wirkte Besar Halimi später wesentlich aktiver auf dieser Position. Der 21-Jährige ist zwar kein Zehner Marke Malli, suchte aber ständig die Räume, die Zweikämpfe und forderte die Bälle, spielte ordentlich in die Tiefe. Da kann was entstehen.

Niko Bungert, Pierre Bengtsson, Aaron Seydel, Alexander Hack, Fabian Frei - ihnen allen fehlen noch Wettkampfminuten, wobei der Schweizer Mittelfeldspieler eine schon recht konkrete Vorstellung auf der Doppelsechs bot, mit Balleroberungen und guter Raumaufteilung. Neben dem erfahrenen Frei spielte Jean-Philippe Gbamin. Der Franzose hat noch sichtlich Probleme mit der Orientierung auf dieser Position. Alles andere bringt der 20-Jährige mit: Athletik, Schnelligkeit, auch im Antritt, Zweikampfstärke, Passspiel. Interessant zu sehen, wie Gbamin einige Male den Ball mit links annahm, mit rechts weiterspielte - und umgekehrt. Fußballerisch ist der Neuzugang ganz klar ein Gewinn. Gbamin muss nun schnell die taktischen Abläufe verinnerlichen. Der Zugang hätte eigentlich länger spielen sollen, musste zur Pause dann aber angeschlagen raus. Der andere Sechser-Kandidat José Rodriguez scheint da schon einen Schritt weiter zu sein. Der Spanier stand gut im Raum, lief viele Passwege zu, behauptete und eroberte Bälle, spielte gute Pässe. Doch auch der 22-Jährige braucht die weiteren Testspiele, um diese Prinzipien alle komplett zu verinnerlichen.

„Defensiv war das über 90 Minuten korrekt“, sagte der 05-Trainer nachher, wenn auch etwas unglücklich über das unnötige Gegentor kurz vor Schluss, als Alexander Hack, der ansonsten einen konzentrierten und klaren Innenverteidiger gab, im entscheidenden Moment ins Leere grätschte. „Von den Chancen her war es ein 8:2, aber wir gewinnen nur 2:1“, kritisierte Schmidt den Umgang mit den eigenen Möglichkeiten. „Da haben wir zu viel liegen lassen.“

Gut anzusehen, konstruktiv und ergiebig im Chancenanteil war das, was Schmidts zweite Mannschaft in der letzten halben Stunde ablieferte. Da zeigte sich, dass Spieler wie Giulio Donati, Stefan Bell, Jairo, Pablo De Blasis oder Jhon Cordoba im Moment die Nase vorne haben dürften im Hinblick auf die zu vergebenen Startplätze. Der Argentinier, der nach Onisiwos Führungstreffer später auf 2:0 erhöhte, fällt schon die ganze Zeit im Training als extrem engagiert und kampfbereit auf, hat dazu eine gute Frühform. Jairo ist ohnehin ein Wettkampftyp und Cordoba gibt sowohl in den Trainingseinheiten als auch im Spiel alles. Was dem Kolumbianer noch fehlt, ist eine höhere Trefferquote. Bell zeigt sich in diesen Tagen in allen Bereichen als Führungspersönlichkeit. Auch Suat Serdar mit Rodriguez auf der Doppelsechs scheint eine ausbaufähige Variante zu sein. „Wir haben uns in dieser Phase aber auch etwas leichter getan, weil der gegnerische Trainer viele junge Spieler eingewechselt hat“, schränkte Schmidt nachher ein. Dennoch gefiel dem 05-Coach die Vorstellung in der letzten halben Stunde. „Da war wieder richtig viel Bock bei den Spielern zu erkennen, da gab es das schnelle Umschalten, die besseren Pässe. Nur vor dem Tor war es nicht optimal.“ Dennoch, so Schmidt, sei dies ein guter Test gewesen gegen einen Gegner, der schon im Meisterschaftsbetrieb stehe.

Nicht dabei waren an diesem Abend Leon Balogun, der wegen eines Ziehens im Oberschenkel pausieren musste, Danny Latza, der diese Woche noch im Aufbautraining steckt sowie Gerrit Holtmann, Philipp Klement und Yoshinori Muto, die geschont wurden. Heute Abend geht es im Stadio Perucca weiter. Um 18 Uhr treffen die 05er, die am Vormittag nur ein leichtes Lauftraining absolvierten, dort auf den italienischen Zweitligisten Novara Calcio.

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