Nicht schön, aber doch erkenntnisreich

Jörg Schneider. Mainz.
Die Zuschauer, die beim 1:1 im Freundschaftsspiel des FSV Mainz 05 gegen den Karlsruher SC außen vor waren, können beruhigt sein, sie haben nichts verpasst. Für Spieler und Trainer des Bundesligisten hat der Test auf dem neuen Rasen des Bruchwegstadions gegen den Zweitligisten trotzdem seinen Zweck erfüllt. Martin Schmidt hat weitere Erkenntnisse gewonnen, wo der Hebel im Training anzusetzen ist, um Verbesserungen zu erreichen. Und auch personell gab’s Varianten: Gerrit Holtmann links hinten oder Jean-Philippe Gbamin als aufbaustarker Innenverteidiger. Karim Onisiwo feierte sein Comeback nach langer Verletzungspause.

So hoch der Nutzen solcher Testspiele für die Beteiligten auch ist, so wichtig die Erkenntnisse sind, die diese Spiele Verantwortlichen und Spielern liefern, so unbestritten freudlos gestalten sich diese Begegnungen häufig für den außenstehenden Betrachter. Von daher dürfte die Entscheidung, zu dieser Partie gegen den Karlsruher SC außer ein paar Medienvertreten keine Zuschauer zuzulassen, die Anhänger des FSV Mainz 05 zumindest davor bewahrt haben Geld auszugeben für etwas, was ihnen mit Sicherheit nicht gefallen hätte. Das dünne 1:1 der Bundesliga-Profis gegen den Zweitligisten auf dem frisch verlegten neuen Rasen im Bruchwegstadion dokumentierte, dass die 05er an ihren aktuellen Schwierigkeiten zwar durchaus mit Hingabe arbeiten, nicht aber, dass sich die Probleme der vergangenen Wochen mit einem Mal und nur mit bester Absicht und unbestritten großem Engagement abstellen lassen. Das war allerdings in solchen Testspielen während einer Länderspielpause selten anders.

Interessantes Experiment: Gerrit Holtmann im Testspiel als anschiebender, strürmender Linksverteidiger. Foto: Mainz 05Es war kein schönes Spiel und nicht sonderlich gut anzuschauen, was die Mannschaft von Martin Schmidt fußballerisch auf den Platz brachte, auch wenn die von beiden Seiten aggressiv geführte Partie mit giftigen Zweikämpfen vom Wettkampfcharakter her durchaus ein anspruchsvolles Niveau erreichte. Doch die Mainzer Probleme, eigene Torchancen zu erarbeiten, bleiben bestehen. Vor allem gegen einen überwiegend tief stehenden, mit zwei gut organisierten, verschiebenden und engmaschigen Viererketten verteidigenden Gegner. Keine ernstzunehmende Gelegenheit in der ersten Hälfte, drei gute Möglichkeiten nach der Pause, erneut viele Abspielfehler, ungenaue Tiefenpässe und Flanken, wenig Ideen, kaum Durchsetzungs- und Abschlussvermögen im gegnerischen Strafraum. Und am Ende benötigten die Mainzer das Glück, dass die Karlsruher mit einem Konter in der 72. Minute nur den Pfosten trafen, um nach den beiden Elfmetertoren durch Enrico Valentini (24.) und Jhon Cordoba (77.) zum 1:1 nicht erneut mit einer Niederklage vom Platz zu gehen.

Martin Schmidt sprach nachher von einem wichtigen Spiel und einer guten Überprüfung der aktuellen Trainingsarbeit. Das ist aus der Sicht des Trainers absolut nachvollziehbar, denn der 49-Jährige probierte einiges aus und braucht das Feedback aus dem Wettkampf, um die Defizite angehen, Verbesserungen und Lösungen erarbeiten zu können. „Es war ein guter Test mit eigenem Ballbesitz, vielen Ballkontakten, dem Versuch das Spieltempo zu erhöhen. Das war auch der Trainingsinhalt der vorangegangenen Tage. Deshalb war es eine Abrundung der Trainingsarbeit dieser Woche“, sagte der Coach nachher, räumte allerdings ein, dass sein Team eine träge erste Hälfte geboten und erst in der zweiten Halbzeit druckvoller agiert habe.

„Wir haben verschiedene Ansätze versucht. Wir wollten den Ballbesitz. Im Wissen, dass du anfällig bist für Konter, wenn du viel den Ball hast und hoch im Feld stehst. Zweite Halbzeit war es besser, weil wir besser und aggressiver im Pressing waren und etwas druckvoller hinten raus gespielt, das Tempo erhöht haben. Was gefehlt hat, war das bekannte Problem auf den letzten 25 Metern vor dem Tor, Großchancen herauszuarbeiten. Die Arbeit geht uns nicht aus.“

Bis zum Sechzehner sah das meist ordentlich aus. Vor allem wenn wie nach der Pause die Innenverteidiger Alexander Hack und Jean-Philippe Gbamin mit flachen Vertikalpässen Druck und Tempo ins Spiel brachten. Doch vor dem Strafraum fehlte oft wieder die Idee, um die gegnerische Kette in Bredouille zu bringen. Auch weil auf den Außenbahnen die Stürmer gegen doppelnde Verteidiger zu oft das Tempo rausnahmen, die Eins-gegen-eins-Situation vermieden. Oder weil es Bojan Krkic, der engagiert auf der Zehn spielte, nicht gelang Bälle in die Tiefe durchzustecken. Genauso wenig wie Pablo De Blasis, der immer wieder in die Halbräume drängte. „Wenn es der Zehner nicht schafft sich zu drehen und Überzahl herzustellen mit einer Aktion gegen die Kette, wird’s schwierig“, sagte Schmidt. Dass die 05er mit zunehmender Spieldauer dann aber doch mehr Gefahr aufbauten, lag an der Einwechslung von Cordoba und dessen Behauptungswillen sowie daran, dass der Trainer auf die Doppelspitze umstellte mit Robin Quaison als zweiten Stürmer. „Wir kamen dann immer wieder gut auf den Seiten durch, aber der letzte Pass in die Box und die Flanke war zu oft nicht da. Daran müssen wir weiter arbeiten. Dennoch hatten wir mehr Aktionen hinter der Kette, die wir vorher so nicht hingekriegt haben.“

Comeback von Onisiwo

Vielversprechend war dabei das Comeback von Karim Onisiwo, der nach langer Verletzungspause seinen ersten Einsatz absolvierte und ansprechende Aktionen auf dem Flügel zeigte. Auch das Experiment mit Gerrit Holtmann als linkem Verteidiger darf durchaus als gelungen angesehen werden. „Wir wollten das mal probieren, weil wir links sonst nur Daniel Brosinski haben und im Moment nicht wissen, wie schnell es bei Gaetan Bussmann mit seinen Adduktorenproblemen voran geht“, sagte der 05-Trainer. „Wenn der Gegner tief steht und du hast hinten einen dran, der Tempo mitbringt und immer wieder hinterläuft, ist das manchmal besser als vorne dauernd im Rücken angespielt zu werden und nicht Fahrt aufnehmen zu können. Das war die Idee. Das hat mit Gerrit etliche Male geklappt. Er ist ein paar Mal durchgekommen, aber es fehlte noch die letzte Genauigkeit.“ Schmidt sieht darin eine Option, Holtmann in der Bundesliga als Einwechselspieler nicht vorne rein zustellen, sondern den schnellen Mann aus der zweiten Linie anschieben zu lassen.

„Wir haben in dieser Woche sehr intensiv trainiert. Am Samstag kommt noch eine weitere intensive Einheit dazu. Die Mannschaft wird dann zwei Tage durchschnaufen, den Kopf lüften. Ab Dienstag werden wir mit aller Macht weitermachen und uns auf Ingolstadt vorbereiten“, so Schmidt. „Wir können nicht sagen, wir wechseln das System und die ganzen Positionen. Wir müssen das, was wir können, richtig auf den Platz kriegen. Dazu gehört auch, mit den Spielern im psychologischen Bereich zu arbeiten. Es dürfen sich keine Ängste oder was auch immer einschleichen. Das geht übers Training und über die Inhalte“, betonte der Coach. „Aufbruchsstimmung erzeugen. Das, was gut ist, anschieben, die Stärken fördern. Teamsitzungen. Analysen der Trainingswoche. Feedback an die Spieler. Eigenmotivation stärken.“ Aber auch Rückschläge verkraften und akzeptieren, ohne in Panik zu geraten. „Die Spieler wissen ja auch, dass wir nicht neun Spiele gewinnen werden. Die sind darauf vorbereitet mit Niederlagen umzugehen. Die Negativ-Szenarien sind außerhalb viel tiefer drin als intern“, sagt Schmidt. „Wir glauben viel mehr an unsere Stärken und kehren stärker das heraus, wie wir damit das nächste Spiel angehen, als nur daran zu denken, wie es wäre und was passieren könnte, wenn wir das nächste Spiel verlieren. Das ist ein anderer Ansatz“, betonte der 05-Trainer. „Unsere Arbeit besteht nicht darin, dauernd die Gefahren aufzuzeigen, die drohen. Wir können uns nicht an den Schwächen orientieren, sondern müssen die vorhandenen Stärken anschieben.“

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