Neuer Kampf um die Nummer eins

Jörg Schneider. Mainz.
Mit dem Beginn der Winter-Vorbereitung Anfang Januar ist beim FSV Mainz 05 der Konkurrenzkampf um den Platz im Tor neu eröffnet. Jonas Lössl, der bisherige Stammkeeper des Bundesligisten, muss sich den Herausforderern stellen. „Nirgendwo ist eingemeißelt, wer die Nummer eins ist. Die Anderen haben aufgeholt, und wir werden sehen, wie Jonas mit dem zusätzlichen Druck umgeht“, sagt Martin Schmidt. Die Anderen, das sind Jannik Huth und Florian Müller, der in der internen Rangliste Gianluca Curci überholt hat. Der Italiener, dessen Vertrag im Sommer ausläuft, dürfte keine Zukunft am Bruchweg haben.

Angriff auf die Nummer eins: Jannik Huth will Jonas Lössl den Platz im Tor streitig machen. Gianluca Curci dürfte am Bruchweg keine Zukunft haben. Foto: Jörg Schneider30 Gegentore in 16 Bundesligaspielen. Das ist der Wert in der Halbjahres-Statistik, der dem FSV Mainz 05 zu schaffen macht. „Grottenschlecht“, sagte Martin Schmidt dazu und kündigte nach der Derby-Niederlage am Dienstag in Frankfurt an, dass die Arbeit an der Defensiv-Organisation eines der Schwerpunkt-Themen der Rückrunden-Vorbereitung im Januar sein wird. 30 Gegentore. Neun mehr als zum gleichen Zeitpunkt der Vorsaison. Da könnte man von außen betrachtet auf die Idee kommen, an der Qualität des Personals zu zweifeln und zu fragen, ob es nicht an der Zeit sei, in dieser Winter-Transferperiode über die Verpflichtung eines zusätzlichen Innenverteidigers oder sogar eines Torhüters nachzudenken, da gerade die Profis auf diesen Positionen in der ersten Halbserie immer wieder in der Kritik standen. Doch zumindest öffentlich erteilen Trainer und Sportdirektor solchen Transfer-Überlegungen eine klare Absage. „Von der Qualität unserer Innenverteidiger bin ich hundertprozentig überzeugt“, sagt der 05-Trainer. Und bei den Torhütern sei man aus den eigenen Reihen gut aufgestellt. „Es gab Abstimmungsprobleme, die wir hinkriegen werden mit mehr Kontinuität.“ Künftig werde innerhalb der hinteren Viererkette sicherlich nicht mehr so häufig gewechselt wie in der Phase der Europaliga-Einsätze. „Wer in der Startelf ist, fliegt nicht so schnell wieder raus. Ich bin überzeugt davon, wenn sich zwei Innenverteidiger über mehrere Partien fest spielen, dass wir da sicherer und stabiler werden.“

In der Torhüter-Frage haben sich intern die Verhältnisse verschoben. Für Gianluca Curci, im Sommer 2015 als Nummer zwei im Tor verpflichtet, wird es eng am Bruchweg. Der Italiener hat seinen Platz eindeutig an Jannik Huth verloren und musste inzwischen auch Nachwuchs-Keeper Florian Müller an sich vorbeiziehen lassen. Der Vertrag des 31-Jährigen läuft im Sommer aus und dürfte wohl auch nicht verlängert werden. „Er ist dauernd verletzt oder angeschlagen. Wir kriegen ihn nie richtig auf Bundesliganiveau. Für ihn wird es schwierig, weil wir Huth und Müller mit Riesenschritten davon eilen sehen“, sagt der Trainer. Rouven Schröder betont, dass die Vertragssituation bei Curci dem Klub die Option gebe, für die Zukunft zu reagieren. Priorität habe allerdings die Entwicklung der Torhüter im Klub.

Ist der junge Florian Müller bereits auf der Überholspur? Foto: Jörg Schneider Schmidt jedenfalls hat für die Vorbereitung jedenfalls einen stärkeren Konkurrenzkampf im Tor als bisher angekündigt. „Wir haben mit Huth und Müller zwei Torhüter, denen wir hundertprozentig zutrauen, dass sie in absehbarer Zeit Bundesliga-Torhüter werden. Ganz klar. Die machen Druck. Der Druck von Huth ist seit vielen Wochen sehr hoch und konstant“, sagt der 49-Jährige. „Nirgendwo ist eingemeißelt, wer die Nummer eins ist. Da kann plötzlich ein Müller auf die Überholspur kommen. Oder Jannik macht eine Top-Vorbereitung und steht beim ersten Spiel zwischen den Pfosten. Alles ist möglich. Im Sommer was es so, dass Jonas durch seine Reputation und Erfahrung den Vorsprung hatte, und wir ihm das Vertrauen gegeben haben. Die Anderen haben aber aufgeholt, und wir werden sehen, wie Jonas mit dem zusätzlichen Druck umgeht.“

Lössl, obwohl schon 27 Jahre alt, brauche ebenfalls noch Entwicklung. Das Problem des Dänen: Anders als sein Vorgänger Loris Karius, der sich im Hintergrund in Ruhe als Nummer eins entwickeln und auf dem Weg dahin seine Fehler weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit machen konnte, steht Lössl im Fokus. „Er muss die Schritte in der Öffentlichkeit machen. Die Fehler sieht dann jeder“, sagt Schmidt. „Wenn Loris damals von Anfang an im Rampenlicht gestanden hätte und nicht in der U23, hätte es ähnliche Reaktionen gegeben wie jetzt bei Lössl. Und dann ist Karius als Messias aus der Stadt gegangen.“ Deshalb müsse man auch dem neuen Keeper die Zeit zur Reife gönnen. „Was ihm sicherlich auch nicht entgegenkam, war der dauerhafte Wechsel der Innenverteidigung und die fehlende Stabilität vor ihm. Durch unsere inkonstante Abwehrarbeit haben wir ihm nicht geholfen. Karius hätte in diesem Herbst auch nicht so aussehen können wie im letzten Jahr, als wir hinten gestanden haben wie eine eins.“

Unveränderter Spielstil

Den Spielstil des Teams will Schmidt in der zweiten Halbserie allerdings nicht ändern. „Das ist unsere Philosophie. Wir sind das Team mit den meisten Ballverlusten in der gegnerischen Hälfte, aber auch das mit den meisten Ballgewinnen in der gegnerischen Hälfte. Da sind wir in der Rangliste mit Leipzig und Leverkusen ganz vorne. Du verlierst den Ball häufiger, wenn du wie wir jeden Ball versuchst in die Spitze zu spielen. Wenn du mehrfach quer spielst hast du die Quote besser, aber kriegst weniger Chancen daraus. Wir spielen fünf Bälle, die wir erobern, direkt in die Spitze und kommen mit einem oder zwei davon durch“, erklärt der Trainer. „Das haben wir in Frankfurt gesehen. Die Umschalter, die wir hatten, hätten reichen müssen, um mit einem klaren Vorsprung in die Pause gehen zu können.“

Der Umschalt-Fußball berge immer eine gewisse Gefahr. Das Tempo beim schnellen Rausrücken und die möglichst hohe Beteiligung am Umschaltspiel erhöhe das Risiko in der Gegenbewegung. „Wir sind mit dieser Art zu spielen aber Sechster geworden, sind jetzt trotz der Mehrbelastung in der Vorrunde Zehnter“, betont der Coach. „Für mich ist die Jahrestabelle als Abgleich wichtig. Und da sind wir in den Top-sechs. Das ist ein Zeichen, dass wir da auf einem guten Weg sind. Wir sind als Mainz 05 nicht so weit zu sagen, wir spielen Fußball wie Dortmund. Ich glaube, dass wir unser Spiel mit Ball verbessert haben, dass wir da große Fortschritte machen im eigenen Ballbesitz.“  Das zeigten die Heimsiege gegen schwer zu bespielende, tiefstehende Gegner. „Wir haben zu Hause Darmstadt, Ingolstadt, Freiburg, den HSV geschlagen. Gegen die haben wir letztes Jahr hier nicht gewonnen. Wir haben dieses Jahr so viele Tore aus Ballbesitz oder auch aus Standards geschossen wie vorher nie. Da hatten wir nur Tore aus Umschaltung und Konter“, sagt der Schweizer. „Das  Spiel radikal zu ändern, zu sagen, unser Spiel ist zu hektisch, wir bringen Ruhe rein, spielen von hinten raus mit Positionsspiel und lassen den Ball laufen, wäre für uns der falsche Weg. Unser Weg wird funktionieren. Wir müssen offensiv schärfer werden, die Defensiv-Stabilität wieder reinbringen in die Kiste, dann werden wir wieder erfolgreicher Fußball spielen als im letzten halben Dutzend Spiele.“

Er habe jedenfalls ein positives Gefühl. „Ich hätte die Konstellation, wie sie jetzt ist, im Sommer so unterschrieben. Die 20 Punkte. Die neun in der Euroliga ebenfalls. Es war eine solide Halbjahressaison. Aufgrund der besonderen Europapokal-Umstände sogar eine sehr solide. Dass wir im Mittelfeld drin sind, dass wir gegen die Teams hinter uns gewonnen haben. Aber ich nehme auch viel Kritisches mit, an dem wir arbeiten müssen. Unser Auftrag heißt größere Stabilität gegen den Ball. Das werden wir angehen, wenn es wieder losgeht. Es hätte alles besser sein können, aber es hätte auch viel schlechter sein können.“

 

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