Neue Herausforderung nach dem Tiefschlag

Jörg Schneider. Mainz.
Das 1:6-Debakel in der Europaliga beim RSC Anderlecht ist noch extrem präsent und längst nicht verdaut, da ist das Team des FSV Mainz 05 schon wieder unterwegs zur nächsten schweren Prüfung. Am Sonntag müssen die 05er in der Bundesliga beim Tabellenzweiten in Leipzig ran und möglichst ein anderes Gesicht zeigen. Trotz der allgemeinen Skepsis blickt der Sportdirektor positiv nach vorne. „Ich finde, dass die nun anstehende Partie in Leipzig auch genau das Richtige dafür ist, weil da die Erwartungshaltung eine andere ist. Diese Situation ist eine absolute Herausforderung für uns. Gerade nach einem solchen Spiel zeigen zu wollen, dass es auch anders herum gehen kann“, sagt Rouven Schröder.

Der Trainer des RSC Anderlecht hatte am Donnerstagabend zu später Stunde im Gespräch mit der nullfünfMixedZone das Gefühl, etwas gerade rücken zu müssen. Der FSV Mainz 05 sei in diesem Europaligaspiel nicht erheblich schlechter gewesen, schon gar nicht um fünf Tore, sagte René Weiler. Das ändere nichts daran, dass seine Mannschaft verdient gewonnen habe, weil sie gut gespielt und sehr vieles in dieser Partie sehr gut macht habe. „Die Niederlage ist jedoch eindeutig zu hoch ausgefallen, aber das passiert dann in solchen Situationen schon mal, wenn der Gegner alles auf eine Karte setzt und ab einem gewissen Punkt alles oder nichts spielt“, sagte Weiler nach dem 6:1 Sieg der Belgier im eigenen Stadion.

Der Schock saß tief bei Martin Schmidt und Rouven Schröder nach dem 1:6-Debakel von Anderlecht. Der 05-Sportdirektor gab sich am Tag danach jedoch sachlich und zuversichtlich vor der Herausforderung, die in Leipzig auf das 05-Team wartet. Foto: Imago Die Mainzer sind an diesem Europapokal-Abend bitter bestraft worden für ihr fehlerhaftes Spiel auf nahezu allen Positionen, das man in dieser Ausprägung selten erlebt hat. Ob das die ungenügende eigene Chancenverwertung war oder die vielen Nachlässigkeiten, die den Belgiern die entscheidenden Tore ermöglichten und am Ende zum eigenen Total-Zusammenbruch führten. „Wir haben zum richtigen Zeitpunkt unsere Tore gemacht und den Vorsprung gehalten“, sagte Weiler. Die Phase nach dem 3:1 sei jedoch kritisch gewesen, da habe durchaus einiges passieren können. Die Mainzer nutzten die Gelegenheit jedoch nicht und kassierten stattdessen Prügel, wie seit Jahren nicht mehr. Martin Schmidt begann schon in der belgischen Hauptstadt mit der Aufarbeitung, schottete seine Mannschaft ab. „Eine Wagenburg bilden“, nannte es der Trainer. „Die Fehler ergründen und besprechen. Kritik üben, nichts schönreden, aber Fassung bewahren, sachlich bleiben und nicht mit dem Holzhammer draufschlagen, um es nicht noch schlimmer zu machen.“

Bei aller Enttäuschung blieben die 05er sachlich, wohlwissend, dass es wenig sinnvoll ist, nun auch noch intern auf die Spieler einzuprügeln, denn die müssen morgen schon wieder die nächste schwere Prüfung angehen und sollten im Auswärtsspiel beim Tabellenzweiten in Leipzig nicht wie ein gedemütigter und komplett verunsicherter Haufen antreten. Sondern sich darauf besinnen, dass sie ihre Aufgaben in der Bundesliga bis jetzt doch ganz ordentlich erledigt haben und dies weiterhin so tun können. Auch wenn dieses 1:6 von Anderlecht Spuren hinterlassen hat und im Rahmen der Möglichkeiten im Kader wahrscheinlich auch personelle Konsequenzen mit sich bringt. „Natürlich ist es absolut denkbar, dass der Trainer Änderungen vornimmt“, sagte der Sportdirektor. „Aber vielleicht gibt er ja auch denen, die gespielt haben, die Chance es jetzt besser zu machen.“    

Über das alles muss geredet werden und wird auch gesprochen am Bruchweg und auf der Reise nach Sachsen, wohin die Mainzer inzwischen unterwegs sind. „Wir sind mitten in der Aufarbeitung“, sagte Rouven Schröder am Freitag. Der Sportdirektor stellte sich den Medien zu einer Gesprächsrunde anstelle einer Pressekonferenz vor dem Spiel. „Wir sagen nicht, Brüssel war gestern. Vergessen und weiter geht’s. Es gibt genügend Dinge anzusprechen“, betonte Schröder, der jedoch davon überzeugt ist, dass sein Trainer dafür der richtige Mann ist und dies mit der entsprechenden Sorgfalt und dem nötigen Fingerspitzengefühl tue. Er selbst sehe im Moment keine Veranlassung, um mit einer Brandrede vor die Mannschaft zu treten. Das sei eher kontraproduktiv. „So etwas nutzt sich auch ab. Martin ist die starke Person an der Mannschaft. Es nützt nichts, wenn der Sportchef reinmarschiert und eine Rede hält. Wir haben da eine gute Kommunikation und sprechen alles ab“, sagte der 41-Jährige. „Wir haben zusammen verloren, zusammen schlecht verteidigt und genügend Möglichkeiten zusammen vergeben. Wir wissen, was wir für ein Spiel gemacht haben.“ Trotzdem müsse es nun weiter gehen und man müsse versuchen, positiv und fokussiert auf die nächste Herausforderung nach Leipzig fahren.

Schröder war auch am Tag danach weit davon entfernt, seine  gewohnt sachliche Herangehensweise zu ändern, auch wenn er eingestand: „Das Spiel hat mich richtig geärgert. Vor allem, wenn man das Gesamte sieht. Wie viele Fans uns dort unterstützt haben, die das gesamte Kontingent ausgeschöpft haben. Das Gesamtprojekt Anderlecht hat allen wehgetan. Diese Breitseite gibt dem Ganzen nochmal ein schlechteres Gefühl. Das ist sicher eine Sache, die wir zur normalen Analyse zusätzlich aufarbeiten müssen. Um so etwas abzustellen und die Wahrnehmung aller zu schärfen.“

Eine 1:3-Niederlage wäre für Schröder schon bitter genug gewesen. „Weil wir uns so viel vorgenommen hatten. Dann passieren diese fünf Minuten, in denen du dir alles umschmeißt. Trotzdem hatten wir im Spiel nie das Gefühl, dass wir chancenlos sind, nicht im Spiel sind. Wir hatten immer das Gefühl gehabt, wenn wir das zweite Tor schießen, sind wir dran. In der zweiten Halbzeit hatten wir fünf klarere Möglichkeiten. Selbst die Anderlechter, mit denen ich gesprochen habe, sagten bei aller Erleichterung über den Sieg, dass er viel zu hoch war. Das ist nochmal ärgerlicher.“ Es führe aber kein Weg daran vorbei, positiv nach vorne zu schauen. „Wir versuchen die Spieler auf die Fehler hinzuweisen. Ich würde die Situation in Brüssel schon gerne abtrennen von den anderen Spielen mit späten oder unnötigen Gegentoren. Ich hatte keine Sekunde lang das Gefühl, dass die Mannschaft nicht fit oder müde ist. Die Mannschaft wollte es unbedingt drehen, sie wollte wieder rankommen. Das war vielleicht zu leidenschaftlich. Vielleicht zu hohes Risiko. Der Anstoß nach dem 4:1 war wie im Hallenfußball. Alle nach vorn. Besser wäre es wohl gewesen zu sagen, wir haben das Spiel leider verloren, jetzt machen wir hinten dicht und fahren nach Hause. So hat diese Partie eine Note bekommen, die unnötig war.“

Wichtiger Schuss vor den Bug?

Schröder glaubt aber, die Mannschaft sei so gestrickt und in dieser besonderen Situation durchaus in der Lage, den Schalter schnell umzulegen und den Blick Richtung nächstes Spiel zu richten. „Vielleicht war es einfach mal gut, alles in einem Spiel zu erleben, mal richtig einen vor den Bug zu bekommen, um wieder die Sinne zu schärfen und nicht in eine Negativspirale zu kommen“, betonte der Sportchef. „Ich finde, dass die nun anstehende Partie in Leipzig auch genau das Richtige dafür ist, weil da die Erwartungshaltung eine andere ist. Diese Situation ist eine absolute Herausforderung für uns. Gerade nach einem solchen Spiel zeigen zu wollen, dass es auch anders herum gehen kann.“ Das Brüsseler Ergebnis sei sicherlich sehr stark prägend. „Man darf sich aber von diesem einen Spiel nicht blenden und alles in Frage stellen lassen. Wir haben im Pokal enttäuscht. In der Europaliga war es trotz dieses Spiels eigentlich bisher ordentlich. In der Bundesliga finde ich uns gut. Wir haben eine gute Ausgangssituation und vor allen Dingen viel Abstand nach unten.“

Trotz der allgemeinen Skepsis nach dem Anderlecht-Fiasko sieht der Mainzer Sportdirektor sein Team morgen nicht chancenlos. Auch wenn der Tabellenzweite bisher komplett überzeugt habe und natürlich die Favoritenrolle einnehme. „Dass sie die für sie neue Liga so schnell adaptieren, ist bewundernswert. Die merken jetzt, sie können die Bundesliga positiv gestalten und machen es einfach gut. Neben den Rosinen im Kader verfügen sie inzwischen über eine gewachsene Einheit. Da ist viel Gemeinschaftsgefühl drin. Ihr Fußball ist geprägt von der Offensive mit vielen kreativen Momenten, Läufen in die Schnittstellen, vielen eins gegen eins Situationen“, so Schröder. „Das wird eine echte Herausforderung. Ich finde es positiv, dass wir bis jetzt die Spiele, die ein Gradmesser für uns sind, gewonnen haben. Nun müssen wir damit anfangen, auch gegen die Teams aus der oberen Tabellenhälfte zu punkten. Da haben wir noch was nachzuholen. Deshalb gehen wir nach Leipzig, um unser Punktekonto auszubauen.“

Schröder geht in die Offensive und das ist gut so. Der Mainzer Blick muss nach vorne gerichtet sein. Auch oder gerade nach einem solchen Tiefschlag. So etwas kommt vor im Fußball. Der zweite Intensiv-Block dieser Saison ist nun erheblich schlechter gelaufen als der erste. Das ist eine Situation, die von Anfang an im Bereich des Möglichen lag. Wichtig ist, mit dieser Lage vernünftig umzugehen, seine Lehren daraus zu ziehen, einer jungen, unerfahrenen Mannschaft das Vertrauen auszusprechen und ihr die Möglichkeit zu geben, ihre Fehler wettzumachen. Selbst wenn das nicht immer von heute auf morgen geht. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die Beharrlichkeit in der Arbeit, das Vertrauen in den eingeschlagenen Weg am Ende zu positiven Abschlüssen und Erfolgen führt.

In Leipzig hat das jetzt schwer angeschlagene 05-Team die Chance sich zu rehabilitieren, sich im letzten Auftritt vor der Länderspielpause anders zu präsentieren und alles rauszufeuern, was da ist. Eine spannende Geschichte.

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