Neid ohne Respekt

Christian Karn
Gerade erst sagte René Adler, es gäbe in Deutschland viele, die hoffen, dass es nicht funktioniert beim Hamburger SV. Stimmt. Neben dem Klassiker Bayern, der beide Enden des Spektrums besetzt, und dem Marketingprojekt in Leipzig ist der HSV in diesen Jahren einer der unbeliebtesten Klubs in Deutschland, immer noch mit vielen Fans, aber auch mit vielen Verächtern. Das hängt damit zusammen, dass der HSV weiterhin überdurchschnittliches Potenzial hat, auch finanzielles Potenzial, aber seit Jahren überhaupt nichts Vernünftiges damit anzufangen weiß - und trotzdem jedes Jahr wieder damit durchkommt. So etwas mögen die Leute nicht.

Der HSV. Die Interjektion "oje" drängt sich vehement auf und irgendwann in der Zukunft, mit ein bisschen Abstand, wird wirklich mal jemand aufarbeiten müssen, wie ein so renommierter, so bedeutender, so großer Verein mit einem solchen Standortvorteil so heruntergewirtschaftet werden, so zur Witzfigur verkommen konnte. Der HSV ist (dank zunehmend enger aufeinanderfolgender Wunder) immer noch der ewige Erstligist, seit seiner Gründung immer auf der höchsten Ebene, die es in Deutschland gibt. Er ist immer noch der Verein, dessen voller Name Hamburger Sportverein nicht genannt werden muss; die Abkürzung genügt, um zu wissen, worum es geht. Er ist mit über 75.000 Mitgliedern einer der größten Sportvereine Deutschlands, sechsmaliger Deutscher Meister (zuletzt 1979, 1982 und 1983, als der HSV Nachfolger von Borussia Mönchengladbach als oberster Herausforderer der Bayern war, dies aber nicht zu stabilisieren vermochte), er stand in fünf Europapokalfinalen und gewann zwei davon. Er war der erste deutsche Verein, der bereits in den 1990ern in einer Fußballarena modernen Zuschnitts spielte und ist im mittleren Norden - da, wo Werder Bremens Einzugsgebiet nicht mehr hinreicht - seit Jahrzehnten konkurrenzlos; daran ändert auch der überregional ausgerichtete Nischenverein FC St. Pauli nichts. Das alles muss doch irgendetwas wert sein.

Der HSV hat noch nie unterhalb der höchsten Liga gespielt. Mittlerweile stellt sich die Frage, wie er das geschafft hat, immer deutlicher. Foto: imagoGleichzeitig ist der HSV halt der einzige Verein, der seit Wiedereinführung der Relegation zweimal nachsitzen musste, um in der Bundesliga bleiben zu dürfen. 2014 rettete er sich mit zwei Unentschieden gegen Fürth und einem Auswärtstor, 2015 mit einem wohl gerade so vertretbaren Freistoß tief in der Nachspielzeit des Rückspiels und einem Siegtor in der Verlängerung gegen Karlsruhe. Und in diesem Jahr ist er nach sieben Spielen schon wieder auf dem Relegationsplatz - nach zwei Auftaktsiegen und kurzem Jubel gab es aus den folgenden fünf Partien nur noch einen Punkt gegen den Vorletzten Werder Bremen und 0:10 Tore.

2012 war der HSV Fünfzehnter mit beruhigendem Vorsprung, und die übrigen Jahre zeigen, dass die sportliche Misere gar nicht so groß ist, wie alle behaupten - nach einem schleichenden Abstieg von Platz 3 (2006) über die Plätze 4, 5, 7 und 8 (2008-11) wurde der HSV außerdem Siebter (2013), Zehnter (2016) und wiederum mit Vorsprung Vierzehnter (2017). Das ist solides Mittelmaß, auch nicht so wesentlich schlechter als der 1. FC Köln, Werder Bremen, der VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt. Warum also gibt René Adler, der Ex-Hamburger, zu Protokoll, "dass es in Deutschland viele gibt, die hoffen, dass es nicht funktioniert dort"? Er könne die Unruhe im schwierigen Umfeld offen ansprechen, ohne dem Ex-Klub auf die Füße zu treten, entschied der neue Torwart des FSV Mainz 05, die aktuellen HSV-Spieler täten das ja auch kund.

Weil der HSV die Rolle übernommen hat, die der 1. FC Köln zuvor gespielt hat. Der FC kam mit seinem rheinischen "et kütt, wie et kütt"-Charme, mit dem geradezu manischen Auf und Ab zwischen grenzenloser Euphorie und Untergangsstimmung, letztlich wohl auch dank seiner Ab- und Wiederaufstiege durch seine Chaosjahre, die irgendwann nach der Entlassung von Christoph Daum während der WM 1990 begannen und 2012/13 nach dem letzten Abstieg nicht mit der ersten, aber mit der ersten erfolgreichen Neuaufstellung des Vereins endeten. Der HSV kriegt das nicht hin. Die Bundesliga wird ihn einfach nicht los. Ob der Verein einen Abstieg wegstecken würde, weiß natürlich kein Mensch; wahrscheinlich schon. Der VfB Stuttgart hat's gezeigt, der 1. FC Köln hat's wiederholt gezeigt, Eintracht Frankfurt und Hertha BSC haben es wiederholt gezeigt, dass großregionale Marktführer im deutschen Fußball so schnell nicht kaputt gehen; selbst der 1. FC Kaiserslautern als Nummer Eins einer kleinen, schwachen Region, damit ohne den Standortvorteil, existiert trotz einer jahrzehntelangen Misere immer noch im Profifußball. Um kaputtzugehen, musste man sich schon im Schatten der Mächtigen bemerkenswert dämlich anstellen, so wie München 1860 eben nicht neben den Bayern, so wie Alemannia Aachen im Rückraum von Gladbach und Köln. Möglicherweise wie der KSC, der Hoffenheim nicht standhalten konnte.

Wahrscheinlich würde der HSV einen Abstieg überleben. Wahrscheinlich würde er sogar wieder ein bisschen weniger unbeliebt sein. Ein bisschen wirkt es halt schon immer wieder so, als würde er sich die Erstklassigkeit und das Weiterticken seiner berühmten Stadionuhr mit... was eigentlich erschleichen? So ganz unlauter sind nicht mal die Mittel, die der Milliardär Kühne immer wieder in den Verein pumpt, zumindest sind sie kein Alleinstellungsmerkmal. Andere Bundesligisten haben auch solche Leute, solche Förderer, solche Geldquellen. Aber die verlieren nicht ständig 0:8, 0:5, 0:8, 0:5, 2:9, 0:5, 0:6 gegen die Bayern (ein 0:1, ein 1:2, ein 0:0 in den letzten sieben Begegnungen sollen dabei nicht unter den Tisch fallen). Die kassieren nicht innerhalb einer einzigen Bundesliga-Hinrunde Hattricks von vier verschiedenen Spielern, unter anderem von einem nicht offensiven Mittelfeldspieler und von einem 15-Minuten-Joker. Die tauschen nicht ständig alle Entscheidungsträger unterhalb des zu mächtigen und zu fachfremden Aufsichtsrats aus. Die wissen mit dem großen Potenzial etwas Vernünftiges anzufangen.

Ist es also auch eine Neiddebatte? Ja, natürlich. Eine, die dadurch eskaliert, dass mit dem natürlichen, menschlichen Neid, den ein Mainzer, Freiburger, Augsburger auch auf die Möglichkeiten von Gladbach oder Leverkusen, den ein Gladbacher oder Leverkusener auf die Möglichkeiten von Leipzig, Dortmund und München haben muss, eben kein bisschen Respekt mehr einhergeht vor guten Leistungen, guten Strategien, guter Philosophie. Ausgerechnet noch in einer Stadt, die wie wenige andere für alteingesessenen, nordischen, irgendwie stilvollen Geldadel steht, gebärdet sich ausgerechnet der aus genau diesem Geldadel stammende Klub wie ein zufälliger Lottogewinner ohne Manieren. Und das ist nicht gut.

Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.