Mit schwerem Rucksack vor die Wand

Jörg Schneider. Mainz.
Dem 4:0-Erfolg zur Eröffnung der Opel Arena folgte ein 0:3 im Testspiel gegen den 1. FC Köln am Donnerstag. Eine deutliche Schlappe, die offenbar der Trainingssteuerung geschuldet war und der Absicht, die Profis des FSV Mainz 05 auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Martin Schmidt hatte sein Team vor dem Duell mit dem Bundesligarivalen bewusst einer sehr hohen Belastung ausgesetzt. „Wir wollen eine intensive Vorbereitung bis zum Ende durchziehen. Und nicht in der drittletzten Woche schon entlasten. Dann fehlen uns später irgendwann die Körner“, sagte der Trainer. „Ich weiß, dass wir es besser können als wir es heute gemacht haben.“

Wer sich am Sonntag das Testspiel des FSV Mainz 05 gegen Rot-Weiß Erfurt ansehen möchte, sollte gewarnt sein und nicht mit allzu hohen Erwartungen zum Bruchweg pilgern. Die letzte Testpartie dieser Sommer-Vorbereitung, die fünfte Begegnung innerhalb von elf Tagen, ist nicht so angelegt, dass der Bundesligist dem Publikum eine Mannschaft präsentiert, die mit großer Frische spielerische Glanzlichter produzieren und zwei Wochen vor dem Saisonstart eine beachtliche Frühform zeigen könnte. Der Auftritt gegen den Drittligisten wird eher dem ähneln, was die 05-Profis am Donnerstag bei der 0:3-Niederlage gegen den 1. FC Köln auf den Platz brachten. Vielleicht nicht in der Ausprägung wie gegen den Bundesligarivalen, weil der kommende Gegner nicht die Qualität der Kölner in seinen Reihen hat. Doch der 05-Trainer schickt seine Spieler mit einem gleichermaßen schwer gepackten Rucksack in die abschließenden 90 Testminuten dieser Saison-Vorbereitung.

Jonas Lössl (hier gegen Yuya Osako) war an den drei Kölner Gegentoren machtlos. Der 05-Keeper war trotzdem der beste Mainzer im Testspiel. Foto: Imago Martin Schmidt machte nach der klaren Schlappe gegen die Kölner deutlich, dass sich seine Erwartungshaltung in der aktuellen Phase nicht auf Ergebnisse bezieht und auf schöne Spielzüge, sondern darauf, physische und mentale Widerstandskraft in seinem Kader zu fördern und durch extrem hohe Belastung im Vorfeld Situationen zu provozieren, die demnächst in der Dreifachbelastung mit DFB-Pokal, Bundesliga und Europaliga zum Alltag gehören werden. „Wir wollen eine intensive Vorbereitung bis zum Ende durchziehen. Und nicht in der drittletzten Woche schon entlasten. Dann fehlen uns später irgendwann die Körner“, sagte der 49-Jährige nach dem 0:3, in dem sein Team gegen einen starken und von der Belastungssteuerung her ganz anders ausgerichteten 1. FC Köln in allen Bereichen klar unterlegen war. „Ich kann jetzt sagen, was der Kloppo am Sonntag gesagt hat: Wir haben es uns bewusst schwer gemacht. Das sind wichtige Erfahrungen“, erklärte Schmidt. „Wir wollen in diesen englischen Wochen den Druck hochhalten, auch den psychischen Druck. Einige Spieler haben damit zu tun, dass sie nicht spielen. Einige haben damit zu tun, dass sie nicht gut spielen. Der nächste Spieler hat damit zu tun, dass er kaputt ist und sich aufraffen muss fürs nächste Training und das nächste Spiel, in dem er eine Aufgabe kriegt und diese erfüllen muss. Wir wissen, dass wir in dieser Woche nicht dreimal ein Liverpool-Spiel abliefern können. Das reicht in dem Bereich noch nicht. Das aber testen wir jetzt alles aus und wollen uns verbessern.“

Am Ende des Trainingslagers in Italien hatte der Coach das Pensum für seine Mannschaft etwas reduziert, um im Heimspiel gegen den Klopp-Klub in einem vollen Stadion ein starker Gegner sein zu können. Da waren die Mainzer frischer, giftig im Zweikampf, mit guter Defensivordnung und phasenweise schnellem Umschaltspiel, das zu den vier Toren geführte hatte gegen eine Mannschaft, die in etwa so drauf war die 05er nun gegen Köln. Da waren die 05-Profis müde, mit Blei in den Beinen und fern des Leistungsvermögens vom Sonntag. „Ergebnis und Spiel waren nicht gut, aber genauso wie ich es mir vorgestellt habe. Heute haben zwei Teams gespielt, die nicht in der gleichen Verfassung waren. Wir sind in der zweiten englischen Woche mit hoher Trainingsbelastung zwischen den Spielen. Das ist genau das, was ich provozieren und austesten will. Mit Müdigkeit ins nächste Training, mit Vorermüdung ins nächste Spiel. Am Freitag dann wieder eine harte Trainingseinheit, am Samstag zwei Trainingseinheiten, und am Sonntag im Spiel werden wir noch müder sein. Das ist der Prozess, den wir jetzt durchgehen. Ich habe ja prophezeit vor Italien, dass es in den nächsten zwei Wochen brutal hart werde. Jetzt sind wir genau da drin. Mit einem schweren Rucksack ins nächste Spiel rein. Da können wir das abbilden, was auf uns zukommt. Das gehört alles zu unserer Vorbereitung. Deshalb hat es heute nicht so ausgesehen wie gegen Liverpool. Heute hat man gesehen, dass wir in den Zweikämpfen zu spät waren, der Ball schnell weg ging, die Präzision gefehlt hat und die Köpfe schnell nach unten gingen. Gegen einen frischeren Gegner gibt’s da schon mal ein 0:3.“

Training für die psychische Widerstandskraft

Gut möglich, dass der Coach seinen Spielern auch deshalb vor der Köln-Partie so viel draufpackte, um das Team nach dem 4:0 gegen den Europaliga-Finalisten schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen und keine Zufriedenheit aufkommen zu lassen. „Es geht im Moment darum, dass wir alles ausbelasten, was es gibt. Dass wir mit einem solchen Sieg umgehen können und nun mit einer solchen Niederlage. Wir wollen auch die psychische Widerstandskraft trainieren. Das Team muss dahin kommen, den Kopf immer hoch zu behalten und im nächsten Training wieder positiv reinzugehen. Es wartet nicht in jedem Spiel ein Liverpool, bei dem Tür und Tor geöffnet ist, sondern nun halt ein 1. FC Köln, der gut steht, aggressiv arbeitet gegen den Ball. Da hat man dann gesehen, dass wir heute mal die waren, die abgefertigt wurden. Im Moment ist es gut wie es ist. Es wird nochmal verdammt hart für die Jungs bis Montag. Aber das wollen wir so. Ich weiß, dass wir es besser können, als wir es heute gemacht haben.“

Und so ist auch die Trainingssteuerung ausgerichtet. „Ich würde sonst nie im Leben vor einem Spie gegen Köln  zweimal trainieren“, erklärte Schmidt. „Die erste Einheit 90 Minuten, die zweite im Kraftraum und anschließend auf dem Platz den Schlitten ziehen. Das ist der Killer schlechthin. Wir packen den Spielern trotzdem diesen Rucksack, um das alles zu simulieren. Ich brauche zum jetzigen Zeitpunkt kein frisches Team, das mit einem guten Gefühl da raus geht. Und in Haching stehen wir dann vor einer Wand. Diese Wand müssen wir jetzt selbst aufbauen.“ Nach den 90 Minuten gegen die Kölner standen deshalb für die Profis auf dem Trainingsplatz gleich noch einmal 20 Minuten intensiver Steigerungsläufe auf dem Plan.

Erst nach der Erfurt-Partie beginnt dann am Bruchweg die spielerische Phase. Die Zeit, in der Kondition und Wettkampfhärte da sind, in der nach den Hochbelastungen dann weniger intensiv gearbeitet wird, damit Frische und Spritzigkeit zurückkommen. Und in der es dann um das Spiel, um die Idee, die taktische Umsetzung und um die Besetzung der einzelnen Positionen geht. Das sind dann noch einmal fast zwei Wochen zielgerichteter Arbeit bis zum Start bei Borussia Dortmund und eine Woche, um im Pokalspiel in Unterhaching die nötige Form auf den Rasen zu bringen. Spiele, wie das gegen die Kölner und das am Sonntag gegen den Drittligisten sind deshalb für den 05-Trainer im Moment noch Gelegenheiten zum Experimentieren und möglichst vielen Profis Spielzeit zu geben, die einzelnen Spieler nach und nach an 90-minütige Einsatzzeiten zu trimmen.

Die Leistung vom Donnerstag lieferte dem Coach dabei wichtige Erkenntnisse. Das Thema Balleroberung und Pressing im zentralen Mittelfeld steht in den kommenden zwei Wochen ganz oben auf der Liste. Gegen die Kölner, die ihr gewohntes und bekanntes Spiel in Mainz aufzogen, mit einer verstärkten Defensive kaum Raum zum Spielen anboten, mit frühem Pressing immer wieder Balleroberungen hatten und dann mit zwei, drei Spielern in die offensiven Räume sprinteten, war das 05-Zentrum meist offen wie ein Scheunentor. Die FC-Profis liefen mehrfach ungehindert durch die 05-Reihen und hätten mehr als drei Treffer erzielen können. Wenn nicht 05-Keeper Jonas Lössl etliche Großchancen vereitelt hätte. „Bei den Toren kann er nicht viel machen. Aber man hat gesehen, der ist da, wenn es brennt. Das war sehr gut.“

Diesmal brachte der Trainer das Duo José Rodriguez und Fabian Frei auf der Doppelsechs. Das passte nicht sonderlich gut, war aber hilfreich im Filterungsprozess auf dieser Position. „Gegen Liverpool haben wir gesehen, dass Rodriguez einen Aggressiven neben sich braucht. Genauso wie Frei auch. Mit Fabi und José fehlt uns etwas diese Aggressivität, die Balleroberung im Zentrum. Die hatten wir diesmal nicht. Auch das wollte ich testen. So können wir schon rausfiltern, welche Duos zusammen passen.“ In der Schlussphase brachte Schmidt dann mit Suat Serdar und Besar Halimi zwei Fighter zusammen. „Das waren zwei Giftige. Der Besar hatte in der Kürze der Zeit fast mehr Balleroberungen als die anderen 70 Minuten zuvor.“

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