Mit Ach und Krach am Abgrund vorbei

Jörg Schneider. Unterhaching.
Das war knapp, in dieser Form absolut unnötig, am Ende aber hat’s dann doch gereicht, um an der Blamage vorbei zu schlittern: Der FSV Mainz 05 hat die zweite Runde im DFB-Pokal erreicht. Mit Ach und Krach und durch einen 4:2-Sieg im Elfmeterschießen gegen den Regionalligisten SpVgg Unterhaching. Nach 90 und 120 Minuten hatte es 3:3 gestanden. Unfassbar an der Geschichte: Yunus Malli hatte in der 88. Minute die 3:1-Führung erzielt, doch der Bundesligist war aufgrund schlimmer Abwehrfehler nicht in der Lage, den Vorsprung über die Zeit zu bringen. „Das Wichtigste an der Geschichte ist, dass wir eine Runde weiter sind“, sagte Rouven Schröder. Der Sieg ist teuer erkauft: Jhon Cordoba und Jairo verletzten sich. Giulio Donati sah Gelb-Rot.

SpVgg Unterhaching - FSV Mainz 05 3:3 n.V. (3:3, 1:1), 2:4 i.E.

Sonntag, 21. August 2016, 7.000 Zuschauer.

SpVgg Unterhaching: Marinovic – Bauer, Welzmüller, Winkler (85. Marseiler), Dombrowka – J. Müller (68. Lux), Stark, Nicu (73. Einsiedler), Steinherr – Bigalke, Hain. Reserve: K. Müller, Koch, Piller, Kiomourtzoglou. Trainer: Schromm.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Bell, Bungert, Brosinski – Jairo (46. Clemens), Serdar, Rodriguez, De Blasis - Frei (85. Malli) - Cordoba (49. Onisiwo). Reserve: Fl. Müller, Balogun, Bussmann, Gbamin. Trainer: Schmidt.

Schiedsrichter: Aarnink (Nordhorn).

Tore: 0:1 Córdoba (21., Jairo), 1:1 Hain (33., Bigalke), 1:2 Frei (64., Serdar), 1:3 Malli (88., de Blasis), 2:3 Hain (89., Steinherr), 3:3 Lux (90+3., nach schlecht abgewehrtem Eckball).

Elfmeterschießen: Lössl hält gegen Stahl, 0:1 de Blasis, Hain schießt über das Tor, 0:2 Malli, 1:2 Dombrowka, 1:3 Clemens, 2:3 Einsiedler, 2:4 Rodríguez.

Gelbe Karten: Winkler, Welzmüller, Bauer - Bungert.

Gelb-Rote Karte: Donati (113., wiederholtes Foulspiel).

In der 88. Minute twitterte Daniel Haas von der Pressestelle des FSV Mainz 05: „Malli macht den Deckel drauf!“. Der 05-Medienmann war nicht der einzige, der dermaßen schief gewickelt war. Der Deckel war nämlich noch lange nicht drauf. Nach diesem 3:1 vor 7000 Zuschauern im Sportpark der SpVgg Unterhaching ging es erst richtig los. Und über das, was sich die 05-Profis in diesen insgesamt fünf Minuten bis zum Ende der regulären Spielzeit leisteten, wird in dieser Woche sicherlich am Bruchweg intensivst geredet werden müssen. Dass ein Bundesligist nach 88 Minuten mit 3:1 führt und sich dann von einem Regionalligisten zwei solch unnötige Gegentreffer einfängt, das darf bei allem Verständnis dafür, dass im ersten Pflichtspiel der Saison noch viel schief gehen kann, einfach nicht passieren. „Jesses“, sagte Martin Schmidt später tief durchatmend, „Normalerweise gewinnst du das dann nicht mehr. Das darf uns nicht passieren, aber wir sind nicht der erste Bundesligist, der in eine solche Falle hinein getappt ist.“

In der 85. Minute war Yunus Malli eingewechselt worden. Drei Minuten später stand der Zehner am Ende einer Kombination mit einem Einwurf von Giulio Donati, mit einer präzisen Weiterleitung von Pablo De Blasis völlig blank im Sechzehner der Hachinger, nahm Maß und erzielte die 3:1-Führung für die Mainzer. Doch praktisch im Gegenzug fingen sich die 05er ein Kontertor zum Anschlusstreffer. José Rodriguez verlor drei Meter vor dem eigenen Tor einen bereits gesicherten Ball, Stephan Hain war zur Stelle, verkürzte auf 2:3 und brachte das Publikum dazu, nochmal genauso viel Gas zu geben wie die aufopferungsvoll fightenden Regionalliga-Spieler. In der 91. Minute leitete Malli einen Tempo-Konter ein, passte im Strafraum auf den freien Karim Onisiwo, doch der Österreicher verscherbelte leichtfertig und blieb am Hachinger Keeper hängen.

Und dann kam die 93. Minute. Eine zweifelhafte Ecke von links beschäftigte die diskutierenden 05-Defensivspieler derart, dass jegliche Konzentration flöten ging. Jonas Lössl sprang am Ball vorbei, sein Pendant, Hachings Schlussmann Stefan Marinovic, gewann das Kopfballduell. Der Ball fiel Vitalij Lux vor die Füße, der hämmerte drauf und Unglücksrabe Rodriguez fälschte unhaltbar für Lössl zum Ausgleich ab. Haching stand Kopf. Die Mainzer fingen sich zwar in der Verlängerung, dominierten mehr oder weniger das Geschehen, hatten auch keine vielversprechenden Abschlüsse mehr und waren trotzdem immer nahe am Abgrund. Zunächst sah Donati nach einem eher harmlosen Wiederholungsfoul die Gelb-Rote Karte, dann, in der 117.Minute rettete Daniel Brosinski sein Team vor dem Knockout. Der Verteidiger klärte vor der Linie für seine geschlagenen Kollegen.

Wenigstens im Elfmeterschießen zeigten die Mainzer dann Konzentration, gute Nerven und Schussqualität. Pablo De Blasis verwandelte ebenso sicher wie nach ihm Malli, Christian Clemens und Rodriguez. Jonas Lössl hielt gleich den ersten Hachinger Strafstoß von Dominik Stahl. Hain ballerte übers Tor. Das war’s.

Dank an den Torhüter: Der neue 05-Kapitän Niko Bungert umarmt Jonas Lössl, der im Elfmeterschießen den ersten Hachinger Schuss hielt. Die Kollegen reihten sich ein in die Schar der Gratulanten. Foto: Imago„Das Wichtigste an der Geschichte ist, dass wir weiter sind“, sagte Rouven Schröder noch ganz mitgenommen von dieser seiner ersten Pflichtpartie als Sportdirektor, die sicherlich nicht zu den Sternstunden Mainzer Fußballschaffens zählt. „Wir haben heute alle gesehen, dass wir noch viel zu verbessern und zu arbeiten haben. So kritisch müssen wir sein. Das Gute ist vielleicht, dass jeder Einzelne im Team nach dieser Leistung erkennen muss, dass da noch viel Luft ist nach oben, dass noch viel gearbeitet und die Fehler abgestellt werden müssen. Nach einem Sieg kann man das besser ansprechen. Vielleicht hat das heute ja etwas bewirkt“, so der Sportdirektor. „Die Jungs sind aber selbstkritisch genug. Da fährt jetzt keiner nach Hause und sagt: Das war gut.“

Die erste Halbzeit der 05er erinnerte etwas an die 0:3-Testspielniederlage gegen den 1. FC Köln. Das war rein gar nichts, was der Bundesligist an Positivem anbot. Der Regionalligist spielte im Prinzip einfach den besseren Fußball. Die 05er zeigten vor allem im defensiven Mittelfeld und in der kompletten Defensivorganisation eine desolate Leistung. Doch auch die Offensive wirkte noch längst nicht bundesligareif. Die Hachinger kamen immer wieder zu Chancen und hatten mehr als das 1:1 zur Pause verdient. „Das kannst du vorher alles ansprechen, und dann kommst du trotzdem nicht rein ins Spiel. Das war nicht gut“, sagte Schröder nachher. Die Mainzer standen meist meterweit weg von ihren Gegenspielern, verloren die Zweikämpfe, hatten  keinerlei Ordnung im Spiel. Trotzdem hatten die 05-Profis Chancen und erzielten mit dem vielleicht einzigen vernünftigen Spielzug vor der Pause die Führung nach 28 Minuten. Jairo trieb die Kugel durchs Mittelfeld, passte genau zwischen die Innenverteidiger. Jhon Cordoba nahm den Ball auf und vollstreckte trocken. Es dauerte aber nur fünf Minuten, bis sich Brosinski, Stefan Bell und Rodriguez vor dem eigenen Strafraum verladen ließen und Stephan Hain den Ball aufs kurze Eck pflasterte, wo der 05-Keeper zu allem Überfluss ebenfalls keine gute Figur machte. Anschließend musste zunächst Bell, danach Donati nach haarsträubenden Fehlern mit letztem Einsatz den Rückstand verhindern.

In der zweiten Halbzeit mussten Cordoba und Jairo verletzungsbedingt passen. Der Mittelstürmer knickte um, versuchte nach Behandlung weiter zu spielen, aber da ging nichts. Jairo hat sich an der Innenseite des Knies verletzt. Am Montag sollen Untersuchungen zeigen, wie schwer die Verletzungen sind. Die Mainzer wirkten im zweiten Durchgang gefestigter. Standen besser und kamen nun häufiger in Umschaltsituationen. Und als Fabian Frei schließlich einen abgewehrten Schuss von Suat Serdar aufnahm und in der 64. Minute das 2:1 erzielte, schien alles seinen Gang zu gehen. Die Hachinger hatten zwar noch eine Möglichkeit, aber Malli erzielte das 3:1 - ehe das Drama dann doch noch seinen Lauf nahm. „Für die erste Halbzeit muss ich mich entschuldigen“, sagte der 05-Trainer nach dem glücklichen Ende. „Zweite Halbzeit solide, bis auf die zwei Nackenschläge. In der Verlängerung dominant, im Elfmeterschießen mental stabil. Wir werden sehr viele Hausaufgaben mitnehmen.“

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