Mehr als etwas Kosmetik war nicht drin

Jörg Schneider. München.
Die Hoffnungen, seine gute Bilanz der vergangen Jahren in der Allianz Arena aufzupolieren, musste der FSV Mainz 05 schnell begraben. Das Team von Sandro Schwarz kassierte eine deutliche 0:4-Niederlage beim FC Bayern München, der sich zum Oktoberfest-Auftakt in Champions-League-Form präsentierte. Für die 05er wäre bestenfalls eine Ergebnis-Kosmetik möglich gewesen. "Wir müssen einfach akzeptieren, dass wenn die Bayern einen solchen Top-Tag haben und derart spielfreudig sind, dann kann das passieren. Hier hätten heute auch andere verloren“, sagte Sandro Schwarz. Ärgerliche war dabei jedoch, dass die 05er erneut einen Video-Beweis akzeptieren mussten, der zwar nicht entscheidend war, aber wieder fälschlicherweise gegen sie ausgelegt wurde.

Wenn das tatsächlich eine Krise war, der man sich dann mit einem solchen Auftritt entledigt, dann kann man nur jedem Klub wünschen, in solche Krisen zu geraten. Der FC Bayern München jedenfalls machte bei seinem Oktoberfest-Auftakt-Spektakel nicht den Eindruck, dass die in der vergangenen Woche beleuchteten und diskutierten internen Probleme grundsätzlicher Art sein können. Vielleicht war es aber auch der Trotz, sich nichts einreden lassen zu wollen, die eine zusätzliche Gereiztheit förderte, die diese Weltauswahl nun im Heimspiel vor 75.000 Zuschauern in der Allianz Arena dazu animierte, mal möglichst viel auszupacken, von dem was drin ist im Gesamtpaket, mal die überragende Klasse auf den einzelnen Positionen im richtigen Moment jedem vor Augen zu führen. Leidtragender der Bayern-Situation war jedenfalls der FSV Mainz 05. Die Münchner fegten wie ein Orkan, dem nichts standhalten konnte, der alles platt machte, was sich ihm in den Weg stellte, über das Team von Sandro Schwarz hinweg. Mit einer Geschwindigkeit und einer Wucht, die noch weitaus größere Schäden hätte anrichten können. Aufs Spiel übertragen heißt das, die 05er durften am Ende froh sein, mit einer 0:4-Niederlage noch halbwegs glimpflich davon gekommen zu sein. Hätten der überragende René Adler im Tor sowie das Aluminium des Gehäuses nicht noch einige eigentlich fertige Tore verhindert, die Niederlage hätte auch doppelt so hoch ausfallen können. Ohne, dass man den Mainzern eine enttäuschende Leistung attestieren müssen.

Robin Quaison hatte in der ersten Halbzeit Möglichkeiten für einen Torerfolg, Fabian Frei scheiterte im zweiten Durchgang an National-Keeper Manuel Neuer. Foto: ImagoInsgesamt war die Vorstellung bei den Bayern nicht mal so schlecht. Die 05er hatten auch ihre Möglichkeiten. Doch selbst bei einer optimalen Ausnutzung hätte es an diesem Tag nicht gereicht, um die Hoffnungen auf einen Teilerfolg wie in der vergangenen Saison an gleicher Stelle oder gar einen Überraschungssieg zu unterstreichen. Mag sein, dass die ganze Geschichte ein wenig anders verlaufen wäre, wenn Robin Quaison seine Torchance nach acht Minute zur Führung genutzt hätte, oder der Not-Mittelstürmer nach einer Viertelstunde die noch größere Möglichkeit zum Ausgleich verwertet hätte. Viel spricht allerdings nicht dafür. Zu stark, zu tempogeladen, mit zu viel mannschaftlicher und individueller Klasse dominierten die Bayern die an diesem Tag etwas zu braven 05er.

Und das ist auch sicher der einzige Vorwurf, den man dem Team machen kann. Die 05er brachten sich nicht in die Situation, die Bayern so zu stören und zu ärgern, dass deren Spiel- und Kombinations-Maschinerie mal ins Stocken geraten wäre. Schon das Anlaufen der aufbauenden Münchner Abwehrspieler funktionierte nicht, das zentrale Mittelfeld kam in der ersten Hälfte gar nicht in die Zweikämpfe, suchte meist vergebens Raum und Gegner zum Attackieren. Auf den Außen schafften es die Mainzer überhaupt nicht, Zugriff auf die Robbens und Comans, die Kimmichs und Rafinhas zu kriegen. Oder die Aktionen der sich permanent flexibel in den Räumen bewegenden Müller und Lewandowski einzugrenzen. Nicht mit fünf Verteidigern in der letzten Linie und vier Mann davor, nicht mit der später auf Viererkette umgestellten Variante. Das ging alles zu schnell, zu ballsicher, zu gut. Die Bayern präsentierten sich auf Champions-League-Niveau, weit entfernt vom holprigen Bundesliga-Alltag. Die Möglichkeiten, die das Schwarz-Team trotzdem erhielt, hätten allenfalls dafür sorgen können, das Ergebnis etwas freundlicher zu gestalten.

Angesichts dieser Umstände hielt sich die Trauerarbeit bei den Gästen in Grenzen. „Die Analyse fällt relativ kurz und schmerzlos aus“, sagte Rouven Schröder nach dem 0:4. „Das war eine deutliche Geschichte. Das Ergebnis war eindeutig und ist auch in der Höhe verdient.“ Mit dem 2:0 und dem Verlauf des Spiels, so der Sportvorstand, sei schnell deutlich geworden, dass da nur eine Mannschaft gewinnen werde. „Wir sollten das jetzt relativ schnell abhaken, die wesentlichen Dinge besprechen und uns schnellstmöglich auf die Stärken fürs Heimspiel am Mittwoch gegen Hoffenheim besinnen.“

"Hier hätten auch andere verloren"

Genauso reagierte auch der Trainer. „Wir haben heute schon damit angefangen, das Spiel abzuhaken. Wir müssen einfach akzeptieren, dass wenn die Bayern einen solchen Top-Tag haben und derart spielfreudig sind, dann kann das passieren. Es muss keiner tieftraurig sein“, sagte Sandro Schwarz nach dem Abpfiff. „Wir hatten uns schon mehr vorgenommen, dass wir mehr Phasen haben, an denen wir am Ergebnis schnuppern können, aber es ist dann auch normal, dass du dann so ein Spiel verlierst bei Bayern München. Wir werden nicht tiefgründig in die Analyse reingehen. Es gibt auch gar keine Zeit dafür“, betonte der 38-Jährige. „Wir wissen, dass wir ein, zwei Schlüsselmomente hatten, die man einfach braucht bei den Bayern, um was zu holen. Die haben wir nicht umgesetzt mit unseren Torchancen in der Anfangsphase. Da waren wir ganz gut drin mit guten Balleroberungen. Aber für uns sind die Bayern zum falschen Zeitpunkt gekommen, das muss man sagen. Wir müssen anerkennen, wie gut sie waren. Wir wissen trotzdem, dass wir aktiver hätten sein können, die eine oder andere Situation besser hätten lösen können.“ Im Endeffekt war dieser Gegner trotzdem zu stark für die 05-Profis. „Du musst es einfach akzeptieren und die Leistung der Bayern anerkennen. Hier hätten heute auch andere verloren. Ich hatte zwar gedacht, ein Tor können wir doch noch schießen, denn man darf bei der ganzen Betrachtung nicht vergessen, dass wir auch Abschlüsse hatten. Aber klar, die Bayern hätten auch mehr machen können“, erklärte der 05-Coach.

Die Mannschaft habe gewollt, habe den Plan umsetzen wollen, sich aber sehr schwer getan. „Wir mussten sehr, sehr viel verteidigen und hatten in einigen Situationen in der ersten Halbzeit Glück, dass es nicht schlimmer gekommen ist. Wir hätten Kosmetik betreiben können mit einem oder zwei Toren, aber hinten raus hätten wir auch noch mehr kassieren können. Es hätte viel passieren und für uns laufen müssen, um hier etwas zu holen. Das ist nicht vorgekommen.“

In diesem Zusammenhang muss natürlich über das erste Bayern-Tor gesprochen werden, auch wenn dieser Treffer bei einem 0:4 am Ende keine große Rolle mehr spielt. Die Mainzer wollten auch nicht behaupten, dass irgendwas groß anders gelaufen wäre, wenn der Schiedsrichter beim Schuss von Thomas Müller, den Arjen Robben unhaltbar für Adler zum 1:0 abfälschte, die Abseitsstellung von Robert Lewandowski anerkannt und den Treffer nicht gegeben hätte. Doch das geschah trotz Video-Überprüfung nicht. Und deshalb ist der Mainzer Ärger nachvollziehbar. Zum dritten Mal im vierten Spiel fiel der Video-Beweis gegen die 05er aus. Und es war erneut die falsche Entscheidung. Die Argumentation des vierten Offiziellen den 05ern gegenüber, Lewandowski habe in der Szene ja den Ball nicht getroffen, deshalb sei es kein Abseits, löste bei den Mainzern eher Befremden aus. „Er muss ja nicht treffen, er steht im Sichtfeld des Torwarts und dann ist es abseits“, sagte Schwarz kopfschüttelnd. Sascha Stegemann und Video-Assistent Felix Zwayer waren sich jedenfalls einig und entschieden auf Tor. „Es ist Oktoberfest, was soll ich sagen? Bald kommt unsere Jahreszeit und es ist Fassenacht. Vielleicht kriegen wir ja dann mal eine richtige Entscheidung für uns“, sagte Schwarz ironisch. Wir diskutieren es Woche für Woche“, sagte Schröder genervt. „So etwas müssen die Video-Schiedsrichter schon sehen. Es ist müßig nach einem 0:4, aber es ist das Eingangstor, das das Spiel verändert.“

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