Mäßige Torgefahr bleibt ein Thema

Jörg Schneider/Christian Karn. Stuttgart.
Von seinem Anspruch Spiele gewinnen zu wollen, ist der FSV Mainz 05 nach den beiden Auftakt-Niederlagen noch weit entfernt. Das 0:1 beim VfB Stuttgart zeigte, dass der Entwicklungsprozess offenbar seine Zeit braucht. Das Team von Sandro Schwarz fand selten in seine Struktur und hatte auf den einzelnen Positionen zu wenig Qualität und Überzeugung. Dennoch mussten die 05er diese Partie nicht verlieren. So aber muss der 05-Trainer nun in der Länderspielpause über die Bücher gehen und bestimmte Dinge intensiv aufarbeiten. Die insgesamt mäßige Torgefahr bleibt ein Thema. Die fehlende Form auf entscheidenden Positionen wie der Doppelsechs, der Zehn und auf den Außenbahnen ebenfalls.

Der VfB Stuttgart begann offensiv in seinem ersten Heimspiel, in dem 53.150 Zuschauer in überwiegend freudiger Erwartung den Aufsteiger und den FSV Mainz 05 empfingen. Hannes Wolf, der VfB-Trainer, schickte eine Formation mit einer Abwehr-Dreierreihe ins Rennen, die defensiv zu einer Fünfer-Deckung wurde. Mit zwei hoch stehenden Außenverteidigern, zwei zentralen Sechsern, einer Spitze, um die sich der Rest flexibel bewegte. Sandro Schwarz setzte seine übliche 4-2-3-1-Fomation entgegen, in der mit Levin Öztunali für Pablo De Blasis und Robin Quaison für Viktor Fischer gegenüber dem Auftaktspiel zwei schnelle Umschaltstürmer ins Team rückten.

Dieses frühe Geschenk von Marcin Kaminski hätte Robin Quaison gerne angenommen, allerdings hätte der Videoassistent in der Szene seinen Job machen müssen. Aus eigener Kraft war der Linksaußen ebenso wenig torgefährlich wie die offensiven Kollegen. Foto: imagoDie 05er setzten auf eine engmaschige Defensivabteilung, auf Vorwärtsverteidigung und Balleroberung und ordentlichem Gegenpressing. Quaison sollte auf der linken Seite ständig nach innen in den Halbraum rücken, um dort mit anzukurbeln. Öztunali hielt mehr oder weniger die Außenbahn, sollte aber ebenfalls je nach Lage einrücken, um Giulio Donati den Platz zu geben für schnelle Vorstöße über rechts. Links sollte Daniel Brosinski in der Umschaltbewegung Gas geben. Das Defensivspiel funktionierte anfangs recht gut, der VfB kam kaum zum Kombinationsspiel oder in den Mainzer Strafraum, brauchte einen Brosinski-Fehlpass (den ersten in einer Reihe von Mainzer Fehlpässen, die noch folgten), um erstmals mit Dennis Aogo zu einer Halbchance zu kommen.

Der Mainzer Plan, das stellte sich dann aber relativ schnell heraus, funktionierte - zumindest was das Offensiv- und Umschaltspiel anging - nicht sonderlich gut. Der VfB machte die Flügel dicht. Weder Brosinski noch Donati kamen zu ernsthaften Vorstößen. Nicht gut waren an diesem Tag die beiden Mainzer Sechser. Zwar gelangen Danny Latza und Fabian Frei Balleroberungen, doch im Spiel nach vorne gingen von dem Duo wenige Impulse aus. Frei verwaltete die Position zu stark, suchte eher den Rückpass als den Pass in die Tiefe, Latza suchte nach seiner Form. Ihm misslangen etliche Dinge. Da fehlten die Ideen, da häuften sich - nicht nur auf der Doppelsechs - die Annahme- und Abspielfehler. Vieles, was die 05er versuchten, geriet zu unsauber, hatte zu wenig fußballerische Qualität.

Das war auch bei Alexandru Maxim so, der an seiner alten Wirkungsstätte zwar fleißig arbeitete, aber nicht das tat, was ein Zehner tun sollte: Pässe ins letzte Drittel spielen, Chancen einleiten, Torgefahr heraufbeschwören, selbst in Abschlussposition kommen. Der Rumäne erzielte kaum Wirkung, war nicht richtig drin im Spiel. Eine eigene Abschlussmöglichkeit, die knapp am langen Pfosten vorbei ging, ansonsten waren nur ein paar Standards erwähnenswert. Ein Freistoß des Neuzugangs hätte jedoch die Führung bringen können durch Stefan Bells Kopfball, den Ron-Robert Zieler aus dem Winkel fischte. Der nicht gegebene Elfmeter für Robin Quaison ist bereits hinlänglich beschrieben worden.

Ein einziger wirklich guter Kombinations-Vorstoß aus der eigenen Hälfte gelang den 05ern in dieser ersten Halbzeit. Bell behauptete den Ball, Maxim passte steil auf Öztunali, der freie Bahn in den Strafraum hatte und das Schlechteste daraus machte. Die Option war da, auf den frei stehenden Yoshinori Muto quer zu legen, Öztunali entschied sich für den eigenen Abschluss, was ebenso vielversprechend war, doch der Schuss des Rechtsaußen war derart schlapp, dass Zieler damit kein Problem hatte. Ebensowenig übrigens wie kurz darauf René Adler bei einem ähnlich verhunzten VfB-Konter über Simon Terodde.

Die Kontersicherung blieb ein Problem bei den 05ern. Genauso wie die Abwehr- und Offensivschwäche von Donati sowie Brosinskis heftiges Streuverhalten im Passspiel. Immerhin, der Linksverteidiger hatte dank seines großen Einsatzes immer wieder wenigstens halbwegs gefährliche Distanzschüsse und Aktionen. Es war eine Partie, die zwar ständig hin und her ging, die auf beiden Seiten geprägt war von ordentlichen Defensivleistungen. Die aber zunehmend auch im Zeichen von unsauber gespielten Aktionen und Fehlern sowie falschen Entscheidungen war. „Irgendwie war es klar, dass es darauf hinauslaufen könnte, wer das erste Tor schießt gewinnt“, sagte Rouven Schröder nachher. Der VfB schoss das erste Tor. Und zwar, weil Fabian Frei, der Holger Badstuber bei Ecken zugeteilt war, im entscheidenden Moment nicht am Mann war, Badstuber ungehindert einköpfen ließ.

Das hätte immer noch kein Problem sein müssen, wenn Öztunali wenig später, im Strafraum angespielt von Donati, nicht erneut aus guter Schussposition eine Möglichkeit relativ kläglich versemmelt hätte. Den 05ern fehlte danach komplett die Statik im Spiel für eine ganze Weile. Kein Kombinationsspiel, viele wenig zielführende Einzelaktionen, viel Umständlichkeit im Spiel nach vorne. Muto tat sich zunehmend schwer, vorne Bälle zu behaupten gegen die Überzahl. Vernünftig angespielt wurde der Mittelstürmer weder aus dem Zentrum, noch von außen.

Besser wurde es im Grunde erst nach dem verschossenen Elfmeter von Terodde und einigen vergurkten Stuttgarter Kontern. Der für den insgesamt enttäuschenden Öztunali ins Spiel gekommene Viktor Fischer brachte mehr Leben, auch Kenan Kodro auf der Zehnerposition für den schwachen Maxim. Vor allen Dingen aber machte Pablo de Blasis als Sechser für Frei neuen Betrieb. Der Argentinier brachte rein durch Willen und Engagement Leben in die Bude. Und gegen Ende der Partie besann sich auch Donati darauf, die Räume auf der rechten Bahn zu nutzen und am Offensivspiel aktiv teilzunehmen. Fischers Distanzschuss wehrte Zieler mit den Fäusten ab, Latza verzog knapp aus 18 Metern. Und in der Nachspielzeit hätte Muto trotz aller Probleme noch den Ausgleich für die Mainzer erzielen können. Nach feinem Anspiel von Donati nahm der Japaner den Ball mit der Brust an und hämmerte in derselben Bewegung die Kugel Richtung Tor, doch auch diese Aktion vereitelte der VfB-Schlussmann.

Die 05er machten insgesamt kein gutes Auswärtsspiel, waren weit weg von der Form und der Kontrolle, die sie gegen Hannover noch in der ersten Hälfte auf den Platz brachten. Und von ihrem Anspruch Spiele gewinnen zu wollen. Sie kamen selten in ihre Struktur und hatten auf den einzelnen Positionen zu wenig Qualität und Überzeugung. Dennoch musste das Team von Sandro Schwarz diese Partie nicht verlieren. Mit einem möglichen Unentschieden hätte das Ganze nicht ganz so unfertig gewirkt wie nach dieser Niederlage. So aber muss der 05-Trainer in der Länderspielpause über die Bücher gehen und bestimmte Dinge intensiv aufarbeiten. Die insgesamt mäßige Torgefahr bleibt ein Thema. Die fehlende Form auf entscheidenden Positionen wie der Doppelsechs, der Zehn und auf den Außenbahnen ebenfalls. Der Entwicklungsprozess braucht offenbar seine Zeit. Vielleicht ist es auch so, dass bei der Einführung einer veränderten Spielweise die neuen Dinge noch nicht verfestigt sind und die bewährten Sachen gleichzeitig auch nicht mehr komplett greifen.

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