Malli ist weg – gibt’s den Schattenmann?

Jörg Schneider. Marbella.
Eine deftige Überraschung am zweiten Tag im Trainingslager des FSV Mainz 05 in Andalusien: Yunus Malli wechselt mit sofortiger Wirkung zum VfL Wolfsburg. Der türkische Nationalspieler unterschrieb einen Vertrag beim Bundesliga-Konkurrenten bis 2021. Die 05er kassieren für den 24-Jährigen zwölfeinhalb Millionen Euro plus diverser Erfolgs-Boni. Seit dem Neujahrsabend hat Rouven Schröder mit den Wolfsburgern an diesem Blitztransfer gearbeitet. Im Teamhotel sprach der Sportdirektor am späten Abend über den Millionen-Deal.

Fast der Rekordmann

Zumindest für Mohamed Zidans Stellenwert ist der Wechsel von Yunus Malli eine gute Nachricht: Mit seinem 29. Tor hat der Türke im November zum besten Mainzer Bundesligatorjäger aufgeschlossen; Zidan hat dafür jedoch nur 53 Spiele gebraucht, Malli 129, fast zweieinhalb Mal so viele. Wenn auch ein Comeback im 05-Trikot irgendwann in der Zukunft nicht ausgeschossen werden kann, wird der türkische Nationalspieler seinen 30. Treffer, mit dem er die Führung in der Mainzer Torschützenliste übernommen hätte, vorerst nicht schießen.

Als Malli vor fünfeinhalb Jahren zum FSV Mainz 05 kam, brauchte er eine Weile, um in der Bundesliga anzukommen. Die 05er hatten den Kasseler von den Junioren Borussia Mönchengladbachs übernommen, auch im dritten Jahr war er noch häufiger Einwechsel- als Startspieler, bereits in der Rückrunde allerdings in fast jedem Spiel dabei. Thomas Tuchel war sich auch lange nicht sicher, auf welche Position sich der talentierte Mittelfeldspieler spezialisieren sollte; in seinen ersten Startelf-Einsätzen war Malli Zehner in der Mittelfeldraute, dann aber oft auch Sechser, Linksaußen, seitlicher Mittelfeldspieler. Den endgültigen Durchbruch als Zehner schaffte Malli in den letzten Spielen Kasper Hjulmands, als klar war, dass aus Filip Djuricic nichts mehr werden würde. Seine ersten neun Tore hatte er in den 60 Spielen unter Tuchel und Hjulmand schon geschossen, beim Debüt Martin Schmidts als Profitrainer traf er zum zehnten Mal. Die elf Treffer in der vergangenen Saison - darunter ein Hattrick gegen die TSG Hoffenheim und sein erstes Elfmetertor - waren bisher seine beste Bilanz; im laufenden Wettbewerb traf Malli sechsmal (dreimal per Elfmeter) - ein neuer persönlicher Saisonrekord wäre möglich gewesen.

Die Mainzer verlieren nun nicht nur ihren aktuell besten Torschützen, sondern auch den besten Vorbereiter - vor allem mit Standards legte Malli in den 16 Saisonspielen sieben Treffer auf. Wenn man auch weiterhin den Eindruck hatte, dass der Türke nie sein volles Potenzial auf den Platz bringt, müssen die 05er diese 0,8 direkten Torbeteiligungen pro Spiel erst einmal ersetzen. Und Zidan? Die ersten noch anwesende Verfolger des Ägypters sind Yoshinori Muto, Jairo Samperio und Pablo de Blasis mit jeweils neun Treffern, dahinter stehen mit je acht Toren Jhon Córdoba und Niko Bungert. Der Rekordtorjäger wird seinen Spitzenplatz noch eine Weile behalten.

Eigentlich sollte Jonas Lössl am Abend zum Interviewtermin im Teamhotel des FSV Mainz 05 erscheinen. Anstelle des Torhüters trat jedoch aus gegebenem Anlass der Sportdirektor kurz vor 21 Uhr in Marbella vor die Presse und erklärte das, was der Bundesligist selbst knapp eine Stunde zuvor gemeldet und was auch schon davor aus diversen Quellen bestätigt worden war: Yunus Malli wechselt mit sofortiger Wirkung zum VfL Wolfsburg. Der 24-jährige türkische Nationalspieler unterschrieb beim Ligakonkurrenten einen Vertrag bis Sommer 2021. Die 05er kassieren für ihren Top-Scorer eine Ablösesumme von rund zwölfeinhalb Millionen Euro plus diverser Boni. Malli hatte am Nachmittag gegen 14.20 Uhr, wie Rouven Schröder erklärte, das Mannschaftshotel verlassen und war ins 500 Kilometer entfernte La Manga gereist, wo der VfL sein Trainingsquartier aufgeschlagen hat. Die ganze Blitzaktion ging so schnell, dass sich der Profi nur per SMS von seinen Kollegen verabschieden konnte.

Künftig Kollegen: Yunus Malli und Ricardo Rodríguez. Foto: Veyhelmann„Vom ganzen Projekt her war es schon ein schneller Transfer“, sagte Schröder. „Es ist ja oft so, dass sich was anbahnt, aber hier war erst sehr viel Dynamik drin in den vergangenen zwei, drei Tagen und da war es sehr, sehr intensiv. Aber alle Parteien haben an einem Strang gezogen und dann war es heute entsprechend durch. Ab dem Abend des 1. Januar ging die Post ab.“ Schnell ging es offenbar deshalb, weil den 05ern sehr schnell klar geworden war, dass sie an diesem Transfer nicht vorbei kommen würden. „Man muss ganz klar festhalten, dass der Weggang von Yunus für uns eine Schwächung ist. Er ist ein toller Spieler, der jahrelang für uns hervorragende Leistungen gebracht hat. Er ist ein ganz wichtiger und zentraler Spieler für uns. Und viele Leute werden jetzt sagen: Wie können sie den jetzt abgeben?“, so Schröder, der jedoch gleich die Erklärung lieferte. „Die Situation ist so, dass sein Vertrag bis 2018 läuft und es im Sommer eine Ausstiegsklausel gibt.“ Die soll bei etwa neun Millionen Euro liegen. „Ich will nicht sagen, dass da für uns eine Drucksituation entstanden ist, aber es gibt zwei Komponenten. Einmal das, was du im Sommer für den Spieler bekommst. Dann hatte Malli letztes Jahr im Winter das Angebot von Borussia Dortmund. Das wurde ihm nicht gewährt. Jetzt kommt zum zweiten Mal ein Angebot, das sportlich für ihn und wirtschaftlich für uns in einer anderen Sphäre ist. Wir haben zwei Möglichkeiten: Wir können dem Spieler die Freigabe erneut verweigern. Dass können wir machen, aber dann stehen wir vor der Frage, ob wir mit dem Spieler auch verlängern können“, schilderte der 41-Jährige die Problematik. „Und da gibt es ein ganz klares Nein. Yunus war zu keiner Zeit zu einer Verlängerung bereit. Ich brauche für eine Vertrags-Verlängerung ein größeres Budget. Aber das ist für Mainz 05 ausgereizt. Wir können nicht noch einen draufsetzen. In unserem Gehaltsgefüge können wir nicht weiter gehen. Wenn man also die gesamte Komponente sieht, ist das jetzt einfach ein Wechsel, mit dem Yunus für sich den nächsten Schritt macht. Und wenn der Spieler sagt, er möchte den Verein verlassen, weil das für ihn eine Chance ist, dann wäre es nicht redlich, ihm das ein zweites Mal zu verweigern. Und wir als Verein müssen einer gewissen Wirtschaftlichkeit Rechnung tragen. So kommt eines zum anderen.“

Zwölfeinhalb Millionen Ablösesumme plus Erfolgs-Boni bringt der Malli-Deal den 05ern. Das ist eine große Menge Geld. Um einen Spieler wie Malli auf dem Markt eins zu eins zu ersetzen, würde die Summe jedoch kaum reichen. Denn die wenigen Zehner, die es gibt oder die Offensivleute mit einer solchen Abschluss- und Vorbereitungsquote wie Malli, sind rar gesät, entsprechend teuer und kassieren Riesengehälter. Für die 05er zu teuer. Deshalb wird es in Mainz, wenn es um die Malli-Nachfolge geht, sicherlich eher auf die übliche Variante mit Entwicklungspotenzial gehen. Schröder hält jedoch in diesem Thema den Ball bewusst noch ganz flach.

„Wir sind schon der Meinung, dass wir im Kader genügend Offensivpotenzial haben auf verschiedenen offensiven Positionen. Wir haben Vertrauen in den Kader“, sagte der Sportchef der allerdings die Verpflichtung eines Nachfolgers für Malli damit nicht gänzlich ausschließt. „Wir werden alles in Ruhe beobachten, aber es ist nicht so, dass der eine geht und der nächste kommt“, sagte der Sportdirektor. „Wo setzen wir mit einem Nachfolger an? Die Marktsituation für Spieler solchen Kalibers setzt uns eine extrem hohe finanzielle Latte vor. Und trotzdem gibt es Wege. Wir müssen ja eigentlich immer eine Schattenmannschaft aufbauen, weil ja immer einer gehen kann. Wir sind vorbreitet, haben Leute für den Fall der Fälle im Blick. Es ist für uns keine neue Situation. Wir denken ja schon länger darüber nach, was passiert, wenn Malli geht. Welchen Spielertyp brauchen wir überhaupt? Gibt es den klassischen Zehner überhaupt noch? Wir sind da ganz ruhig und sachlich bei der Sache und gehen die nächsten Schritte an.“ Die Transferperiode geht ja noch bis Ende Januar.

Nicht bestätigen wollte Schröder am Abend unterdessen das Gerücht um ein Interesse von Chievo Verona an einer Ausleihe von José Rodriguez. „Das passiert jetzt jeden Tag, dass so was kolportiert wird“, sagte Schröder. „Die gucken alle, wer spielt und wer nicht. Bei uns hat aber keiner konkret angefragt. Verona hat sich bei uns nicht gemeldet. Vielleicht hat da ein Berater laut nachgedacht.“

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