Malli: Aussichtsloses EM-Debüt

Christian Karn. Mainz.
Als Yunus Mallis Pflichtspieldebüt im Trikot der türkischen Nationalmannschaft begann, war das Spiel schon nicht mehr zu retten: 3:0 führten die Spanier bei der Einwechslung des Mainzers in der 70. Minute, die türkischen Spieler hatten teils schon aufgegeben, der Kapitän wurde vom eigenen Publikum niedergemacht, dementsprechend gering waren Mallis Möglichkeiten, in diesem Spiel noch etwas zu reißen. Die Türken sind Gruppenletzter ohne Tor und ohne Punkt, haben aber gegen Tschechien noch eine letzte Möglichkeit, sich vielleicht doch noch ins Achtelfinale zu retten.

Yunus Malli hatte durchaus eine Szene, als er dem spanischen Superstar "Don Andrés" Iniesta wegrannte und aus spitzem Winkel aufs Tor schoss. Hätte der 05er getroffen, hätte es an der klaren Niederlage aber wohl auch nicht viel geändert. Foto: imagoYunus Malli ist jetzt ein EM-Spieler. Keiner, der nur mitfährt, sich ein bisschen warmläuft, dem Spiel zusieht und - wie im ersten Gruppenspiel der Türkei, der Niederlage gegen Kroatien - doch nicht gebraucht wird. Sondern er ist einer, der mitspielt. Der Ballkontakte hat. Der fünf Pässe gespielt hat, zwei Freistöße herausholte, sogar einen Torschuss hatte.

Besonders beeindruckend klingt das nicht; der türkische Zehner des FSV Mainz 05 kann dafür aber noch am wenigsten etwas. Als Malli im Spiel gegen Spanien in der 70. Minute als dritter Einwechselspieler der Türkei auf den Platz kam, war das Spiel längst gelaufen und verloren. 0:3 lagen die Türken in Nizza zurück, es ging nur noch um Schadensbegrenzung und darum, das Spielende herbeizusehnen. Die Spanier hatten schon begonnen, den klaren Sieg zu Ende zu verwalten, waren schon im Energiesparmodus. Das Talent, das die Türkei in der Offensive durchaus hat, war längst nicht mehr zu sehen, Spieler wie Hakan Calhanoglu von Bayer Leverkusen hatten aufgegeben, der türkische Topstar Arda Turan vom FC Barcelona war der Sündenbock wurde vom eigenen Publikum bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen, sein Kollege Nuri Sahin war schwer frustriert. Vielleicht könne die Türkei ja noch als einer der Gruppendritten weiterkommen, mit dieser These wurde der Dortmunder Mittelfeldspieler nach der Partie konfrontiert, aber der hatte keinen Sinn für so etwas: "Heute habe ich keine Kraft zum Rechnen", murmelte Sahin nur.

Ohne Frei gegen Rumänien

Die Schweiz hatte sich in ihrem zweiten Gruppenspiel zu einem 1:1 gegen Rumänien gequält. Die Osteuropäer waren durch einen Elfmeter in Führung gegangen, spielten auch nach dem Ausgleich aufsässiger, als es den Schweizern recht war. Der 05er Fabian Frei wurde diesmal nicht eingesetzt. In ihrem dritten Gruppenspiel treffen die Schweizer am Sonntagabend, 21 Uhr, in Lille auf Frankreich, auch im Falle einer Niederlage wären sie mit großer Wahrscheinlichkeit fürs Achtelfinale qualifiziert.

Ja, und dass das Talent in der Defensive nicht ganz so sehr vorhanden ist, das zeigte die Türkei spätestens in der Viertelstunde vor der Pause. Die Spanier hatten sich bis dahin interessiert angesehen, was ihre Gegner so vorhaben, hatten routiniert ihr Tor verteidigt, hin und wieder den einen oder anderen Vorstoß gewagt, und dann flott das Spiel entschieden. Erst flankte Linksaußen Nolito von Celta Vigo, der im recht hohen Fußballalter von 30 Jahren offenbar wieder für seinen Ex-Klub FC Barcelona interessant wird, schätzte Mehmet Topal die Flanke falsch ein, verlängerte Mittelstürmer Álvaro Morata (Juventus Turin) den Ball mit dem Kopf ins Tor. 34. Minute, 1:0. Nach dem Tor ließen die Spanier den Ball ein bisschen laufen, dann brachte Chelseas Cesc Fàbregas den Ball vors Tor, Topal fabrizierte einen Querschläger, Nolito war frei vor dem Torwart und schob den Ball zum 2:0 ins Eck. Mildernde Umstände für Topal: Bei Fenerbahçe spielt der 30-Jährige in der Regel im defensiven Mittelfeld, das Innenverteidigerspiel kennt er normalerweise nicht.

Womit das Spiel entschieden war. Gegen eine spanische Mannschaft, die sich jetzt schon als einer der großen Titelfavoriten in Position brachte, hatte die Türkei keine Chance mehr. Offenbar haben die Spanier die Probleme der Weltmeisterschaft in Brasilien, in der sie schon nach zwei Spielen keine Chance mehr auf die K.o.-Runden hatten, gelöst: Ihre größte Stärke dürfte weiterhin das Stellungsspiel und das Gegenpressing sein, geht ihnen der Ball am gegnerischen Straufraum verloren, haben sie ihn meist binnen Sekunden wieder. Die Defensive vor David de Gea (Manchester United) mit den Innenverteidigern Gerard Piqué (Barça) und Sergio Ramos (Real Madrid) steht stabil, im Mittelfeld ist der alte Andrés Iniesta in erstaunlicher Form, spielt nominell immer noch im linken Mittelfeld, de facto fast als zurückgezogener Zehner mit großartiger Technik und großartigem Überblick. Von der spanischen Fähigkeit, den Ball energiesparend ein bisschen zirkulieren zu lassen, aber aus diesem Spiel heraus immer wieder das Tempo anzuziehen und mit präzisen Kombinationen die Abwehr zu überrumpeln, waren die Türken überfordert. So fiel aus einem Iniesta-Steilpass und einem Querpass seines Barça-Kollegen Jordi Alba das 3:0, wieder durch Morata.

In den schnellen Bewegungsabläufen war's nicht gut zu erkennen, mindestens der vorletzte, vielleicht auch der letzte Pass ging wohl ins Abseits, die Schiedsrichter erkannten es nicht. Wäre der Treffer in der 48. Minute aberkannt worden, hätte es am klaren Spielausgang wahrscheinlich wenig geändert. Das war die Situation, in der Malli in der 70. Minute eingewechselt wurde. Groß glänzen konnte man da schon längst nicht mehr, schon gar nicht als linker Außenstürmer.

Sahin wird, wenn er wieder zu Kräften gekommen ist, erkennen: Am Dienstag gibt es gegen die Tschechen noch eine Chance. Die ersten beiden Plätze der Gruppe sind nicht mehr in Reichweite, aber vielleicht würde der dritte Platz mit drei Punkten fürs Achtelfinale reichen. Vielleicht hat Malli dann eine angenehmere Aufgabe.

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