Lernprozesse im Neuland

Jörg Schneider. Mainz.
Relativ lädiert in allen Bereichen und mit zwei heftigen Niederlagen innerhalb weniger Tage ist der FSV Mainz 05 aus dem zweiten Intensiv-Block der Saison in die Länderspielpause gewankt. Der Tabellenzehnte der Bundesliga ist weit entfernt von Krisen-Szenarien oder von den Problemen, die andere, höher eingeschätzte Klubs mit sich herumschleppen, doch die Beteiligten suchen derzeit selbst nach dem Schlüssel. Stefan Bell setzte sich nach dem 1:3 in Leipzig intensiv mit der Situation auseinander. Den konkreten Lösungs-Ansatz hatte der Vize-Kapitän nicht parat. „Wir tun jedoch gut daran, uns jetzt an kleinen, positiven Sachen hoch zu ziehen“, sagte der 25-Jährige.

Die zweiwöchige Pause in der Bundesliga kam für den FSV Mainz 05 gerade zum richtigen Zeitpunkt. Der Tabellenzehnte ist in diesem zweiten Intensiv-Block mit drei Wettbewerben am Ende doch ziemlich stark in die Richtung geschlittert, die viele befürchtet und dem Neuling in Sachen europäischer Gruppenphase prognostiziert hatten. Eine hohe Verletzungsrate, Substanzverlust durch die permanenten Englischen Wochen und ständigen Reisen, Unerfahrenheit auf internationaler Ebene, fehlenden Möglichkeiten, Defizite in der täglichen Trainingsarbeit angehen und abarbeiten zu können haben eine Gemengelage ergeben, in der die junge Mannschaft am Ende dieser Serie die hohe Erwartungshaltung, die trotz der Berücksichtigung vieler dieser Aspekte im Umfeld vorhanden ist, nicht mehr erfüllen konnte. Die Mainzer sind zwar weit entfernt von Krisen-Szenarien oder von den Problemen, die andere, höher eingeschätzte Klubs mit sich herumschleppen. Doch die Verantwortlichen und Beteiligten suchen selbst intensiv nach dem Schlüssel. Im Moment kann die Devise nur heißen: Weitermachen, den eingeschlagenen Weg der Team-Entwicklung beharrlich weitergehen, aus den Fehlern lernen, die Erfahrungen einfließen lassen. Die zwei Wochen Pause intensiv nutzen. Batterien aufladen. Erholen, arbeiten, sich neu aufstellen, zu Hause dann gegen den SC Freiburg erneut angreifen und die nächste Etappe angehen.

Stefan Bells Kopfballtor zum 1:3 in Leipzig gehört zu den positiven Dingen, die das Team des FSV Mainz 05 mitnimmt in die dringend notwendige Länderspielpause. Foto: ImagoStefan Bell, inzwischen einer der erfahrensten Spieler im Kader von Martin Schmidt, gehört zu der Sorte von Profis, die reflektieren, sich intensiv Gedanken über das eigene Spiel machen. Der Vize-Kapitän setzt sich immer mit der Situation kritisch und auch selbstkritisch auseinander. Nach dem 1:3 in Leipzig stand der 25-Jährige eine Weile nachdenklich in der Mixed Zone, erörterte dann längere Zeit im Gespräch mit Rouven Schröder die Situation und sprach anschließend im Talk mit den heimischen Journalisten diverse Dinge an, ohne freilich die konkrete Lösung parat zu haben. Doch es war spürbar, wie sehr sich der Innenverteidiger mit der Gesamtthematik befasst. „Wir haben diese letzte Englische Woche gut angefangen mit Ingolstadt und schlecht aufgehört mit Anderlecht und Leipzig“, sagte Bell. „Wir haben hier wenig von dem auf den Platz bekommen, was wir uns vorgenommen haben. Wir haben vorher lange darüber gesprochen, dass Leipzig brutal konterstark ist, haben ausführlich besprochen, wie wir die Konter absichern wollen. Es hat einfach an der Umsetzung gefehlt von den taktischen Sachen in der ersten Halbzeit. Das ist das, was uns etwas begleitet, dass wir es nicht schaffen, wenn einer einen Zweikampf verliert, dass der nächste dann das Ding ausbügelt. Am Ende ist es oft so, wir verlieren einen Zweikampf, und der Gegner hat direkt eine Chance oder wir laufen in einen Konter rein. Das ist zurzeit ein Problem, dass wir als Mannschaft nicht so die Fehler ausbügeln gegenseitig.“

Woran das liegt? „Es spielt sicher eine Rolle, dass wir die vielen Spiele haben und ständig mit einer anderen Mannschaft auf dem Platz stehen müssen. Das ist eine neue Situation für uns.“ 16 Pflichtspiele haben die 05er bisher absolviert, einige der Nationalspieler sogar noch vier mehr. Das sind Verhältnisse, an die sich die Top-Klubs gewöhnt haben, die aber für die meisten 05er Neuland sind. „Wir hatten in den vergangenen Jahren grundsätzlich bis zu acht Mann, die jede Woche auf dem Feld standen“, sagte Bell. „Da hat man gesehen, dass wir deutlich weniger Gegentore bekommen haben. Vielleicht ist es in einer solchen Phase jetzt auch normal, dass wir anfälliger für Konter sind. Es ist in jedem Spiel so, dass wir erst einige Zeit brauchen, bis wir uns gefunden haben. Diesmal hat es leider 45 Minuten gedauert.“ Doch an der Rotation führe nun Mal in einem solchen Programm kein Weg vorbei. „Wir müssen ja rotieren. Es ist aber dennoch eine besondere Situation, weil die meisten von uns das noch nie hatten. Es ist auch ein Lernprozess. Wir haben sehr viele junge Spieler. In Leipzig und in Anderlecht haben wir mit einem 19-Jährigen und 20-Jährigen auf zentralen und auch für unser Spiel zentralen Positionen gespielt. Die Jungs haben sowas noch nie mitgemacht, noch nie so viel gespielt, noch nie so viele Reisen gemacht“, führte Bell an. „Dann kommt man hier gegen einen Gegner, der 110 Prozent Selbstvertrauen hat und momentan besondere Leichtigkeit im Ballbesitz. Das ist unfassbar schwer.“

Zu viel Rotation?

Der Grat zwischen Wechseln als vernünftige Lösung und einer gewissen Rotations-Unruhe im Team ist naturgemäß schmal. „Ich weiß nicht“, sagte der Innenverteidiger, der in der zweiten Halbzeit von der Bank kam und der Mannschaft mehr Stabilität gab, „ob es im Rückblick besser gewesen wäre, weniger zu verändern. Wir hatten jetzt vier Wechsel im Vergleich zum Donnerstag. Wir hatten in dieser Saison aber auch schon sechs Wechsel und da war es kein Problem. Und auch die Ergebnisse sind kurios. Wenn wir gegen Anderlecht sechs Tore kassieren, hätten wir gegen diese Leipziger eigentlich zweistellig verlieren müssen vom Verhältnis her. Das passt überhaupt nicht.“

In Leipzig habe die Mannschaft sich stark auf die Defensive konzentrieren wollen. „Vielleicht haben wir es am Anfang trotzdem zu wenig gemacht, aber beim ersten Tor kann der Ball auch zwei Meter höher und aufs Netz fliegen. Im Moment flattern die Dinge bei uns einfach rein. Klar, danach gab’s etliche Szenen, wo es besser gespielt war und von uns schlechter verteidigt. In der zweiten Halbzeit haben wir phasenweise tiefer gestanden, aber Leipzig hat diese Qualität sich trotzdem durch zu kombinieren. Das 1:0 war jedoch einfach bitter und spielt so einer Mannschaft zu stark in die Karten.“

Martin Schmidt und Daniel Brosinski: Wie in der Vorbereitung. Foto: ImagoAuch der 05-Trainer sinnierte später über Rotation und Aufstellung. „Wir wollten im sicheren Block gut stehen und unser Umschaltspiel über die Außenbahn durchziehen. Wir hatten dieselbe Startaufstellung wie immer im 4-2-3-1, nur der Zehner war ein Achter oder Sechser, ein Defensivdenkender. So wollten wir das Zentrum zumachen“, erklärte Martin Schmidt, der Yunus Malli auf der Bank gelassen, dem schnelleren Jairo als Umschaltstürmer den Vorzug vor Pablo De Blasis gegeben hatte. „Derselbe Plan war zuerst den kräftigeren Karim Onisiwo bringen, dann den schnelleren Levin Öztunali.“ Das schnelle Gegentor habe alles verändert. „Dann ist alles, was du angesprochen hast, über den Haufen geworfen. Bei den Spielern ist plötzlich der Film wieder da, der 60 Stunden zuvor in Anderlecht abgelaufen ist. Da kommt eine schlimme Gemengelage zusammen“, betonte Schmidt.

„Dann bist du im Rückstand, der Gegner stellt sich tiefer, kann sich aufs Konter konzentrieren, auf ihr Pressing. Plötzlich wurden wir angelaufen. Du liegst hinten, musst das Spiel machen und kicken, und der Yunus, den du dafür brauchst, sitzt neben mir auf der Bank. Wenn man das vorher wüsste, würde man anders aufstellen. So aber hast du plötzlich Spieler auf dem Platz, die du nicht in die Startelf gestellt hättest, wenn du gewusst hättest, wie es kommt.“

Die Mainzer wollten sich über die erste Druck- und Angriffs-Welle des Gegners hinüberretten. Das ist nicht gelungen. „Leipzig, das ist eine Vollgas-Mannschaft, die konzentriert sich die ganze Woche auf dieses eine Spiel. Und wir kommen mit dieser Packung an Kilometern, an Belastung mit den doppelten Spielen hierher“, sagte der 49-Jährige. „Dass da am Anfang die Spritzigkeit fehlt, der erste Schritt fehlt, in den Zweikampf rein zu kommen, das ist komplett normal. Das war auch schon In Wolfsburg so die ersten 20 Minuten. Wir haben dann die Laufleistung aufgeholt hinten raus, wir waren nicht das unfittere Team.“ Doch das eigene Spiel nach vorne, die Abschlüsse in den Umschaltaktionen, die litten dennoch unter diesen Voraussetzungen. „Momentan fühlt es sich so ein bisschen an wie in der Vorbereitung, wenn du nach drei, vier harten Wochen auf einen Gegner triffst, der schon kurz vor der Meisterschaft steht. Der ist einfach den Tritt schneller. Die Präzision geht uns momentan ab. Die Ansätze sind ja da“, erklärte Schmidt.

Für die nächsten zwei Wochen sei die zweite Halbzeit in Leipzig sehr wichtig gewesen. Keinen weiteren Gegentreffer mehr gefangen, dank Bells Kopfballtor den Durchgang gewonnen. „Wenn das Team nicht funktioniert hätte, kriegst du hier nochmal drei. Da haben wir uns dagegen gestellt. Deshalb gehen wir mit dem positiven Gefühl raus, noch ein Tor erzielt zu haben. Das macht die Niederlage nicht besser, aber es fühlt sich besser an und es lässt sich damit besser arbeiten.“ Der Vize-Kapitän sah es ebenso. „Das war schon sehr wichtig für uns. Ein wichtiges Zeichen an uns selbst, dass wir auch anders können, dass wir auch gegen so einen Gegner zu Null spielen und ein Tor machen können“, sagte Bell. „Wir tun gut daran uns jetzt an kleinen, positiven Sachen hoch zu ziehen.“

► Alle Artikel zum Spiel bei RasenBallsport Leipzig

► Zur Startseite