Labbadia? Neururer? Erst einmal Nouri!

Christian Karn. Mainz.
Alexander Nouri ist bereits am Donnerstag mit Werder Bremen ins Rhein-Main-Gebiet gekommen. Während zuhause die Medien und die alten Helden bereits öffentlich über seine möglichen Nachfolger reden, will der Trainer des Bundesliga-Drittletzten sein Team in Ruhe auf das Spiel beim FSV Mainz 05 vorbereiten. Das Hinspiel war Nouris Bundesliga-Debüt. Das Rückspiel wird, wenn er die Serie seiner Vorgänger fortsetzt, sicherlich nicht seine letzte Partie sein. Gibt es dagegen seine fünfte Niederlage in Folge - wird Frank Baumann trotzdem eher nicht mit Peter Neururer telefonieren.

Seit zwei Jahren ist Martin Schmidt Cheftrainer des FSV Mainz 05, morgen ist er zum 68. Mal für ein Bundesligaspiel zuständig - das sind zwei volle Saisons. Das klingt noch nicht allzu spektakulär; zwei Jahre sind noch keine Ära. Von Julius Etz über Helmut Schneider, Gerd Higi, Heinz Baas, Bernd Hoss, Horst Hülß, Herbert Dörenberg, Horst-Dieter Strich, Robert Jung, Josip Kuze, Wolfgang Frank (in seiner zweiten Periode) und Jürgen Klopp (05-Rekordhalter mit 250 Ligaspielen) bis Thomas Tuchel gibt es 13 Trainer, die länger für die 05er arbeiteten; Schneider hat dabei die 05er in den kleinen Ligen der unmittelbaren Nachkriegszeit in zweieinhalb Jahren nur 58 Mal betreut; Frank wird Martin Schmidt schon im folgenden Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg einholen können, Higi und Kuze ebenfalls noch in dieser Saison. Den Schnitt von 1,4 Punkten pro Spiel, von dem Schmidt immer wieder spricht, hat er in den bisherigen 67 Spielen haarscharf verfehlt, 93 Punkte ergeben 1,388 Punkte. Ein Sieg im 68. Spiel würde die Bilanz auf 1,412 heben.

Überraschung: In der Bundesliga ist Martin Schmidt damit weit vorne dabei. Platz fünf, vielleicht demnächst Platz vier, weil Roger Schmidt in Leverkusen offenbar umstrittener ist, als die Bayer-Verantwortlichen zugeben mögen - wer weiß, vielleicht sogar bald Platz 18, sollte Bayer Leverkusen tatsächlich mit dem anderen Schmidt weitermachen wollen. Aber das ist Spekulation.

Wasserdichte Tatsache ist, dass Alexander Nouri gerade mal eine halbe Bundesligasaison hinter sich hat: Drei Spiele als Interimstrainer nach der Entlassung von Wiktor Skripnik, 14 als Cheftrainer. 16 Punkte, 0,941 im Schnitt. Das sind mehr als Eckhart Krautzun damals als 05-Coach erreichte, mehr als Horst Franz holte. Beide wurden schnell entlassen. Und einen dritten 05-Trainer mit so schlechter Bilanz wird man nicht finden. Kein Wunder also, dass Nouri in einer Zeit, in der man mit 67 Spielen schon überdurchschnittlich lange Bundesligatrainer ist, schon unter enormem Druck steht. Werder hat zuletzt viermal verloren (1:2 gegen Dortmund, 1:2 gegen die Bayern, 2:3 trotz zweimaliger Führung in Augsburg, 0:1 gegen Gladbach), hat davor zweimal unentschieden gespielt (1:1 in Hoffenheim, 1:1 gegen Köln), hat sich in diesen Spielen, betrachtet man sie einzeln, kein einziges Mal blamiert, hat keine einzige Klatsche bekommen. Hat aber auch seit dem 1:0 in Berlin am 10. Dezember kein Spiel mehr gewonnen. Nouri braucht bald seinen fünften Sieg (nach jeweils 2:1 gegen Wolfsburg, Leverkusen, Ingolstadt und eben 1:0 in Berlin). Sonst dürfte seine ohnehin erst einmal nur bis Saisonende befristete Arbeit als Cheftrainer unter dem Bundesligaschnitt bleiben. Frank Baumann, Bremens Sportchef, muss schon Gerüchte dementieren, der ehemalige Bremer Bundesliga-Stürmer Bruno Labbadia stünde bereits als Nachfolger parat. Der Forderung des langjährigen Bremer Verteidigers Uli Borowka, doch möglichst Peter Neururer einzustellen ("Nouri ist gescheitert und muss weg. Neururer kennt sich in schwierigen Situationen aus und weiß, wie es geht."), widersprach Baumann bisher nicht; es dürfte ihm zu doof sein. Die ehemaligen Bremer Torhüter Tim Wiese und Dieter Burdenski äußern sich etwas zurückhaltender, inhaltlich aber ähnlich, und wenn so viele Ex-Spieler öffentlich den Trainer anzählen, ist zumindest eins klar: In Ruhe arbeiten ist schwierig.

Der "Hidden Ball" ist im Baseball ein Trick Play, im Fußball eine Unsportlichkeit. Alexander Nouri verschaffte bei seinem Bundesligadebüt damit seinem Team etwas Zeit und verlor trotzdem. Passiert das im Rückspiel wieder, könnte Nouris Karriere als Cheftrainer schon wieder vorbei sein. Foto: imagoDarum ist das Bremer Bundesligateam schon am Donnerstag ins Trainingslager nach Wiesbaden aufgebrochen. 18 Spieler sind dabei, weitere bei Bedarf natürlich schnell hinterher geholt. Wahrscheinlich zählt Claudio Pizarro zu diesen 18 Mann. Der 38-jährige Stürmer, ohne Zweifel einer der ganz, ganz großen Bundesligaspieler nicht nur seiner Generation, ist körperlich natürlich nicht mehr so stabil wie in seinen ersten Bundesligajahren und schoss trotzdem in der vergangenen Saison noch einmal 14 Saisontore für den SV Werder. In dieser Saison hat der Peruaner noch gar nicht getroffen. Aber was heißt das schon?

Denn torgefährlich, das sind die Bremer sowieso. Gladbach war eine Ausnahme, das 0:6 gegen die Bayern am ersten Spieltag war die andere Ausnahme. Vom 2. bis zum 19. Spieltag traf Werder in jedem Spiel. Serge Gnabry hat sieben Saisontore geschossen, Max Kruse vier, zehn Spieler die weiteren 13 Treffer. Es liegt an der Abwehr, dass die Bremer Drittletzter sind, erst in den letzten Minuten des vergangenen Samstags durch die späten Bayern-Tore gegen den FC Ingolstadt vom direkten Abstiegsplatz wieder auf den Relegationsplatz rutschten. 42 Gegentore in 20 Spielen sind eigentlich zu viel, um in der Bundesliga eine Rolle zu spielen. Zu Null kam Werder aus einer einzigen Partie - dem 1:0 gegen Hertha.

Zumindest psychologisch ist das Spiel in Mainz daher eine gute Gelegenheit für Nouri. Bei seinem ersten Bundesligagegner - im Hinspiel hatten die 05er enorme Probleme gegen den Bremer Start-Überfall, hätten höher als 0:1 zurückliegen können, drehten sie das Spiel erst in der hektischen Schlussphase durch Tore in der 87. und 92. Minute, für die sie viel getan hatten - haben zumindest seine Vorgänger schon einige Punkte geholt. Skripnik gewann in der vergangenen Saison dank eines unbegreiflichen Zusammenbruchs der 05er in den Minuten vor der Halbzeit 3:1, im Jahr zuvor unter ähnlichen Umständen 2:1. Thomas Schaaf - der anfangs mit einer Bundesliga-Spitzenmannschaft nach Mainz kam - kam gar mit vier Auswärtssiegen aus sieben Versuchen zurück. Nur Robin Dutt ist gegen die 05er zweimal böse untergegangen: In Bremen machte Werder in den letzten Minuten aus einem 0:3 noch ein täuschend knappes 2:3, in Mainz blieb es beim 3:0-Sieg der 05er.

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