Kulturschock zum Karriereende

Christian Karn. Mainz.
In Indien ist Fußball eine Randsportart. Nun gibt es dort eine neue Liga, die den Fußballsport im zweitbevölkerungsreichsten Land der Welt aus dieser Rolle herausheben soll. Einer der Entwicklungshelfer ist ein ehemaliger 05er: Manuel Friedrich wechselte im Sommer aus der Bundesliga auf den Subkontinent. Bereits nach zwei Spielen ist der vor kurzem 35 Jahre alt gewordene Verteidiger, der bereits 2013 angekündigt hatte, seine Karriere in fernen Ländern ausklingen lassen zu wollen, ein Leistungsträger des Mumbai City FC.

Der erste Mainzer im DFB-A-Kader

Manuel Friedrich war um die Jahrtausendwende das Universaltalent der 05er, später ihr erster deutscher A-Nationalspieler. Karriere machte der gebürtige Kreuznacher als Fußballer, aber auch in einigen anderen Sportarten hätte er weit kommen können. Der 21-jährige Sohn des 05-Jugendchefs Hubert Friedrich wäre gegen Ende seiner Juniorenzeit bei den 05ern fast aussortiert worden; den 21-jährigen Verteidiger etwas später ohne Rücksicht auf Verluste in die 2. Bundesliga zu werfen, gilt gemeinhin als das einzige, was der gescheiterte 05-Trainer René Vandereycken richtig gemacht hat. 2001/02 war Friedrich mit acht Treffern der offensivstärkste Innenverteidiger der 2. Bundesliga. Nach dem verpassten Aufstieg wechselte er für 2,5 Millionen Euro - damals eine Rekordsumme für Mainz 05 - zu Werder Bremen, wo er aber nur einmal in der Bundesliga spielte: Wegen zwei Kreuzbandrissen - einer links, einer rechts - verpasste Friedrich die komplette Saison 2002/03. Im folgenden Winter wechselte er zunächst leihweise zurück nach Mainz, schaffte den Aufstieg und wurde für die damalige 05-Rekordablöse von 1,4 Millionen Euro fest verpflichtet. Ab 2004 entwickelte sich Manuel Friedrich schnell zu einem der besten Verteidiger der Liga; nach Zweikämpfen (83 Prozent gewonnen) war er 2005/06 der allerbeste. Kurz vor der Weltmeisterschaft wurde er als erster 05er in die deutsche A-Nationalmannschaft eingeladen, zur WM nominierte ihn Jürgen Klinsmann nicht. Wirklich etabliert hat sich Friedrich in der Nationalmannschaft nie, dafür aber in der Bundesliga: Nach dem Mainzer Abstieg wechselte er 2007 zu Bayern Leverkusen, wo er sechs Jahre lang nicht immer Stammspieler war. 2013 lief sein Vertrag aus; gegen Ende der Hinrunde der Saison 2013/14 nahm Borussia Dortmund den Verteidiger kurzfristig als Aushilfe unter Vertrag. Insgesamt schoss Friedrich in 258 Bundesligaspielen 16 Tore, vier davon in den 99 Spielen für die 05er. Dazu kommen 81 Zweitligaspiele und zwölf Tore für Mainz 05

Für den nächsten Besuch in der Heimat muss Manuel Friedrich einen längeren Flug buchen als den Kurztrip auf Markus Schulers Buckel. Foto: imagoIndien ist eine der größten Nationen der Welt: Gemessen an der Fläche liegt der asiatische Staat auf Platz sieben der Weltrangliste, gemessen an der Einwohnerzahl auf dem zweiten Rang mit über 1,25 Milliarden Menschen - weniger als China, aber mehr als ganz Afrika, mehr als ganz Amerika (Nord-, Mittel- und Süd- addiert), mehr als Europa. Jeder fünfeinhalbte Mensch auf diesem Planeten - statistisch gesehen - ist Inder.

In einigen englischen Mannschaftssportarten zählt die ehemalige britische Kronkolonie zur Weltklasse; Indien ist zweimaliger Cricket-Weltmeister (1983 und 2011). Der indische Cricketverband ist seit 1926 einer von damals sechs, heute zehn Verbänden, die Test Matches bestreiten dürfen, die höchstklassigen Partien, die es in dieser Sportart gibt. Im Hockey waren die Inder bis in die 1960er international nahezu unschlagbar; weltweit stehen sie immer noch in der Top Ten. Fußball hingegen spielen dort nicht allzu viele, obwohl im damaligen Calcutta (heute Kolkata) bereits 1888 der drittälteste offizielle Fußballwettbewerb der Welt gegründet wurde. Für eine Weltmeisterschaft hat sich Indien bisher ein einziges Mal qualifiziert - 1950 kampflos, weil die Qualifikationsgegner ihre Teilnahme absagten: Burma wegen Bürgerkriegs und die Philippinen ohne nähere Begründung. Warum Indien schließlich auch nicht beim WM-Turnier antrat, ist nicht absolut klar. Die oft kolportierte Geschichte, es habe daran gelegen, dass die indische Mannschaft nicht mit Fußballschuhen, sondern Stoffbandagen an den Füßen spielen wollte, was die FIFA nicht zugelassen habe, stimmt eher nicht; noch 1952 spielte Indien bei den Olympischen Spielen in Helsinki mit der traditionellen Fußbekleidung. Eher lag es wohl daran, dass dem Nationalverband die Reisekosten nach Brasilien zu hoch waren.

In der FIFA-Weltrangliste liegt Indien heute nur auf dem 158. Rang, immerhin 49 Plätze vor den Tabellenletzten Bhutan und San Marino. Gegen die winzige Republik innerhalb Italiens hat seinerzeit ein Profi des FSV Mainz 05 sein einziges Länderspieltor geschossen, der nun dazu beiträgt, den Fußball auf dem Subkontinent neu zu erfinden: Manuel Friedrich hat sich im Sommer aus der Bundesliga verabschiedet und hat als Entwicklungshelfer beim Mumbai City FC begonnen. Bereits nach zwei Spielen ist der Verteidiger, der kürzlich seinen 35. Geburtstag feierte, ein Leistungsträger des neuen Teams aus der 12,5-Millionen-Stadt; beim 5:0 gegen Pune City war Friedrich sogar Mannschaftskapitän.

"Ein paar Leute haben gesagt, ich hätte sie nicht mehr alle", sagt Friedrich. "Ein paar haben aber auch gesagt: Das ist genauso, wie Du bist. Nichts Neues für uns, dass ausgerechnet Du das machst." In der Tat hatte Friedrich bereits Anfang 2013 angekündigt, seine Karriere in weiter Ferne beenden zu wollen; China, Japan und Thailand hatte der Verteidiger als Optionen genannt. "Länder, wo man einen Kulturschock bekommt", wurde Friedrich damals zitiert. "Wo dich keine Sau versteht. Mit einer fremden Sprache und anderen Schriftzeichen. In einem Jahr Mandarin zu sprechen, fände ich spannend." Statt dessen ging es nach vier Monaten ohne Vertrag ins nicht ganz so ferne Dortmund, wo seinem Ex-Trainer Jürgen Klopp wegen Verletzungen die Verteidiger ausgegangen waren. Und jetzt, ein knappes Jahr später, tatsächlich nach Asien, wenn auch nicht ganz so weit; Mandarin spricht man in der 12,5-Millionen-Einwohnerstadt Mumbai nicht, sondern vor allem Marathi, Hindi und das eng verwandte Urdu oder Gujarati - und als Verkehrssprache häufig Englisch.

Mumbai City spielt in der 2013 eingeführten Indian Super League, einem Franchise-Wettbewerb nach amerikanischem Vorbild, der von Oktober bis Dezember ausgetragen wird. Die ISL steht allerdings in keiner Verbindung mit der bisherigen überschaubaren, aber in sich funktionierenden indischen Fußballszene, die seit den 1980ern wieder floriert. 1996 wurde die National Football League gegründet, die 2007 in die I-League überging, einen Wettbewerb von zehn Teams, der jährlich von Januar bis Mai läuft und im Gegensatz zum neuen Wettbewerb beispielsweise Auf- und Abstieg kennt. Ganz vereinzelt schaffen indische Fußballer aus der I-League sogar den Sprung in größere Ligen; der Stürmer und Rekordnationalspieler Baichung Bhutia spielte von 1999 bis 2002 für den englischen Drittligisten Bury FC und der aktuelle Nationaltorwart Subrata Pal absolvierte in diesem Sommer eine Probetraining in Leipzig, wechselte dann aber nach Dänemark zum FC Vestsjaelland. 

Die ISL ist die spektakulärere Konkurrenz zur I-League: Die acht teilnehmenden Teams müssen eine Mindestzahl einheimischer Spieler im Kader haben; Zugpferde sind internationale Altstars wie eben Manuel Friedrich, der 258 Bundesligaspiele absolviert hat. Bei Atlético de Kolkata spielen diverse Spanier, darunter der Ex-Nationalspieler und Champions-League-Sieger Luis García. Der Star der Delhi Dynamos ist der ehemalige Weltklassespieler Alessandro del Piero, der mit Juventus Turin und der italienischen Nationalmannschaft so ziemlich jeden Wettbewerb gewonnen hat; nur Europameister ist er nicht. Beim Chennaiyin FC spielen der französische Ex-Nationalspieler Mikaël Silvestre und der italienische Weltmeister Marco Materazzi, für Pune City der französische Welt- und Europameister David Trezeguet, für den FC Goa dessen Kollege Robert Pires, für die Kerala Blasters der ehemalige englische Nationaltorwart David James als Spielertrainer. Für NorthEast United verteidigt der Katalane Joan Capdevila, der mit Spanien zweimal Europameister wurde. Bei Mumbai City schließlich spielt Friedrich zusammen mit dem französischen Europameister Nicolas Anelka und dem Schweden Fredrik Ljungberg.

Trainiert wird das Team vom englischen Ex-Profi Peter Reid, Der frühere Mittelfeldspieler absolvierte die meisten seiner 528 Erst- und Zweitligaspieler für die Bolton Wanderers, den Everton FC und Manchester City. Bei der WM 1986 war Reid eine der Slalomstangen bei Diego Maradonas legendärem Tor gegen England war. Nach einigen Jahren als Profitrainer in England (Manchester City, Sunderland AFC, Leeds United, Coventry City), einem Jahr als thailändischer Nationaltrainer und zuletzt dreijähriger Pause trainiert er seit September Mumbai City.

Reid ist der erste Trainer des Franchise-Teams, denn das wurde erst im August gegründet. "Anfangs haben wir in Privatklamotten trainiert", erzählt Friedrich. "Das war sehr lustig." Einheitliche Arbeitskleidung für das neue Team gab es in den allerersten Tagen schlicht noch überhaupt nicht. Inzwischen spielt Mumbai City in der Regel in blauen Trikots, die ein wenig wie eine südamerikanische Variante der Trikots von Paris Saint-Germain aussehen, mit diagonalem statt senkrechtem Streifen. Als Ausweich-Kollektionen stehen ein rotes Trikot mit blauem Längsbalken zur Verfügung, das ein wenig an ein spanische Nationaltrikot um 2000 herum erinnert, und ein griechisch wirkendes weißes Shirt mit dem gleichen blauen Streifen.

Was darin steckt, ist wie aus einer Wundertüte. "In dieser Konstellation gab es die Mannschaften noch nie", sagt Friedrich. Keiner kannte zunächst ihre Stärke. Nach zwei Spieltagen deutet sich zumindest an, dass es in der indischen Fußballhochburg Kolkata ein Spitzenteam geben könnte. "Da wird man von 120.000 Zuschauern das ganze Spiel über ausgebuht", schwante Friedrich vor seinem Auftaktspiel bei Atlético de Kolkata. "Damit habe ich aber keine Probleme. Das wird eine riesige Schlacht." Die Mumbai ohne Ljungberg und Anelka 0:3 verlor. Anderswo ist das Publikum weniger fanatisch: Er könne mit aktuellen indischen Nationalspielern unerkannt quer durch die Stadt zum Training laufen, erzählt Friedrich. Das Niveau entspreche der zweiten oder dritten deutschen Liga, allerdings in schwüler Hitze auf schlechten Kunstrasenplätzen.

"Indien ist nicht das typische Fußballland", sagte Friedrich dem Fußballmagazin "11 Freunde". "Ab und an sehe ich mal ein paar Kinder in Trikots englischer Vereine einem Ball hinterherjagen." Fast überall hingegen würden die Kinder mit Cricketschlägern spielen. Trotz Unterrichts in Hindi vermisst der Verteidiger dagegen die direkten Erfahrungen mit der indischen Kultur: Da der Ligabetrieb in eine so kurze Zeitspanne gepresst ist, fehle ihm die Zeit für größere Unternehmungen außerhalb des Fußballs. Der Verkehr sei ein weiteres Problem: "Für eine Strecke von zehn Kilometern ist man schnell mal eine Stunde unterwegs. Land und Leute kennenlernen, kommt also etwas zu kurz. Aber ich bin nun mal zum Fußballspielen da. Das hat Priorität."

Die reguläre Saison läuft bis Ende November. Dann folgen die Playoffs mit Halbfinal-Hin- und Rückspiel und einem einzigen Finalspiel für die besten vier Vereine. Wie es für Friedrich nach der Saison weitergeht, weiß er noch nicht. "Aber wenn im Januar die asiatischen Ligen beginnen, könnte ich mir gut vorstellen, irgendwo weiterzuspielen", sagt er.