Krisen gab es auch mit Tuchel - sogar ernstere

Jörg Schneider
Spätestens seit diesem 1:2 beim Hamburger SV und nunmehr sechs Spielen ohne eigenes Erfolgserlebnis wird beim FSV Mainz 05 und im Umfeld des Bundesligisten heftigst diskutiert. Über den Trainer und dessen Spielstil. Über die Qualität des aktuellen Kaders. Über Einstellung, Kampf und Überzeugung der 05-Profis. Über die Gefahr, in den Abstiegskampf zu geraten. Dabei wird schnell vergessen, dass es auch unter Kasper Hjulmands Vorgänger Thomas Tuchel, der bekanntlich mit der Mannschaft nie auf einem Abstiegsplatz gestanden hat, ähnliche Krisen gab. In der Saison 2011/12 war die Lage besorgniserregender. Jörg Schneider erinnert sich in seinem Einwurf.

Solche Negativphasen gehören auch bei Mainz 05 zum Leben in der Bundesliga dazu. Und sie sind nicht immer nur mit dem Qualitätsstatus der Mannschaft erklärbar. Dieses Phänomen trat auch schon ähnlich in der vergangenen Saison auf. In einem Team, das zweifellos auf wichtigen Positionen personell stärker besetzt war als das aktuelle. Und auch Klubs, die qualitativ unstrittig auf einem anderen Level agieren, müssen solche Phasen durchleben.

Das Potenzial im 05-Angriff ist zweifelsohne vorhanden, die in der Bundesliga erforderliche Qualität nicht. Kaltschnäuzigkeit, Durchsetzungsvermögen, unbedingter Wille zum erfolgreichen Abschluss, das sind Dinge, die den Mainzer Angreifern (noch?) fehlen. Chancenvorbereitung und Chancenauswertung, daran haperte es. Und an der entschlossenen Durchsetzungskraft im letzten Drittel.

„Wir stehen wieder mit leeren Händen da. Wir müssen uns jetzt mit dem Abstiegskampf anfreunden.“ Doch der Glaube an eine Wende fällt im Moment schwer. „Ich weiß aber keinen anderen Weg, als mit guten Leistungen versuchen zu punkten. Wir werden uns darum kümmern und uns so aufstellen, dass wir gegen Stuttgart daran glauben, ein Bundesligaspiel gewinnen zu können.“

Spielerei

Spieltage, an denen Mainz 05 in der Tabelle schlechter stand als heute, also auf Platz zwölf bis 18:

2011/12: 24 (9x12, 7x13, 4x14, 4x15)
Platz 13 in der Abschlusstabelle

2012/13: 6 (2x12, 2x13, 1x14, 1x15)
Wieder Platz 13 in der Abschlusstabelle 

2013/14: 3 (2x12, 1x14)
Platz 7 in der Abschlusstabelle auf 7

Nein, auch wenn es so schön in die Thematik dieser Tage passt, die vorangegangenen Zeilen sind nicht aktuell und beziehen sich nicht auf die Situation des FSV Mainz 05 nach dem 1:2-Sieg beim Hamburger SV und dem nur noch geringfügigen Abstand in der Tabelle zu den Abstiegsplätzen. Diese Einschätzungen und Zitate, hier aneinandergereiht, waren im Oktober 2011 nach einer 1:3-Niederlage zu Hause gegen den SV Werder Bremen und nach neun Spielen ohne dreifachen Punktgewinn im Sportteil der Mainzer Rhein-Zeitung zu lesen.

Die Angst vor dem Abstiegskampf. Die Zweifel an der vorhandenen Qualität im Kader. Die Frage nach der richtigen Herangehensweise. Das alles gab es auch unter der Regie von Trainer Thomas Tuchel immer wieder. Verstärkt in dieser Saison 2011/12. Und mit einer von Pressing, Gegenpressing und Vorwärtsverteidigung, von Balljagd, Balleroberung, Umschaltspiel mit hohem läuferischen und aggressivem kämpferischen Aufwand geprägten Spielweise unter dem Vorgänger von Kasper Hjulmand. Einem Trainer, der in dieser Phase seinerzeit ziemlich ratlos wirkte.

Ratlos in der Krise: Thomas Tuchel hatte nicht nur der Saison 2011/12 lange Phasen ohne Erfolgserlebnisse - und zeigte, dass auch diese Probleme lösbar sind. Foto: imagoNach neun Begegnungen ohne einen Sieg stand die Mannschaft am elften Spieltag der damaligen Saison auf Platz 15. Mit einem Tor Vorsprung auf Platz 16, mit einem Punkt auf Platz 17, mit zwei Zählern auf Platz 18. Interessant dabei war die Konstellation der anschließenden Spiele: Heimspiel gegen den VfB Stuttgart, in Köln und zu Hause gegen den FC Bayern. Tuchel schaffte den kurzfristigen Befreiungsschlag. Die 05er gewannen in der Coface Arena gegen den VfB 3:1, die Partie in Köln musste abgesagt werden (die Mainzer spielten 1:1 im Nachholspiel) und schlugen zu Hause sensationell den FC Bayern mit 3:2.

Die Krise war dennoch nicht zu Ende. Denn nach dem Bayern-Erfolg kam eine weitere Negativserie mit nur einem Sieg aus acht Spielen. Die Mannschaft ging als 15. in die Rückrunde mit drei Punkten Vorsprung auf den letzten Platz. Und es waren viele kleine Schritte notwendig, um sich ganz allmählich zu verbessern. Einem Sieg gegen den SC Freiburg folgten viele Unentschieden und noch drei Siege, um am Ende die Saison als Dreizehnter abzuschließen.

Es gibt also durchaus Parallelen. Trotz unterschiedlicher Spielsysteme, trotz differierender Trainer-Ansätze. Auch Tuchels Philosophie und Herangehensweise erforderte viel Geduld und Vertrauen in die Arbeit des Coaches. Um in der Bundesliga Spiele zu gewinnen, muss ein Mainz-05-Team immer an seine Grenzen gehen. Damals wie heute.

Selbstläufer gibt es für die 05er nicht. Ohne leidenschaftlichen Kampf, ohne die nötige Einstellung und Konzentration über 90 Minuten, ohne die nötige taktische Disziplin auf allen Positionen, ohne Durchsetzungsvermögen in der Offensive, aber auch ohne das nötige Spielglück funktioniert es nicht.

Kasper Hjulmand genießt wie sein Vorgänger das Vertrauen der Klub-Verantwortlichen. Der Däne ist genauso gefordert, Wege aus der Krise zu finden. Der ausgewiesene Fachmann sollte Lösungen finden können und seiner Mannschaft in dieser Arbeitswoche mit auf den Weg geben für die Partie am Samstag in der Coface Arena gegen den VfB. Schon ein Sieg kann die Lage und die Gesamtstimmung wieder positiv verändern und das düstere Szenario, das diese Niederlage beim HSV zeichnete, extrem aufhellen.

Christian Heidel hat angekündigt, die Mannschaft in dieser Woche ins Gebet nehmen, Gespräche mit Spielern und Trainer führen, die Sinne schärfen zu wollen. Am Samstag werde das wieder anders aussehen, da sei er sich völlig sicher. Vielleicht gibt es ja die nächste Parallele.

Jörg Schneider
Kennt den FSV Mainz 05 aus dem Effeff. Seit 1987 begleitet er den Klub und dessen Werdegang als Berichterstatter. Als Sportredakteur der Mainzer Rhein-Zeitung war er fast überall dabei, hat über alle Höhen und Tiefen, über die Erfolge und Aufstiege geschrieben, über zig Trainingslager und Vorbereitungsphasen, von Transfersituationen berichtet und diese versucht realistisch einzuschätzen, über wirtschaftliche und soziale Entwicklungen von der Oberliga bis heute. Sein Credo: Sachlichkeit und Seriosität, immer bemüht, Denkanstöße zu geben. Erklären steht immer vor schlagzeilenträchtiger Kritik. Das wird auch bei nullfünfMixedZone.de nicht anders sein.