Kreativgeist auf schmalem Grat

Jörg Schneider. Mainz.
Im Januar scheiterte der von Borussia Dortmund forcierte Wechsel von Yunus Malli in den Ruhrpott am Veto des FSV Mainz 05. Dass sich der 24-Jährige im Vorfeld des Auswärtsspiels am Sonntag beim BVB noch mit dem geplatzten Transfer beschäftigt, glaubt der 05-Trainer nicht. „Er ist sehr bemüht, hier seine Leistung zu steigern. Er weiß genau, dass er noch mehr herausholen kann. Ihm geht es auch darum, Spiele abzuliefern, die ihn zur Nationalmannschaft hinführen, damit er eine Option ist für die EM“, sagt der Coach, der Malli zudem gegen dessen Kritiker in Schutz nimmt.

Der Flirt war heftig. Ob daraus in absehbarer Zeit allerdings tatsächlich noch eine feste Beziehung entsteht, ist im Moment völlig offen. Thomas Tuchel, der Ex-Trainer des FSV Mainz 05, war zum Jahreswechsel mit ernsthaften Absichten hinter Yunus Malli her. Der Coach von Borussia Dortmund lockte den türkischen Nationalspieler mit einem hoch dotierten Vertrag und war bereit, den Profi, dessen Kontrakt am Bruchweg eine Ausstiegsklausel zum Saisonende von 9,5 Millionen Euro beinhaltet, vorzeitig für lockere zwölf Millionen Ablöse in den Ruhrpott zu holen. Der Deal scheiterte am Veto der 05er, die ihre sportlichen Ambitionen vor den wirtschaftlichen Zugewinn stellten, ihren Torjäger und Spielmacher nicht ziehen ließen. Dafür, dass der Transfer nun nach dem Ende dieser Spielzeit über die Bühne gehen könnte, gibt es bislang keine Anzeichen. „Eine Zusage an Dortmund gibt es nicht. Man wird sehen, was die nächsten Monate bringen“, sagte Malli damals und bestätigte, dass nicht nur der Tabellenzweite der Bundesliga an ihm interessiert war, sondern dass auch englische Vereine ihr Interesse bekundeten. Dieses Interesse könnte bestehen bleiben. „Es kann schon sein, dass weitere Anfragen kommen, da bekannt geworden ist, dass ich eine Ausstiegsklausel habe, aber darüber mache ich mir überhaupt keine Gedanken. Da kann noch so viel passieren“, betonte der 24-Jährige.

Einer der laufstärksten Spieler im Team mit gutem Defensivverhalten und meist der entscheidende Passgeber: Trainer Martin Schmidt nimmt Yunus Malli gegen Kritiker in Schutz. Am Sonntag (17.30 Uhr) stehen die Mainzer im Auswärtsspiel in Dortmund auf der Matte und Malli spielt eine gewichtige Rolle in den Überlegungen des 05-Trainers, wie sein Team erneut bei einem der Liga-Giganten bestehen kann. Dass sich sein Zehner im Vorfeld der Partie gedanklich mehr mit dem geplatzten Wechsel oder mit einer Zukunft in Dortmund beschäftigen könnte als mit der bevorstehenden Aufgabe, glaubt Martin Schmidt nicht. „Yunus ist aktuell ein Spieler von Mainz 05 mit einem längerfristigen Vertrag. Wie der Stand der Dinge ist, wie es bei ihm weiter geht, ob der BVB ihn irgendwann haben will oder nicht, interessiert mich nicht. Und ich glaube, ihn selbst im Moment auch nicht“, erklärt der 48-Jährige. Denn für Malli gehe es vordergründig um andere Themen. „Er ist sehr bemüht, hier seine Leistung zu steigern. Er weiß genau, dass er noch mehr herausholen kann. Ihm geht es auch darum, Spiele abzuliefern, die ihn zur Nationalmannschaft hinführen, damit er eine Option ist für die Europameisterschaft. Das ist primär sein Ziel. Darüber reden wir miteinander. Über das Sportliche jetzt, über die Entwicklung, über seine nahe Zukunft. Was dann schlussendlich im Sommer ist, werden wir zeitnah diskutieren.“

Nach der Partie in Dortmund wird der türkische Nationaltrainer Fatih Terim den Kader für die zwei wichtigen EM-Vorbereitungsspiele gegen Schweden und in Österreich Ende März bekannt geben. Da will Malli dabei sein und dafür hat der 05er zuletzt eifrig Punkte gesammelt, glaubt zumindest sein Vereinscoach. „Beim 3:1 gegen Leverkusen war der Co-Trainer der Türken im Stadion, hat Yunus und Hakan Calhanoglu beobachtet. Da hat er den einen Zehner gesehen, den anderen nicht“, sagt Schmidt. Malli erzielte zwei Tore und lieferte eine gute Partie ab. „Ich bin überzeugt, dass er sich für die Nationalmannschaft qualifizieren kann und dass dies bei ihm einen neuen Flow auslöst. Das wird ihn zusätzlich beflügeln.“

Im Moment fehle Malli ein wenig, dass die Stürmer seine Vorlagen auch verwerteten. So, wie beim 0:0 gegen Darmstadt. Da vergab Jhon Cordoba die größte Torchance zur Führung nach genialem Malli-Tiefenpass. „Wenn der reingeht, ist Yunus mit seinem Pass wieder spielentscheidend. Das ist seine große Stärke. Aber ich bewerte die Offensivspieler da vorne nicht einzig und alleine nach Toren und Vorlagen, sondern halt auch an der Arbeit gegen den Ball, an der Laufarbeit.“

Laufleistungen über zwölf Kilometer

Was man bei Malli oft nicht sehe, sei die Tatsache, dass der 24-Jährige hinter Baumgartlinger meist der zweitbeste Läufer im Team sei. „Er hat immer Laufleistungen über zwölf Kilometer.  Er läuft unheimlich viele Räume zu und oft dem Gegner davon, was uns Räume öffnet. Die drei, vier Möglichkeiten, die wir in der ersten Halbzeit gegen Darmstadt hatten, die Pässe, die wir in die Schnittstellen der Abwehr gespielt haben, da ist jedes Mal ein Laufweg von Yunus vorausgegangen. Der Innenverteidiger hängt sich an ihn dran, weil er weiß, den muss er wegverteidigen. Dadurch entsteht Platz, den andere Spieler nutzen. Das alles nehme ich in die Bewertung seines Spiels mit rein. Deshalb ist er ein sehr wichtiger Mann für uns. Ich brauche Spieler, die das machen. Mit statischen Spielern, die diese Bewegungen nicht haben, gibt es keine Räume für unser Umschaltspiel“, erklärt Schmidt.

„Yunus hat auch eine große Wirkung im Anlaufen. Er schließt immer gut die Passwege im Zentrum. Er ist auch in der Verteidigungsarbeit mit seiner Laufleistung sehr wichtig für uns. Das sehen viele nicht.“ Julian Baumgartlinger habe nach dem Sieg in Hannover beispielsweise in der Analyse angemerkt, dass nach Mallis Auswechslung der Gegner  plötzlich viele Bälle in die Tiefe der 05-Abwehr gespielt habe, die sehr schwierig zu verteidigen gewesen seien. Von den Zuschauern wird der türkische Nationalspieler oft wegen seines Phlegmas kritisiert. Schmidt sieht das nicht ganz so negativ. „Der Fan liebt zuerst einmal Spieler, die über den Kampf kommen wie Pablo de Blasis, Giulio Donati, Leon Balogun, der alles wegräumt, Gaetan Bussmann oder Cordoba, der sich in alles reinstürzt. Das ist so. Ein Kreativgeist wie Yunus, der nervt halt mal den Fan, weil er versucht, vielleicht den Ball mit der Spitze wegzuspielen und das geht daneben. Aber wenn er das im Sechzehner macht und damit einen Spieler frei spielt, der ein Tor erzielt, dann jubeln trotzdem wieder alle. Solche Spieler bewegen sich immer auf einem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn. Das macht sie aber auch aus. Wenn die Schnittstelle durch ihn aufgeht und er den Ball da durch spielt, ist es irgendwann nicht mehr zu verteidigen.“

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