Kompromisse auf ambitioniertem Weg

Jörg Schneider

Machen wir uns nichts vor. Das wird eine harte Nummer. Dem FSV Mainz 05 zum jetzigen Zeitpunkt schon eine ganz schwere Saison zu attestieren, wäre verfrüht. Das eher unnötige Ausscheiden aus der dritten Qualifikationsrunde zur Europaliga bei Asteras Tripolis in Griechenland deutet jedoch darauf hin, dass den 05ern eine äußerst schwierige Startphase droht. Ein Einstieg in eine Bundesligasaison, der viel Bereitschaft zur Hingabe und große Kraftanstrengen von allen Beteiligten erfordert.

Es gibt gewisse Faktoren, die diesen aktuellen Prozess eingeleitet und verschärft haben. Tatsachen, mit denen der neue Cheftrainer leben und arbeiten muss. Und für die Kasper Hjulmand nicht verantwortlich ist. Mainz 05 hat mit insgesamt fünf Brasilien-Fahrern eines der größten WM-Kontingente in der Bundesliga abgestellt. Für Top-Vereine wie Bayern München und Borussia Dortmund ist das zwar auch nicht ohne, aber solche Klubs sind stärker daran gewöhnt, in der Vorbereitung ihre Spitzenspieler gar nicht oder nur bedingt zur Verfügung zu haben.

IDas 1:0 von Shinji OKazaki (links) im Heimspiel reichte nicht zum Weiterkommen gegen Asteras Tripolis. Foto: Imagon Mainz, das zeigen die vergangenen Tage, kämpfen die WM-Starter um ihre Fitness und Athletik. Bis die Jaras, Diaz‘ oder die Asien-Connection in Topform sind, wird’s noch eine Weile dauern. Vielleicht hilft da nur Wettkampfpraxis von Anfang an. Schwer zu sagen.

Extrem schwere Verluste

Ein weiterer Aspekt, mit dem Hjulmand fertig werden muss, ist der Abgang des zweit- und drittbesten Torschützen der vergangenen Saison. Eric-Maxim Choupo-Moting und Nicolai Müller sind für diesen Kader extrem schwere Verluste, weil ihre in Mainz entwickelte Qualität auf dem Transfermarkt nicht eins zu eins zu ersetzen ist. Dafür müsste der 05-Manager Geld hinblättern, was Christian Heidels Möglichkeiten übersteigt. Fakt ist: Auf beiden Flanken fehlen Hjulmand im Moment Geschwindigkeit und Tempodribbling. Kein Neuzugang bisher für diese Positionen. Das ist definitiv ungut. Eine Feststellung, die nicht als Kritik an Heidels Transferpolitik gemeint ist. Die Probleme, die der Manager hat, adäquaten Ersatz zu finden, hat er hinlänglich beschrieben. Filip Djuricic, der Mann von Benfica Lissabon, das hat sich zuletzt deutlich gezeigt, ist aber auch nicht der dringend benötigte Flügelspieler. Der Serbe, bisher nur mit einem Testspieleinsatz zeigte in diesem (gegen den FC Granada), dass er seine Gewohnheiten auf der Zehn oder als hängende Spitze hat.

Kasper Hjulmand ist dennoch optimistisch. Seine Herangehensweise, seine Philosophie ist eine komplett andere als noch unter Thomas Tuchel. Tempo, Aggressivität, Balleroberung, Umschalten. Diese Dinge, seit Jahren am Bruchweg Standard, sind derzeit noch nicht sonderlich ausgeprägt. Das kommt, sagt der Däne. Das seien wichtige Bausteine des 05-Spiels, aber ohne schnelle und trickreiche Außen- und Umschaltstürmer müsse er im Moment Kompromisse eingehen und sein Hauptaugenmerk auf andere Kriterien richten. In Tripoli und jetzt gegen den FC Granada fiel aber schon auf, wie wenig Balleroberungen die Mannschaft im Mittelfeld hatte.

Hjulmand braucht Vertrauen

Auffallend gut dagegen hat sich unter Hjulmands Regie das Positionsspiel bei eigenem Ballbesitz entwickelt. Da ist viel Struktur zu sehen, klare Passfolgen, Sicherheit am Ball und eine oft erfolgreiche Suche nach gut getimten Pässen in die so genannten Schnittstellen. Der 42-Jährige geht mit dem Ansatz, alles über Ballbesitzfußball regeln zu wollen, in jedem Fall einen höchst ambitionierten Weg und spricht selbst davon, dass es Wochen, ja Monate dauern könne, bis sich alles verfestigt habe.

Der neue Cheftrainer bracht Vertrauen für diese Aufgabe. Von allen Seiten. Der Coach geht mit enormer Akribie ans Werk, arbeitet mit seiner Crew viel, zielstrebig und strikt nach Plan. Er muss die Zeit erhalten, um sich in der Bundesliga einzugewöhnen und durchzubeißen. Hjulmand ist allerdings der Erste, der weiß, wie relativ der Begriff Zeit im Profisport ist. Der Däne braucht dringend und schnell Ergebnisse. Nur damit lassen sich Entwicklungen vorantreiben. Und der 05-Trainer muss darauf bauen, dass ihm sein Manager möglichst flott Verstärkungen für die offensiven Außenbahnen bringt.

Jörg Schneider
Kennt den FSV Mainz 05 aus dem Effeff. Seit 1987 begleitet er den Klub und dessen Werdegang als Berichterstatter. Als Sportredakteur der Mainzer Rhein-Zeitung war er fast überall dabei, hat über alle Höhen und Tiefen, über die Erfolge und Aufstiege geschrieben, über zig Trainingslager und Vorbereitungsphasen, von Transfersituationen berichtet und diese versucht realistisch einzuschätzen, über wirtschaftliche und soziale Entwicklungen von der Oberliga bis heute. Sein Credo: Sachlichkeit und Seriosität, immer bemüht, Denkanstöße zu geben. Erklären steht immer vor schlagzeilenträchtiger Kritik. Das wird auch bei nullfünfMixedZone.de nicht anders sein.