Kommt Okazaki rechtzeitig zurück?

Christian Karn. Mainz.
Shinji Okazaki hatte andere Pläne, aber für seinen Klub könnte das Ergebnis des Viertelfinalspiels zwischen Japan und den Vereinigten Arabischen Emiraten eine gute Nachricht sein: Der Mainzer Mittelstürmer verlor das erste K.o.-Spiel der Asienmeisterschaft mit 1:1 n.V., 4:5 i.E. und könnte jetzt rechtzeitig zum Rückrundenauftakt am kommenden Wochenende gegen den SC Paderborn 07 wieder in Mainz sein.

Auch bei genauestem Lauschen waren um viertel nach ein Uhr am Freitagnachmittag keine großen Jubelschreie vom Harten- und Kisselberg zu hören. Dennoch: Wenn es wohl kaum jemand bei den 05ern Shinji Okazaki missgönnt hätte, die Asienmeisterschaft zu gewinnen, ist es keine schlechte Nachricht für den FSV Mainz 05, dass Japan gut eine Woche vor dem Rückrundenauftakt das Viertelfinale gegen die Vereinigten Arabischen Emirate im Elfmeterschießen verloren hat. Der Verein kann sich jetzt guten Gewissens bemühen, seinen Mittelstürmer so schnell wie möglich wieder aus Australien nach Hause zu bekommen.

War es Zufall, dass der Topfavorit so früh ausschied? Irgendwie schon. 32:3 Torschüsse in den ersten 93 Minuten hätten für mehr als ein 1:1 reichen müssen. Irgendwie aber auch nicht, denn schon die Betrachtung dieser 32 Abschlüsse zeigt, dass viele aus der zweiten Reihe kamen. Zum Weiterkommen hätte das trotzdem genügen können, aber es demonstriert, dass die Japaner nicht zu ihrem gewohnten Spiel fanden. Die Kombiniererei kam fast nie in Gang.

Das hängt sicherlich zusammen mit dem frühen Rückstand. Ali Ahmed Mabkhout Mohsen Omaran Alhajeri, der 24-jährige Torjäger vom Al Jazira Club in Abu Dhabi, hatte sich schon in der Gruppenphase als einer der spektakuläreren Spieler des Turniers präsentiert. Und er überfiel die Japaner in den ersten Minuten. Möglicherweise war Mabkhout bei seiner ersten kleinen Chance in der 3. Minute im Abseits - jedenfalls flog ein wunderbarer Pass durch die Lücke zwischen den beiden rechten Spielern in der japanischen Abwehrkette. Der Angreifer lief etwas seitlich auf den Torwart zu, der warf sich entgegen und hatte den Ball. In der Gruppenphase hatten die Japaner wenige Möglichkeiten dieser Art zugelassen.

Dem australischen Publikum gefiel das. Wie in jedem Spiel Japans waren die einheimischen Zuschauer auf der Seite des Gegners: Eine K.o.-Runde ohne Japan würde ihrer Mannschaft den Weg ins Finale sicherlich einfacher gestalten. Und ihre kurzerhand adoptierte Mannschaft war weiter stark. Machte Druck. Das kannten die Japaner aus diesem Turnier noch nicht. Die Spieler aus Ostarabien fackelten nicht lange, liefen einfach mit Tempo geradeaus durchs Mittelfeld. Oder spielten steile Flugbälle zwischen den Außen- und den Innenverteidiger auf ihren Star. Japan musste darauf den Zugriff bekommen und schaffte das erst nach dem 0:1. Genau so ein Ball landete nämlich in der 7. Minute bei Mabkhout, der ihn mit der ersten Berührung kontrollierte und mit dem zweiten Kontakt von der rechten Seite ins lange Eck schlenzte. Sehenswert. Fünf Minuten später probierten es die Araber noch einmal genauso, diesmal aber störten die Verteidiger Mabkhout bei der Ballannahme und verhinderten den Torschuss.

Okazaki hatte schon zwei Minuten nach der kurzen Stille zum Gedenken an den am Vortag verstorbenen saudi-arabischen König Abdullah bin Abdulaziz seine erste Torchance: Torwart Majed Naser, ein Hitzkopf, der für Steinwürfe auf Linienrichter, Angriffe auf Gegenspieler und Trainer und weitere Vorfälle insgesamt bereits mehrere Jahre gesperrt war, hatte den tückischen Aufsetzer von Frankfurts Takashi Inui gehalten. Aus dem folgenden Eckball - dem ersten von insgesamt 18:0 - schoss Okazaki nicht gefährlich. Routine für Naser.

Nur uninteressanter Ballbesitz

Danach aber zeigten die Japaner erst einmal nur harmlose Ansätze. Zwar hatten sie bald viel mehr Ballbesitz als in den ersten fünfzehn Minuten, aber es war kein interessanter Ballbesitz. Es gab bis kurz vor der Pause lediglich einen ungefährlichen Kopfball von Inui (26.). Auf das Spiel der Araber hatten sich die Samurai Blue inzwischen eingestellt, waren hinten stabil, aber kamen vorne nicht durch. Bis zur Schlussphase der ersten Hälfte: Die begann mit einer Balleroberung weit in der gegnerischen Hälfte und einem nicht schlechten Schuss von Yasuhito Endo, der sich aber vom Tor wegdrehte (42.). Dann beulte Keisuke Honda nach einer Einzelaktion das Netz aus - auf den ersten Blick sah man nicht, dass der Ball von der falschen Seite, von außen, einschlug (43.). Schließlich rasselten Naser und Okazaki nach einer Flanke des Linksverteidigers Yuto Nagatomo zusammen - alles sauber, kein Foul, keine Verletzung, aber halt auch kein Tor. Zwar gelang den Japanern etwas mehr, aber fertige Treffer waren nicht dabei.

Für Shinji Okazaki (links) und seine Mannschaft ist die Asienmeisterschaft schon nach vier Spielen vorbei. Für seinen Kollegen, den Rekordnationalspieler Yasuhito Endo, vielleicht sogar die Länderspielkarriere. Foto: imago

Die zweite Hälfte begann mit dem jungen Yoshinori Muto vom FC Tokyo statt Inui. Das brachte die Japaner weiter - wenn auch erst einmal Mabkhout die dritte (und letzte) Chance der Emirate hatte: Wunderbar herausgespielt, mit perfektem Timing, was das Lösen von der Abseitslinie anging, aber der letzte Pass kam etwas zu ungenau. Ein kontrollierter Abschluss war nicht mehr nötig, der Torwart hielt. Und hätte anschließend im Grunde heimgehen können, denn zu tun bekam Eiji Kawashima von Standard Lüttich nach dieser 49. Minute nichts mehr. Nicht mal für Rückpässe oder zum Einsammeln von Flanken brauchten die Japaner ihren Torhüter noch.

Ihre Torchancen kamen jetzt: Mutos Schuss in der 53. Minute war noch nichts Besonderes, sein Kopfball in der 55. Minute schon. Endo hatte zwischen diesen Szenen Feierabend, vielleicht war es das Karriereende des 34-jährigen Rekordnationalspielers von Gamba Osaka im Trikot der Samurai Blue. Japan wollte jetzt nicht nur den Ausgleich, sondern zeigte das auch. Shinji Kagawas nach vorne parierter Schuss war nicht schlecht. Okazaki flog dabei durch den Strafraum, aber wenn's überhaupt ein Foul war, dann vom Mainzer (60.). Auch der Mittelstürmer wurde bald ausgewechselt, viel beigetragen hatte Okazaki diesmal nicht zum Spiel.

Ismail Al Hammadi hätte daraufhin fast eine Konterchance bekommen. Das Tempo fehlte dem arabischen Linksverteidiger allerdings, die Japaner holten ihn im Strafraum ein, drängten ihn zur Seite ab (65.). Sein Kollege Abdulaziz Hussain wiederum bekam bei einem abgefälschten Kopfball von Muto noch rechtzeitig die Hand weg und klärte mit der Brust auf der Torlinie (68.). Wieder Eckball, ein Kopfball von Mutos Vereinskollegen, dem Innenverteidiger Masato Morishige, der etwas zu spät fiel und auf dem Tor landete.

Welle auf Welle

Dann kam erstmals Yohei Toyoda an die Reihe. Der für Okazaki eingewechselte Spätstarter von Sagan Tosu löste sich wunderbar vom Verteidiger, hatte Raum und Zeit, traf den Ball aber schlecht. Weit vorbei (75.). Eine Minute später: Harte niedrige Flanke von rechts zwischen Abwehr und Torwart und in Richtung langen Pfosten zu Toyoda. Gut gesehen, gut gespielt, gut gelaufen - aber der einzige Verteidiger, der überhaupt eine Chance hatte, das Tor noch zu verhindern, bekam lange vor dem neuen Stürmer sein langes Bein an den Ball. Immer noch 0:1. Dennoch: So konnte ein Tor fallen.

77. Minute: Shinji Kagawa! Naser lag vor seinem Tor nach einem Stürmerfoul von Toyoda, das der Schiedsrichter nicht pfiff. Der Dortmunder hatte zwar viele Verteidiger zwischen sich und dem Tor, aber keinen Druck durch diese und eine gute Sicht. Und schoss weit über das Tor. Das Ergebnis passte längst nicht mehr zum Spielverlauf, aber die Spieler aus den Emiraten wehrten sich, stellten sich dem Druck, stemmten sich dagegen und vermittelten den Eindruck: Das kann klappen. Weil die Japaner bei allem Druck und allen Chancen immer noch nicht ins gewohnte Spiel kamen. Fast alles entstand aus Standards. Die Japaner setzten die Brechstange früh an, setzten sie nicht schlecht an, aber die Selbstverständlichkeit, die man von ihnen kennt, sah man nicht. Alles wirkte etwas wirr, etwas auf gut Glück.

Trotzdem lief Welle auf Welle auf Nasers Tor zu. Die Japaner ließen überhaupt nicht nach. Und in der 81. Minute passierte es: Gaku Shibasaki von den Kashima Antlers, Endos Einwechselspieler, spielte nach einigem Geschiebe vor dem Strafraum einen Doppelpass mit Honda, der ihn acht Meter näher ans Tor brachte und ließ einen mächtigen Bumms aus 17 Metern neben den linken Pfosten zum 1:1 los.

Ein weiteres Tor für die Emirate wäre auch bei mehr Zeit als den verbleibenden gut zehn Minuten eine Überraschung gewesen. Der letzte Versuch lag lange, lange zurück. Ein Siegtreffer für Japan hätte trotz der kurzen Zeit nahezu folgerichtig gewirkt. Muto hatte auch gegen drei Verteidiger alle Dimensionen unter Kontrolle, Raum und Zeit, aber schaffte nur einen verunglückten Lupfer neben das Tor (83.). Eine ganze Spielertraube sprang unter einer Flanke durch. Kagawas Schuss von außen wurde nach vorn abgewehrt, die Abwehr warf sich in Makoto Hasebes Nachschuss (85.). Hondas Freistoß aus reichlich 30 Metern fiel fies, aber Naser bekam ihn über die Latte (88.). Nach einem wunderbaren Kopfball von Honda gegen den Lauf der Abwehr stürzte alles zum Ball, Verteidiger, Torwart und Toyoda. Viel fehlte nicht zum Elfmeter, aber es gab Freistoß für die Verteidiger, weil der Japaner den Ball eher zufällig als absichtlich mit dem Unterarm stoppte (89.). Plötzlich kurze Entlastung: Al Hammadi, der Linksverteidiger, zog nochmal zu einem gewaltigen Sprint an, aber Gotoku Sakai hielt mit und gewann das Laufduell. Die Versuche der Araber, in der Nachspielzeit nochmal nach vorne zu kommen, brachten keine Chancen, nur Entlastung, aber auf mehr hatten die es längst nicht mehr angelegt.

Die letzten Sekunden der Nachspielzeit schien Japan zu verschenken: Kurzes Ballgeschiebe ohne Raumgewinn, ohne Tempo, ohne alles auf dem Flügel. Und dann ohne jede Hektik: Querpass am Torwart vorbei, vor Toyoda kurz abgewehrt, letzter Schuss von Kagawa aus sieben Metern knapp vorbei. Und Abpfiff. Verlängerung.

Bälle von allen Seiten vors Tor

Toyoda und Kagawa waren angeschlagen. Half nichts: Beide Trainer hatten schon dreimal gewechselt. Die erste Hälfte der Verlängerung war Regeneration. Japan nahm das Tempo komplett aus dem Spiel, die Araber suchten Mabkhout und fanden ihn nicht. Seitenwechsel - und es ging wieder los. Die Bälle flogen von links und rechts vor Nasers Tor - und in der Regel wieder raus aus dem Strafraum. Aber massenhaft und am Ende hätte einer reichen können, der zum Tor führt. Der kam aber nicht. Es ist natürlich Spekulation, ob Okazaki mehr aus den vielen Flanken gemacht hätte als Muto und Toyoda. Die letzte Chance war vielleicht die beste. Honda legte sich ganz zentral, 21 Meter vor dem Tor, den Ball zum Freistoß zurecht und Shibasaki, der Torschütze, ließ ihn keinen halben Meter am rechten Pfosten vorbeihüpfen. Naser reagierte überhaupt nicht, jeder hatte einen Schuss von Honda erwartet, das Tor war meterweit offen (117.).

Mehr als drei Torschüsse gab es in der Verlängerung schließlich nicht. Elfmeterschießen. Honda vergab kläglich, weit über das Tor, passend zu einer nur mittelmäßigen Leistung des Stars vom AC Milan. Omar Abdulrahman, der blasse, schmale Mann mit der Afrofrisur, der in jeder Aktion so nervös aussah, panenkate den Ball einfach ins Tor. 1:0 für die Emirate. Hasebe verwandelte sicher, Mabkhout, der Star, auch. 2:1. Shibasaki schoss nach einem Schlenderanlauf rechts oben in den Winkel. Und Khamis Esmaeel, der starke Sechser, der Beste im Team der Emirate, schoss über den linken Winkel. 2:2. Toyoda schoss nicht unbedingt platziert, aber hart. Der Torwart flog nur knapp unter dem Ball durch, fluchte, schmiss seine Wasserflasche durch die Gegend. Majed Hassan knallte die Kugel ohne Zeremoniell oben rechts rein. 3:3. Morishige schoss hart in die Mitte, auch in Nasers Reichweite, zwischen Arm und Körper durch. Habib Fardan verwandelte flach links. Zehn Schüsse, 4:4. Kagawa. Flach an den linken Pfosten, fast gegenüber noch ins Tor. Mohamed Ismail Ahmed Ismail, der riesige Innenverteidiger der Emirate, der eingewechselte Turm in der Schlacht, konnte es jetzt regeln. Und regelte es. Japan ist ausgeschieden, die Emirate im Halbfinale, Okazaki sicherlich bald auf dem Heimweg.