Komm, Schalke

Christian Karn. Mainz.
Schalke kommt, wird heute (15.30 Uhr) bei Mainz 05 spielen. Ein Schlüsselspiel? Vielleicht. Der Sieger der Partie der Tabellennachbarn wird erstmal ins Mittelfeld aufrücken, der Verlierer weiterhin den HSV und diverse andere Mannschaften im Nacken (oder sogar teils vor sich?) haben. Ein Unentschieden bringt höchstens die alte Franksche Frage auf den Tisch: Wer weiß, was der Punkt noch wert sein wird? Mainz 05 steckt entweder in der Krise oder redet sich das ein. Schalke steht im Europa-League-Viertelfinale und ist gleichzeitig Vorletzter der Auswärtstabelle. Schalke wird kommen, und dann wird man sehen, was das eigentlich bedeutet. Abschätzen lässt's sich nicht.

Schalke kommt. Und wie immer, wenn Schalke kommt, kann kein Mensch einschätzen, was das eigentlich bedeutet. Der FC Schalke 04 war zu jeder Zeit eine Mannschaft, die in Mainz schnell mal verlor. 0:1 im 1986er-Pokalspiel gegen die Mainzer Oberliga-Elf. 1:2 im so oft und so gern angeführten Jubiläumsspiel von 2005 und 0:1 im Jahr darauf. 0:1 im 2009er-Pokalspiel gegen die Mainzer Zweitliga-Elf, als Aristide Bancés spätes Tor die 05er zum ersten Mal, zum einzigen Mal ins Pokal-Halbfinale brachte. 2015 durch Stefan Bells Doppelschlag. 2016 durch Julian Baumgartlingers Augen-zu-und-durch!-Tor. Der FC Schalke 04 war aber auch zu jeder Zeit eine Mannschaft, die in Mainz schnell mal gewann. 1932, als Ernst Kuzorras Schuss das Tornetz durchschlug. 1982 in jenem dramatischen Pokalspiel, in dem die Mainzer Oberligamannschaft ein 0:2 ausglich, in der Verlängerung 3:2 führte und am Ende doch 3:6 unterlag. 3:0 im Mainzer Abstiegsjahr 2007. 1:0, 4:2 (nach 0:2) und wieder 1:0 in der Bundesliga. Schalke kommt und alles ist möglich.

Wenn Schalke kommt, ist alles möglich, sogar ein Siegtor von Julian Baumgartlinger. Foto: imagoAuch ein Auswärtssieg? Es wäre nicht der erste der Schalker in dieser Bundesligasaison. Es wäre der zweite nach einem 1:0 in Wolfsburg im November. Sie leben - und auch mehr schlecht als recht - von ihrer Heimstärke, die Schalker, sie haben auswärts die Mehrzahl ihrer Spiele verloren: in Frankfurt und in Berlin zu null, in Hoffenheim, Leipzig und Hamburg 1:2, in Gladbach 2:4. Gepunktet haben sie da, wo nicht jeder punktet: 0:0 in Dortmund, 1:1 bei den Bayern, 1:1 in Köln (außerdem 1:1 in Augsburg). Zuletzt: Noch einmal 2:2 in Gladbach. Ein entscheidendes Unentschieden, das sie dank der Auswärtstorregel ins Europa-League-Viertelfinale gegen Ajax Amsterdam gebracht hat. Ein glückliches Unentschieden, profitierte Schalke doch bei den beiden Toren zum 1:2 und 2:2 von einem Platzfehler, der einen im Grunde harmlosen Schuss unhaltbar abfälschte und einem Handelfmeter, der sicherlich nicht der größte Skandal der Fußballgeschichte war, aber spätestens bei genauerem Hinsehen nun einmal unberechtigt.

Gründe gibt es, warum die Schalker mit ihrer Bundesligasaison weniger zufrieden sein können als mit ihrer internationalen Spielserie, und sie hängen nicht nur mit dem Umbruch des vergangenen Sommers zusammen, in dem mit Christian Heidel und Markus Weinzierl ein neuer Manager und ein neuer Trainer kamen, letzterer zumindest steht durchaus ein bisschen in der Kritik - allerdings in einem Verein, der schon immer zum Extremen neigt, im Positiven wie im Negativen. Das kann man - wenn man's kann - weitgehend ignorieren. Es hängt auch zusammen mit dramatischen Verletzungsproblemen. So ging früh in der Saison durch Kostas Stafylidis' Foul das Knie des teuren Neuzugangs Breel Embolo zu Bruch; das Comeback des Schweizer Nationalstürmers, der gerade erst in Schwung gekommen war, ist noch in weiter Ferne. Abwehrchef Naldo fehlt, Linksverteidiger Rahman Baba fehlt, die Rechtsverteidiger Atsuto Ushida und Coke fehlen im Grunde seit Ewigkeiten, die Stürmer Franco di Santo und Klaas-Jan Huntelaar haben monatelang gefehlt.

Das hat nicht dazu geführt, dass Schalke die Spieler ausgegangen wären. So spielten exemplarisch am 13. Spieltag, als es wirklich nicht gut aussah im Lazarett, immer noch Torwart Ralf Fährmann, die Verteidiger Benedikt Höwedes, Matija Nastasic, Naldo und Sead Kolasinac, die Mittelfeldspieler Johannes Geis, Leon Goretzka, Nabil Bentaleb, Alessandro Schöpf, Max Meyer, der Angreifer Maxim Choupo-Moting. Um in Leipzig zu punkten, reichte das nicht; der Elfmeter zum frühen Leipziger Führungstor war freilich zwar auch nicht der größte Skandal der Fußballgeschichte; würde die sich auf Leipzigs Bundesligazeit konzentrieren, sähe es wohl anders aus.

Die genannte Aufstellung dürfte im Großen und Ganzen auch in Mainz auf den Platz kommen. Naldo wird natürlich fehlen, für ihn käme Höwedes in die Innenverteidigung und ein Rechtsverteidiger auf den Platz, möglicherweise der junge Thilo Kehrer. Offensiv stehen mit Guido Burgstaller und Daniel Caligiuri zwei Winter-Neuzugänge zur Verfügung, auch Huntelaar, der alte Torjäger, der auch deutlich nach dem Ende seiner ganz großen Zeit nicht vergessen haben wird, wo das Tor steht.

Die elf Mann, die Weinzierl aufstellen wird, die bis zu drei, die er einwechseln wird, die haben nun die Aufgabe, die auch die 05er inzwischen gut kennen sollten: So schnell wie möglich aus dem beginnenden Abstiegskampf zu kommen. Die 05er haben zwei Punkte und 15 Tore Vorsprung auf den Relegationsplatz, Schalke drei Punkte und 26 Tore; die übrige Konkurrenz hat gestern bereits gespielt, die Ergebnisse sind bekannt, sie sind nicht erfreulich für die heutigen Kontrahenten. Augsburg und der HSV haben immerhin jeweils nur einen Punkt geholt, aber Bremen hat gewonnen, Wolfsburg hat gewonnen. Die Rückstände der Darmstädter und Ingolstädter dürften kaum noch überbrückbar sein, aber zur Beruhigung der Mannschaften von Platz 15 aufwärts, die den HSV doch inzwischen recht deutlich im Nacken spüren, lässt sich höchstens anführen, dass Hamburg und Wolfsburg und Augsburg und Bremen und Mainz und Schalke (und Leverkusen? Und Gladbach?) nicht alle Relegation spielen können, fünf von sechs (oder sieben von acht?) werden sich mangels Abstiegsplätzen früher oder später beruhigen können. Der heutige Sieger - sofern es einen gibt - würde auf den neunten Platz springen. Der Verlierer, sofern er sich nicht die Tordifferenz ruiniert, würde mindestens einen kleinen punktgleichen Puffer hinter sich haben, andernfalls selbst der punktgleiche Puffer sein, und am nächsten Spieltag wieder gegen den schnellen Fall auf Platz 16 antreten müssen.

► Alle Artikel zum Spiel gegen den FC Schalke 04

► Zur Startseite