Kombination und Konterfalle

Christian Karn. Mainz.
Nach den unendlich dominanten Bayern und den anfangs taktisch falsch eingestellten, dann aber auf gutem Niveau mitspielenden Hoffenheimern wird der FSV Mainz 05 heute mit großer Wahrscheinlichkeit einem dritten Typ von Fußballern begegnen. Hertha BSC steht unter Pál Dárdai für einen eher abwartenden, den Gegner lockenden Fußball. Die Berliner wollen ihre Gegner einlullen, überrumpeln. In dieser Saison funktioniert das gut, nicht zuletzt dank des bisher erstaunlichen Mathew Leckie. In Mainz hat es zuletzt nicht gut funktioniert - einem 2:0 der Berliner folgten ein 0:0 und ein 1:0-Heimsieg.

Nach zwei ganz unterschiedlichen Niederlagen, der Machtdemonstration der Bayern und dem turbulenten 2:3 gegen Hoffenheim, hat der FSV Mainz 05 heute noch eine Chance, mit Punkten aus der englischen Woche zu kommen. Zum zweiten Heimspiel binnen weniger Tage erwarten die 05er Hertha BSC, den Sechsten der Vorjahrestabelle.

Aktuell sind die Berliner Achter mit acht Punkten. Sie haben Stuttgart geschlagen, in Dortmund verloren, gegen Bremen und in Hoffenheim jeweils 1:1 gespielt, jeweils nach Führung des Gastgebers, und sie haben Bayer Leverkusen geschlagen. In der Europa League gab es ein 0:0 gegen Athletic Bilbao. Das einzige im Ansatz überraschende Ergebnis ist das DFB-Pokal-Spiel. Gegen Hansa Rostock kam Hertha zwar in die zweite Runde, doch fielen die Tore gegen den Drittligaklub erst in der 86. und 90. Minute. Zwei Bundesligisten sind nur ausgeschieden, die Berliner hätten im allerletzten Spiel der ersten Runde der dritte sein können.

Mathew Leckie - hier im Zweikampf mit dem Bremer Thomas Delaney - ist der effektivste Berliner Angreifer dieser ersten Saisonphase. Foto: imagoTorschützen im Pokalspiel waren Mitchell Weiser, der dynamische, hin und wieder überdrehende Rechtsverteidiger/Rechtsaußen, und der alte Torjäger, der 33-jährige Bundesliga-Routinier Vedad Ibisevic. Der interessante Spieler dieser ersten Saisonphase ist jedoch der Vorbereiter beider Treffer, ist der Australier Mathew Leckie. Borussia Mönchengladbach hatte den damals 20-Jährigen 2011 aus Australien in die Bundesliga geholt, wusste aber nicht viel mit ihm anzufangen. Leckie nahm über die 2. Bundesliga einen neuen Anlauf, schoss in drei Jahren 21 Tore für den FSV Frankfurt und den FC Ingolstadt 04, blieb Stammspieler der Oberbayern nach deren Aufstieg, ohne viel zu Erfolgen beizutragen - drei Tore und drei Vorlagen in zwei Jahren ließen bereits an Leckies Bundesliga-Qualifikation zweifeln. Bei Hertha aber blüht der inzwischen 26-jährige Australier auf. Als Rechtsaußen schoss er vier von sechs Berliner Saisontoren. Lediglich mit dem 2:0 gegen Leverkusen, einem Kopfball von Salomon Kalou nach einer kurzen Flanke von Ibisevic, und mit dem Ausgleich in Hoffenheim, einem Eher-Schulter-als-Kopfball des gebürtigen Rheinhessen Alexander Esswein nach einer Flanke des Linksverteidigers Marvin Plattenhardt, hatte er nichts zu tun. Dieser spielte eingangs der englischen Woche ausnahmsweise anstelle von Ibisevic von Anfang an; normalerweise ist der bosnische Nationalspieler als Mittelstürmer gesetzt. "Die Rotation tut uns gut", urteilte Herthas Manager Michael Preetz nach dem Punkt in Hoffenheim. "Vor dem Spiel werden sich viele über die Aufstellung gewundert haben. Nach dem Spiel werden sie verstanden haben, was der Plan war. Die Spieler waren frisch, hatten am Ende sogar mehr zuzusetzen."

Mit dem Offensivkünstler Salomon Kalou, dem Mittelfeldrenner Vladimir Darida und dem Sechser Niklas Stark pausierten am Sonntag in Hoffenheim drei weitere Leistungsträger. Alle vier waren am Mittwoch gegen Leverkusen wieder dabei. Im Olympiastadion ging Hertha nach einer Viertelstunde durch Leckie in Führung, verschanzte sich dann erst einmal hinten, überrumpelte in einem der wenigen Vorstöße Leverkusen mit einem schnellen Einwurf und Kalous Treffer, hielt die 2:0-Führung bis in die 84. Minute gegen meist planlos anrennende Leverkusener.

Heute dürfte Herthas Trainer Pál Dárdai die Mannschaft noch einmal umformen. Sebastian Langkamp wäre ein Kandidat, der anstelle von Stark in der Innenverteidigung spielen könnte. Esswein wäre ein Kandidat. "Auch die sogenannten großen Namen sind keine Maschinen", erklärte Dárdai Anfangs der Woche. "Die brauchen auch Frische und können nicht alle Spiele machen. Da sind wir ehrlich zu den Spielern."

Dárdai hatte zunächst gute Erinnerungen an Mainz. Als Hertha-Profi hatte der Ungar, der von 1997 an 14 Jahre für die Berliner spielte und dann wie sein heutiger Gegner Sandro Schwarz in den Nachwuchsmannschaften zum Cheftrainer vorbereitet wurde, von vier Spielen am Bruchweg nur eines verloren. Als Trainer gewann er im ersten Versuch 2:0 - dank des Blackouts von Loris Karius, der mit einer Notbremse das 1:0 einleitete, dank des Blackouts des Linienrichters, der beim 2:0 das Abseits nicht sah. Im zweiten Spiel war Dárdai der Verlierer eines 0:0. In einer schwierigen Partie, die vor allem durch das kurze Comeback von Elkin Soto nach seiner schweren Verletzung in Erinnerung bleibt, wehrten die unterm Strich eher unterlegenen 05er den Angriff des Tabellennachbarn ab, verteidigten mit Mühe, aber mit Erfolg den Qualifikationsplatz für die Europa-League-Gruppenphase, den sich die Berliner mit einem beliebigen Sieg geschnappt hätten. Statt dessen mussten die Berliner durch zwei K.o.-Runden und scheiterten schon in der ersten an Bröndby IF. Und im vergangenen Jahr beendeten die 05er die Serie von fünf Niederlagen in Darmstadt, gegen Schalke, in Ingolstadt, gegen Leipzig, in Freiburg mit dem 1:0 gegen Hertha BSC. Danny Latza schoss direkt vor der Halbzeit das Siegtor.

Die Spiele gegen Dárdai ähnelten sich. Ähnelten auch der jüngsten Partie in Leverkusen. Die 05er sollten sich einstellen auf eine Mannschaft, die Trägheit vorgaukelt, die in erster Linie konsequent verteidigt, die den Gegner in die Konterfalle locken will. Die mit Darida, Kalou, Ibisevic, den schnellen Flügelspielern Leckie und Esswein mit Tempo kommen kann, aber auch mit flotten Kombinationen eine unsortierte Abwehr auszuspielen versteht. Eine Mannschaft, die in dieser Saison nur gegen Dortmund verloren hat, aber auch für Geringere nicht unschlagbar ist.

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