Kleine Ziele für eine große Chance

Jörg Schneider
Mit 20 Punkten aus 16 Spielen und von einem sicheren Mittelfeldplatz aus startet der FSV Mainz 05 am Sonntag ins neue Bundesligajahr. Die Auftaktpartie gegen den 1. FC Köln ist gleichzeitig der Abschluss der Vorrunde. Wohin geht die Reise von Martin Schmidt und dessen Profis in diesem zweiten Saison-Abschnitt? Weiter nach oben in Richtung der Europapokalplätze wie im vergangenen Jahr? Oder geht es für die 05er in erster Linie darum, ihren noch komfortablen Vorsprung auf die Abstiegsregion zu verteidigen, um in der Rückrunde nicht noch in Abstiegsgefahr zu geraten? In seinem Blog befasst sich Jörg Schneider mit der 05-Situation nach dem Ende der Winterpause.

Mit dem Anpfiff von Schiedsrichter Dr. Felix Brych aus München beginnt am Sonntag um 17.30 Uhr in der Opel Arena das neue Bundesligajahr in Mainz. Nach gut viereinhalbwöchiger Winterpause startet der FSV Mainz 05 mit dem Heimspiel gegen den 1. FC Köln in die zweite Hälfte der Saison. Wohin geht die Reise von Martin Schmidt und dessen Profis in diesem zweiten Abschnitt? Weiter nach oben in Richtung der Europapokalplätze wie im vergangenen Jahr? Oder geht es für die 05er in erster Linie darum, ihren noch komfortablen Vorsprung auf die Abstiegsregion zu verteidigen, um in der Rückrunde nicht noch in Abstiegsgefahr zu geraten? Die Partie gegen die Kölner zum Abschluss der Vorrunde sollte am Sonntag einen ersten Fingerzeig dafür geben, ob der optimistische Ansatz die kommenden Wochen bestimmt oder ob sich die Pessimisten bestätigt fühlen können.

Die Verantwortlichen am Bruchweg, allen voran der Trainer, gehen mit großer Zuversicht in den Bundesliga-Alltag. Mit 20 Punkten aus 16 Spielen steht das Team nach einer komplizierten Hinserie ordentlich da. Die Befürchtungen, die erstmalige Teilnahme an der Europapokal-Gruppenphase könnte die 05er von Anfang an in Schwierigkeiten in der Tabelle bringen, haben sich nicht bewahrheitet. Die Mannschaft hatte ihre Probleme mit der intensiven Doppelbelastung und dem Rhythmus, der nach jedem internationalen Auftritt ein schweres Auswärtsspiel parat hielt. Die ständige Rotation und die Verletzungsproblematik haben der Gesamtstabilität nicht gut getan, das Team hat etliche Punkte liegen gelassen, aber das Ganze irgendwo doch manierlich über die Bühne gebracht. Sollte es den 05er gelingen, die starken Kölner zu Hause zu bezwingen, stünden 23 Zähler nach dem Abschluss der Vorrunde auf dem Konto. Das wäre einer weniger als zum Start der erfolgreichen Rückrunde ein Jahr zuvor.

Gibt es für Daniel Brosinski und die 05er zum Start ins neue Bundesligajahr Grund zum Jubeln? Zum Auftakt kommt mit dem 1. FC Köln gleich ein schwerer Brocken in die Opel Arena. Foto: ImagoMartin Schmidt hat die Pause intensiv genutzt, seine Mannschaft in vielen Trainingseinheiten und Testspielen auf die bevorstehenden Prüfungen vorbereitet. Physisch werden die 05-Profis in einer hervorragenden Verfassung ins Rennen starten. Wie es taktisch und spielerisch aussieht nach dem Weggang von Top-Scorer Yunus Malli muss sich nun zeigen. Der Trainer hat in den vergangenen Wochen das Spiel gegen den Ball in den Vordergrund gestellt. Hochintensive Laufleistungen in der Defensivorganisation, viel Zweikampfschulung, Pressing, Gegenpressing und Umschaltverhalten. Die Mainzer wollen aggressiv Ball und Gegner jagen, aus gewonnenen Zweikämpfen heraus schnell und direkt auf Offensive umschalten. Mit schnellen und variablen Angriffen über die Flügel auflösen und ihre Chancen erarbeiten. Das Team hat viel gearbeitet am Spiel aus eigenem Ballbesitz heraus. Der Aufbau soll ruhiger, konstruktiver, weniger hektisch als in Teilen der Vorrunde geraten.

Der Trainer setzt künftig verstärkt auf eine Stammformation als Basis, die je nach taktischer Anforderung auf gewissen Positionen verändert werden soll. Der Abschied von der im vergangenen Herbst notwendigen Rotation hat den Konkurrenzkampf auf den einzelnen Positionen stark befeuert. Das war in der Winterpause deutlich zu erkennen. Die Verletzungssituation hat sich deutlich verbessert. Yoshinori Muto, der lange fehlte, steht in den Startlöchern. Emil Berggreen, der langzeitverletzte Neuzugang des vergangenen Winters, soll Anfang März als zusätzliche Stürmer-Option dem 05-Angriff als zusätzliche Verstärkung und Variante weiterhelfen. Schmidt bezieht seine Zuversicht für eine gute Rückrunde auch aus der Tatsache, dass nach dem Ausscheiden aus der Europaliga die permanente Trainingsarbeit mehr Stabilität bringen, die Automatismen in den Abläufen verfestigen soll. Dieser Aspekt der Arbeit war in der Vorrunde über weite Strecken nicht gegeben, der vollgepackte Terminplan ließ häufig nur Regenerationstraining zwischen den Spielen zu. Ab sofort sei die gezielte Vorbereitung auf den nächsten Gegner über die gesamte Woche hinweg ein Punkt, der das Team stärke, betonte der Coach in der Vorbereitung immer wieder.

Eine große Chance liegt für die Mainzer nun in der für sie günstigen Spielplangestaltung. Vier der ersten fünf Bundesligaspiele des neuen Jahres bestreiten die 05er im eigenen Stadion. Nach dem Start gegen die Kölner kommt Borussia Dortmund in die Opel Arena, dann geht’s nach Hoffenheim. Danach folgen die Heimspiele gegen den FC Augsburg und Werder Bremen. Die gute Heimbilanz und die Tatsache, dass die Mainzer bisher ihre wichtigen Duelle gegen Klubs, die in der Tabelle hinter ihnen stehen, überwiegend erfolgreich gestalteten, nähren die Hoffnung, dass die 05-Profis recht zügig ihren komfortablen Vorsprung nach unten ausbauen und eine Atmosphäre schaffen, die von Optimismus geprägt ist, dem Team die Möglichkeit offen hält, sich zumindest in der Nähe der internationalen Plätze aufzuhalten und die im Frühjahr mehr Zuschauer ins Stadion lockt als dies in der Vorrunde der Fall war. Der Anspruch lautet, den Unterhaltungswert im eigenen Stadion steigern, neue Begeisterung entfachen, eine erhöhte Identifikation, Publikum und Mannschaft im eigenen Stadion als starke Gemeinschaft herausstellen.

Der 05-Trainer geht das ganze pragmatisch an. Schmidt formuliert keine finalen Ziele, die sich als illusorisch erweisen könnten. Schritt für Schritt den vorgegebenen Weg weitergehen, kurzfristige Etappenziele verfolgen, den Punkteschnitt konstant halten, den Möglichkeiten der 05er entsprechend. Das mag vielen zu wenig emotional vorkommen und theoretisch klingen, dennoch ist der Schweizer mit dieser Herangehensweise bisher gut gefahren und bis in die Gruppenphase der Europaliga gekommen.

„Wichtig ist dass wir eine Ausgewogenheit in unsere Leistungen und Spiele reinkriegen müssen. Wir wissen ganz klar, dass wir auswärts mehr Punkte holen müssen als im Herbst. Die Herausforderung und eines der Ziele, die wir uns stecken, ist, den Großen der Liga, die hier vorstellig werden, etwas abzwacken zu wollen und die Spiele gegen Gegner, die hinter uns liegen zu gewinnen, um die Punktzahl nach hinten so groß wie möglich zu halten, um unbeschwert nach vorne spielen zu können“, sagte der Trainer in der Pressekonferenz vor dem Auftaktspiel gegen die Kölner. „Wir werden es wieder so machen, dass wir uns kleine Zwischenziele setzen, die wir teamintern festlegen. Wenn man die kleinen Ziele erreicht, ist die Chance groß, dass man am Ende das erreicht, was man sich wünscht. Wir reden ganz klar davon, dass wir stabiler punkten müssen. Wir wollen lauffreudig sein, mutig, gewillt sein, mehr rein zu legen und alles reinzulegen in jedes Spiel. Dann glaube ich, werden wir unsere Zwischenziele erreichen und am Schluss da stehen, wo wir hinwollen. Dafür ist es wichtig, jetzt sofort gut reinzukommen.“

Die Partie am Sonntag gegen die Kölner ist ein guter Auftakt, die erste große Gelegenheit, die Ansprüche und Ziele zu untermauern. Die 05er können in dieser ersten Partie den Grundstein legen für eine gute Rückrunde. Sie haben die Möglichkeit in einem gut gefüllten Stadion die Stimmung zu erzeugen, die notwendig ist für den weiteren Saisonverlauf, Emotionen schüren. Mit Kampf, Tempo, Behauptungswillen, Widerstandskraft und Leidenschaft zum Spiel und zum Erfolg finden. Eine Mentalität entwickeln, die das Publikum ansteckt. Das wäre schon mal ein erster Schritt.

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Jörg Schneider
Kennt den FSV Mainz 05 aus dem Effeff. Seit 1987 begleitet er den Klub und dessen Werdegang als Berichterstatter. Als Sportredakteur der Mainzer Rhein-Zeitung war er fast überall dabei, hat über alle Höhen und Tiefen, über die Erfolge und Aufstiege geschrieben, über zig Trainingslager und Vorbereitungsphasen, von Transfersituationen berichtet und diese versucht realistisch einzuschätzen, über wirtschaftliche und soziale Entwicklungen von der Oberliga bis heute. Sein Credo: Sachlichkeit und Seriosität, immer bemüht, Denkanstöße zu geben. Erklären steht immer vor schlagzeilenträchtiger Kritik. Das wird auch bei nullfünfMixedZone.de nicht anders sein.