Kein herkömmliches Fußballunternehmen

Christian Karn. Mainz.
Mit einem Punkt gegen Mainz 05 würde RasenBallsport Leipzig einen Bundesliga-Rekord einstellen. Mit einem Sieg würde der Aufsteiger nach Zählern zum Tabellenführer Bayern München aufschließen. Gut finden, sagt der Gladbacher Sportchef Max Eberl nicht als Einziger, müsse man den Bundesliga-Neuling, der aggressiv und mitunter Statuten und Regeln geschickt umgehend eine Marktführerstellung anstrebt, nicht. Aber man muss wohl anerkennen, dass die Strategie des österreichischen Unternehmens funktioniert. Die Frage ist natürlich, was aus der Dependance in Leipzig würde, wenn ein noch attraktiverer Markt aufginge als die deutsche Bundesliga.

Theoretisch zumindest - denn auch nach der Klatsche in Anderlecht wollen wir von einem 0:7 nicht jetzt schon ausgehen - könnte heute ein Aufsteiger Tabellenführer der Bundesliga werden. Es wäre das erste Mal seit 74 Spieltagen. Der SC Paderborn stieg damals am Ende trotzdem ab. RasenBallsport Leipzig - das mit einem 1:0 gegen Mainz 05 zumindest punktgleich mit den Bayern wäre - dürfte stabiler sein. Nach neun Bundesligaspielen sind die Leipziger immer noch ungeschlagen, neben Unentschieden in Hoffenheim (2:2), gegen Gladbach und in Köln (jeweils 1:1) gab es Siege gegen Dortmund (1:0), in Hamburg (4:0), gegen Augsburg (2:1), in Wolfsburg (1:0), gegen Bremen (3:1) und zuletzt in Darmstadt (2:0); lediglich im Pokal schied die Mannschaft im Elfmeterschießen bei Dynamo Dresden aus. Schon mit einem Punkt gegen die Mainzer würde Leipzig einen 23 Jahre alten Rekord einstellen: Damals blieb der MSV Duisburg als Aufsteiger in den ersten zehn Spielen ungeschlagen. Elf Spiele lang hat das noch keiner geschafft.

Um den Gastgeber der 05er im heutigen Spiel zu verstehen, muss man sich von allen Gewohnheiten frei machen. Wenn auch formal irgendwo in der Unternehmensstruktur ein eingetragener Verein (mit keinen zwei Dutzend Mitgliedern, und ohne ernsthafte Beitrittsmöglichkeit) auftaucht, sind die Leipziger kein herkömmlicher Verein, nicht mal ein herkömmliches Fußballunternehmen, so wie, um willkürlich drei Beispiele rauszupicken, die Borussia VfL 1900 Mönchengladbach GmbH, die Fußball-Club Augsburg 1907 GmbH & Co. KGaA oder die FC Bayern München AG. Es ist komplizierter.

Hinter allem steckt bekanntlich die Red Bull GmbH, der milliardenschwere Getränkeproduzent, der unter "sonstige betriebliche Aufwendungen" insgesamt zehnstellige Beträge ins Marketing steckt, den überwiegenden Teil in Show- und Sportveranstaltungen. Vier Formel-1-Autos gehören dazu, neben dem Leipziger Team auch als erster Schritt im Sport der FC Red Bull Salzburg (ehem. SV Austria), die New York Red Bulls (ehem. MetroStars), vorübergehend Red Bull Ghana, das inzwischen an Feyenoord Rotterdam übertragen wurde und die ehemalige Mannschaft des heutigen Mainzers André Ramalho, Red Bull Brasil (wozu ursprünglich der damalige Erstligist EC Juventude aus dem Süden Brasiliens übernommen werden wollte, aber daraus wurde nichts), außerdem als Unterbau der europäischen Teams der FC Liefering (alias USK Anif, eine bemerkenswert hässliche Geschichte, mit der der Konzern die österreichischen Liga-Statuten umgehen konnte) und offenbar nicht mehr den SSV Markranstädt, der damals RB Leipzig das Startrecht in der Oberliga übertrug, eine Zeit lang ebenso wie der ESV Delitzsch Kooperationspartner war und wie dieser später ein paar untere Mannschaften des neuen Projekts übernahm.

Wie eng die Vernetzung ist, zeigt der Fall Marcel Sabitzers. Der österreichische Nationalspieler spielte bis 2014 bei Rapid Wien, ab 2014 bei RB Salzburg. Weil aufgrund einer Vertragsklausel ein Wechsel innerhalb der österreichischen Bundesliga teuer geworden wäre, schaltete der Konzern als aufnehmenden Verein RB Leipzig dazwischen, musste daher durch eine weitere Klausel für Wechsel ins Ausland nur zwei Millionen zahlen und verlieh den Spieler direkt nach Österreich zurück. Die sächsische Dependance war damals noch Zweitligist und die Nummer 2 in der Organisation. Der Aufstieg der Leipziger hat die Machtverhältnisse erwartungsgemäß verändert; die deutsche Bundesliga ist ein interessanterer Markt als die österreichische, und ein bisschen steht auf einmal die Frage im Raum, was wohl passiert und was dann aus Leipzig wird, wenn beispielsweise Manchester United auf einmal erschwinglich wird.

Martin Hinteregger, der heutige Augsburger, hat sich vor zwei Monaten fürchterlich aufgeregt: "Die Art und Weise, wie Leipzig Salzburg kaputtmacht, ist nicht schön anzuschauen", sagte der ehemalige RB-Salzburg-Verteidiger. "Wir hatten eigentlich immer eine gute Gemeinschaft und - zack - ist wieder ein Spieler in Leipzig. Es kommt nie eine richtige Mannschaft zustande." Der Leipziger Vorstandschef Oliver Mintzlaff nannte das einen "populistischen und inhaltlichen Nonsens" - man solle berücksichtigen, wie erfolgreich RB Salzburg in den letzten Jahren war. Sieben österreichische Meisterschaften in elf Jahren sind tatsächlich eine gute Bilanz und deuten an, dass das viele Geld wenigstens sinnvoll investiert war, das neunmalige Scheitern in der Champions-League-Qualifikation (u.a. gegen den luxemburgischen Meister F91 Dudelange, Maccabi Haifa, Hapoel Tel Aviv und zweimal Malmö FF) relativiert das Ganze. Die Delegation von zwölf Spielern von Salzburg nach Leipzig binnen weniger Jahre bestätigt Hinteregger.

31,5 Millionen Ablöse sollen auf diesem Bild zu sehen sein: Oliver Burke (rechts) und Timo Werner sollen jeweils 15 Millionen gekostet haben, Trainer Ralf Hasenhüttl 1,5 Millionen sind Kleingeld dagegen - und für Trainer dennoch Bundesliga-Rekord. Foto: imagoAuch andere Profis haben ihre Probleme mit dem Leipziger Modell. "Wenn sich ein Investor zu Werbezwecken einen Verein strategisch raussucht, ohne regionalen Bezug, nur um ihn nach oben zu bringen, dann finde ich das schon fragwürdig", sagte beispielsweise der Gladbacher Lars Stindl im Interview mit dem Fußballmagazin "11 Freunde". Stindl weiter: "Die Traditionsklubs, von denen immer die Rede ist, haben auch Fehler gemacht. Aber sie haben auch darunter gelitten, dass andere Vereine durch das große Geld so schnell den Weg nach oben gehen konnten. In diesem Punkt können Vereine wie zum Beispiel der KSC nun einmal nicht mit RB mithalten." Andererseits sagte Max Eberl, der Gladbacher Sportchef, im Interview mit der "Welt", dass die Leipziger, wenn sie auch Etiketten wie den Neologismus "RasenBallsport" verwenden müssen, wenigstens ehrlich seien: "Man fragt sich zum Teil schon, wo bei manchen Klubs das Geld plötzlich herkommt. Bei RB Leipzig ist es bekannt, und man erkennt eine Strategie dahinter, ob man die gut findet oder nicht. Beim HSV dagegen ist es eine Einzelperson, die scheinbar willkürlich große Transfers trotz fehlender Einnahmen möglich macht. Das widerspricht einem fairen Wettbewerb."

Aber sehen wir sie uns an, die zwölf internen Transfers. Im aktuellen Team stehen mit Torwart Péter Gulácsi (Wechsel 2015), Innenverteidiger Benno Schmitz und Rechtsverteidiger Bernardo (jeweils 2016), den Mittelfeldspielern Stefan Ilsanker (2015) und Naby Keita (2016) sowie dem Angreifer Sabitzer (2015) sechs von ihnen im Leipziger Team. Georg Teigl, Thomas Dähne, Stefan Hierländer, Massimo Bruno (jeweils 2014), Rodnei und Nils Quaschner (beide 2015) sind inzwischen nicht mehr dabei. Alle sechs aktuellen Spieler standen zuletzt beim 2:0 in Darmstadt im Kader, vier von ihnen in der Startelf, Joker Sabitzer schoss beide Tore. Bernardo wird heute fehlen, der Brasilianer verletzte sich in Darmstadt am Meniskus. Für ihn wird wohl Ilsanker in die Abwehr kommen und Sabitzer zurück in die Startelf.

Weitgehend junge Toptalente ergänzen die Ex-Salzburger. Hinter Lukas Klostermann, inzwischen 20 Jahre alt, war vor zwei Jahren die halbe Bundesliga her, der damalige Bochumer Innenverteidiger wechselte in die zweite Liga nach Leipzig. Willi Orban, ebenfalls Innenverteidiger, war mit 22 Jahren Kapitän des 1. FC Kaiserslautern und kann sich in der Pfalz nicht mehr sehen lassen; die FCK-Fans sind schwer beleidigt über den Wechsel nach Sachsen. Oliver Burke, schottischer Nationalspieler, ist erst 19 Jahre alt und hat beim Wechsel von Nottingham Forest nach Leipzig bereits um die 15 Millionen Euro gekostet, ähnlich teuer soll Timo Werner gewesen sein, der als 20-Jähriger schon fast 100 Bundesligaspiele für den VfB Stuttgart absolviert hatte. Davie Selke war mit 20 Jahren der Hoffnungsträger für eine bessere Bremer Zukunft und ging für rund 8 Millionen nach Leipzig, der dänische Offensivspieler Yussuf Poulsen wechselte 2013 als 19-Jähriger. Auch die Salzburger sind nicht so alt: Bernardo und Keita kamen 1995 zur Welt, Sabitzer 1994.

Gulacsi, Ilsanker, Orban, Keita, Sabitzer, Werner, Poulsen haben gute Karten, heute in der Startelf zu stehen. Dazu kommen wahrscheinlich vier erfahrenere Spieler: Marvin Compper, der inzwischen 31-jährige Innenverteidiger, der für Gladbach und Hoffenheim über 150 Mal in der Bundesliga spielte. Der 24-jährige Kapitän Diego Demme, der 2014 aus Paderborn kam. Der 25-jährige Linksverteidiger Marcel Halstenberg, der aus dem Nachwuchs von Hannover 96 und Borussia Dortmund kam und beim FC St. Pauli zum Profi wurde. Und der 25-jährige schwedische Angreifer Emil Forsberg.

Gut finden, um Eberls Worte noch einmal aufzugreifen, muss das natürlich keiner. Aber anerkennen muss man wohl, dass das Projekt klug aufgezogen ist. In Leipzig ist ein starker Bundesligist aufgebaut worden. Mainz 05 ist heute sicherlich kein Topfavorit.

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