Kein Freundschaftsspiel

Jörg Schneider/Christian Karn. Marbella.
Das erste Spiel des FSV Mainz 05 im Trainingslager in Marbella endete mit einer heftigen Niederlage: Standard Lüttich schlug die 05er 3:0 (1:0). Überschattet wurde die Partie gegen die von Anfang an nicht gerade sportlich auftretenden belgischen Tabellenachten von einer heftigen Schlägerei in der Schlussphase, vor allem Christoph Moritz und Henrique Sereno mussten einiges einstecken. Das Spiel hätte beim Stand von 1:0 für Standard abgebrochen werden müssen.

FSV Mainz 05 - Standard Lüttich 0:3 (0:1)

Samstag, 9. Januar 2016.

FSV Mainz 05: Karius - Brosinski, Bell, Hack, Jara - Baumgartlinger, Latza - Jairo, Malli, Muto - Córdoba.
ab 66. Minute: Huth - Sereno, Balogun, Bussmann, Bengtsson - Frei - Clemens, Moritz, Serdar, de Blasis - Niederlechner.

Standard Lüttich: Hubert - Goreux (75. Milec), Teixeira (75. S. Mmaee), Scholz (46. van Damme), Andrade (46. Fiore) - Trebel (62. de Sart), Yatabaré (62. Enoh) - Dossevi (75. R. Mmaee), Badibanga (75. R. Mmaee), Legear (62. Dimata) - Tetteh.

Tore: 0:1 Dossevi (39.), 0:1 R. Mmaee (90+1.), 0:2 R. Mmaee (90+6.).

Mit einem handfesten Skandal begann am Samstagnachmittag das Spieljahr 2016 für den FSV Mainz 05. Die erste Testpartie im Trainingslager, das Duell gegen den belgischen Tabellenachten Standard Lüttich, hätte nach 80 gespielten Minuten abgebrochen werden müssen. Die lange aufgebaute Spannung zwischen den beiden Trainerbänken, die sich durch die vielen Auswechslungen ab der 60. Minute nach und nach auf den Platz übertragen hatte, entlud sich in einer heftigen Schlägerei, angezettelt durch die Belgier.

Schon früh im Spiel war Feuer zwischen den Kontrahenten. Hitzig wurde es erstmals, als nach etwa einer Stunde die Trainer aneinanderrasselten. Martin Schmidt und der junge Standard-Coach Yannick Ferrera lieferten sich auf französisch ein Rededuell, der Schiedsrichter sagte nur: "Tranquilo". Ruhig. Und es war Ruhe, ein paar Minuten lang. "Der Trainer hat auf spanisch und französisch und in anderen Sprachen die Spieler aufgewiegelt", berichtete Schmidt. "Ich habe ihm gesagt, dass er ruhig sein soll und dass ich sein Französisch verstehe."

Tiefpunkt eines Trainingslagers: Réginal Goreux (vorne rechts) will ganz Mainz an den Kragen, auch Gonzalo Jara (in weiß) und Standards Co-Trainer Eric Deflandre (hinter ihm) können nicht verhindern, dass es Henrique Sereno (3. v.l.) zuerst erwischt. Foto: imagoAb der 79. Minute aber ging's rund. Es begann damit, dass Christian Clemens einen Einwurf ausführen wollte, aber den Ball nicht hatte. Den hatte die Standard-Bank und die gab ihn nicht her - bis der Mainzer schon einen anderen Ball gefunden hatte. "Den Vorwurf müssen wir uns machen", räumte Schmidt ein, "dass Clemens dem Co-Trainer auf der Bank den Ball an den Kopf geworfen hat." Keine Minute später trat Corentin Fiore Christoph Moritz brutal von hinten um; der der zur Halbzeit eingewechselte Linksverteidiger zog seine Grätsche durch, ohne sich für den Ball zu interessieren. Beide Ersatzbänke stürmten auf den Platz, "gleich wird sich gehauen, wart ab", unkte Maximilian Beister auf der Tribüne. Und tatsächlich wurde aus dem Geschubse eine Prügelei, als der ausgewechselte Standard-Rechtsverteidiger Réginal Goreux ausrastete, dem Mainzer Henrique Sereno die Faust ins Gesicht rammte, sich mit jedem prügeln wollte. Jelle van Damme, der Ex-Bremer in der Standard-Innenverteidigung, suchte die Situation zu beruhigen, auch der längst ausgewechselte Julian Baumgartlinger. 

Drei Mann - zwei im Mainzer Trikot, ein Belgier - standen derweil fassungslos im Mittelkreis und sahen sich die Hauerei zu. Schmidt traf sich im Mittelfeld mit dem von gegenüber gekommenen Christian Heidel, "weil ich rauswollte aus der Hektik, weil es von hinten Faustschläge gab. Der Schiri sah keine Veranlassung zum Spielabbruch. Danach waren einige meiner Leute eingeschüchtert."

1:0 stand es zu dem Zeitpunkt für die Belgier. Alexander Hack hatte schlecht gestanden in der 39. Minute bei einer Flanke von Jonathan Legear, Loris Karius den Kopfball von Mathieu Dossevi im Rückwärtsfallen an die Latte abgelenkt. Der Abpraller drehte sich gefährlich auf den kurzen Pfosten, Stefan Bell wollte klären, bekam den Ball aber nicht mehr weg. Eigentor. Just in einer Phase, in der die 05er das Spiel in den Griff bekamen.

Das war zunächst ein Spiel auf ein Tor, auf das der Mainzer, ohne aber dieses Tor zu sehr zu gefährden. Eine erste Torchance gab es nach einem Fehlpass von Hack (9.), eine weitere, als Loris Karius' Block überlupft wurde, Hack aber locker vor der Linie klärte (13.). Sonst lief Standard gut an, presste, ließ die 05er nicht aus deren Hälfte, war aber eigentlich völlig harmlos.

Den ersten Mainzer Torversuch gab es in der 21. Minute. Yoshinori Muto, erstmals seit Langem wieder als Linksaußen aufgestellt, brachte nach einer Freistoßflanke von Danny Latza den Ball mit dem Kopf nicht präzise genug aufs lange Eck, Torwart Guillaume Hubert kam dran. Zwei Minuten später hätte Jhon Córdoba nach einem Check von Goreux einen Elfmeter bekommen müssen; statt dessen gab es den Freistoß direkt vor dem Strafraum; eine Position, mit der man dem Schützen keinen Gefallen tut. Und tatsächlich schoss Latza übers Tor. Direkt nach dem 0:1 nahm ein Abseitspfiff Yunus Malli ein fast sicheres Tor; eine knappe Sache.

Gut spielten die 05er freilich nicht. Und daher meinte Schmidt nicht die Leistung, sondern die Aufgabe, als er davon sprach, im Grunde sei es 60 Minuten lang ein guter Test gewesen. "Der Gegner wollte den Ball nicht, wir konnten unter Wettkampfbedingungen Ballbesitzspiel spielen. Die letzte halbe Stunde kann man gar nicht mehr werten. Die Wechsel haben Hektik ins Spiel gebracht, weil die, die auf beiden Seiten reingekommen sind, die Schärfe draußen mitbekommen haben. Sie sind angepiekt reingekommen."

Das sah man den 05ern deutlich an. Diese hatten vor ihrem Massenwechsel in der 66. Minute zweimal Glück gehabt, nicht das 0:2 zu kassieren. Adrien Trebel hatte im Mittelkreis den Ball gewonnen und sofort draufgehalten; Loris Karius hatte keine Chance, aber der Ball war von oben aufs Netz gefallen (48.). Und in der 60. Minute pfiff der Schiedsrichter Standard einen perfekten Vorteil weg.

Nach der Massenauswechslung - in die sich Ferrera auch noch mal eingemischt hatte - war sofort Zug und Tempo im Mainzer Spiel; die 05er wollten es Standard zeigen. Nach vier Minuten eroberten die 05er durch ein Pressing gegen Goreux in dessen Strafraum den Ball, verloren ihn kurz wieder, am Ende aber knallte aus der Distanz Sereno die Kugel vielleicht drei Zentimeter am oberen linken Außenpfosten vorbei (70.). In der 77. Minute zog Clemens einen Eckball direkt aufs Tor, Hubert wehrte den Ball gegen den eigenen Innenpfosten ab.

"Aber da ging es schon nur noch darum, wie man jemanden foulen, Zeit schinden, sich beschweren kann", sagte Schmidt. Standard brachte - kurz nach Clemens' Ausraster gegen die Ersatzbank - das Spiel zur Eskalation. Nach langer Unterbrechung ging es - mit elf gegen elf Mann - doch noch weiter. Der eingewechselte belgische U19-Nationalspieler Ryan Mmaee traf in der Schlussphase mit einem Flachschuss zum 2:0 (91.) und nach einer Hereingabe aus wenigen Zentimetern zum 3:0 (96.).

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