Jürgen Klopp und dieses siebte Jahr

Jörg Schneider
Die Nachricht, dass Jürgen Klopp und Borussia Dortmund ihre seit sieben Jahren erfolgreiche Zusammenarbeit zum Saisonende einstellen, die 05-Legende seinen Vertrag vorzeitig auflöst, war das Tagesgespräch an diesem Mittwoch. Parallel dazu hat der Hamburger SV Bruno Labbadia als vermeintlichen Retter im Abstiegskampf verpflichtet. Wunschkandidat Thomas Tuchel hat dem HSV abgesagt. Da liegt der Verdacht nahe, glaubt Jörg Schneider in seinem Blog, dass der andere Ex-Trainer des FSV Mainz 05 perfekt taktiert hat. Denn natürlich wird Tuchel sofort als Klopp-Nachfolger gehandelt.

Selbstverständlich ist dieser gewaltige Trainer-Donner in der Bundesliga an diesem Mittwoch auch das Stadtgespräch in Mainz. Zumal der Hauptprotagonist eine legendäre Vergangenheit beim FSV Mainz 05 hat. Und Subjekt der Begierde in der seit einiger Zeit aufgeführten HSV-Trainerkomödie, ebenfalls mit eindrucksvoller Bruchweg-Geschichte behaftet, anscheinend seine Möglichkeiten derart gut ausgelotet und eingesetzt hat, dass er bald als Star in einer neuen Hauptrolle erstrahlen könnte.

Wie seinerzeit in Mainz: Nach seiben Jahren ist für Jürgen Klopp bei Borussia Dortmund Schluss. Foto: Imago

Der Reihe nach: Die Nachricht, dass Jürgen Klopp und Borussia Dortmund ihre Zusammenarbeit zum Ende der Saison beenden und der Meistercoach, der den BVB zu drei Titeln geführt hat, seinen bis 2018 laufenden Vertrag im Ruhrpott auflöst, hat die deutsche Fußball-Szene am Mittwoch kräftig durchgerüttelt. Eine Ära geht zu Ende. Genau wie schon in Mainz nach sieben Jahren.

In einer eilig einberufenen, emotional höchst aufgeladenen Pressekonferenz, in der sowohl Jürgen Klopp als auch BVB-Chef Hans-Joachim Watzke sichtlich um Contenance rangen, erläuterte der 47-Jährige seine Beweggründe. Sehr stilvoll und einfühlsam sprach Klopp über den Schritt, den er beschlossen hat zu gehen und der ihm auszusprechen und als Fakt zu verkünden, doch augenscheinlich äußerst schwer fiel.

„Ich habe immer gesagt, in dem Moment, in dem ich das Gefühl habe, nicht mehr der perfekte Trainer für diesen außergewöhnlichen Verein zu sein, werde ich es sagen“, erklärte Klopp. Er habe immer wieder seine und die Situation des Klubs hinterfragt. In den vergangenen Wochen sei er sich nicht mehr sicher gewesen, ob er diese Frage mit Ja beantworten könne. Nicht zuletzt wegen der großen Freundschaft, die ihn mit dem Verein und den handelnden Personen verbinde, habe er es als seine Pflicht empfunden, dies nun kundzutun. „Das hat nichts mit unserer aktuellen sportlichen Situation zu tun". Er wolle den BVB nur nicht unter Zeitdruck setzen.

Man könne sich nicht vorstellen, wie schwer das sei, diese Entscheidung zu treffen, und obwohl sie richtig sei, diesen Schritt dann auch öffentlich zu machen. „Wir sind hier unglaublich gerne", sagte der BVB-Trainer angegriffen. „Der Verein hat es aber verdient, von einem 100 Prozent richtigen Trainer trainiert zu werden."

Die 05-Spieler- und Trainer-Legende fügte hinzu: „Es ist nicht so, dass ich müde bin. Ich habe auch keinen Kontakt zu einem anderen Verein. Ich habe nicht geplant, ein Sabbatical zu machen. In diesem Job kann es aber sein, dass ich dieses Sabbatical sogar machen muss.“ Weil möglicherweise nicht sofort ein Verein da ist, bei dem die Position des Trainers vakant ist. Er werde versuchen, diese Saison überragend zu Ende zu führen und sich bemühen den Traum zu verwirklichen, noch einmal mit den Dortmundern den DFB-Pokal zu gewinnen. Danach brauche der BVB eine Veränderung. Um die Entwicklung nicht zu blockieren, müsse ein großer Kopf weg. „Und das ist meiner“, sagte Klopp. Einen Schuldigen in dieser Angelegenheit gebe es nicht.

Ähnlich, aber nicht vergleichbar

Wir erinnern uns, dass die Situation in Mainz vor sieben Jahren ähnlich, allerdings nicht vergleichbar war. Klopp, nach langen Jahren als Spieler und nach sieben Trainerjahren längst zur Legende am Bruchweg geworden, gab seinen Ausstieg bei den 05ern damals ebenfalls vorzeitig bekannt, am Mittwoch, dem 9. April 2008. Allerdings verpackten es der Trainer und die 05er damals positiv. Als Perspektiventscheidung, als vorzeitige Vertragsverlängerung. Die Mainzer waren im Jahr zuvor mit Klopp aus der Bundesliga abgestiegen, spielten in der Zweiten Liga um die Rückkehr in die höchste Klasse. Im Falle des Aufstieges, kündigten beide Seiten an, werde sich der Vertrag des Trainers verlängern. Die 05er verpassten den Aufstieg knapp, Klopp ging am Ende der Runde und der Verein bereitete ihm einen nie zuvor dagewesenen und unvergessenen Abschied.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass der Fußballlehrer damals wie heute eine schwere Saison mit seinem Team durchlebte, nicht mehr alles so rund lief wie in den Jahren zuvor und sein Status leichte Risse bekommen hatte. Und dass der Hamburger SV seinerzeit massiv um seine Dienste warb. Kein Tag verging, an dem Hamburger Medien nicht öffentlich über Klopp als Nachfolger von Huub Stevens diskutierten. Das Ganze gipfelte in solch merkwürdigen Blüten, dass der Coach angeblich unpünktlich sein sollte, ein Raucher und zerrissene Hosen trage. Klopp sagte dem HSV ab, später auch Bayer Leverkusen (das statt dessen Bruno Labbadia verpflichtete) und ging nach Dortmund.

Und genau dieser HSV hat am Mittwoch völlig überraschend erneut den Trainer gewechselt und im Abstiegskampf seinen Ex-Trainer Bruno Labbadia verpflichtet, als Retter für die letzten Spiele. Weil, so HSV-Chef Dietmar Beiersdorfer, „wir am Montag zur Erkenntnis gekommen sind, dass unsere Gespräche mit Thomas Tuchel nicht weiter zu führen sind.“ Im Klartext: Der andere ehemalige 05-Trainer hatte abgesagt.

Seit Wochen nervte das Dauer-Thema "Tuchel und der HSV" gewaltig. Es gibt Leute, die behaupten, der 41-Jährige sei sich mit dem Verein schon weitgehend einig gewesen. Wir wissen es nicht. Wenn es so war, dann mutet diese Kehrtwende nun schon etwas merkwürdig an. Hat Tuchel da intensiv taktiert, seine Möglichkeiten in Leipzig, Hamburg und wo auch immer perfekt ausgelotet und dann im richtigen Moment die Information erhalten, dass da etwas bei einem richtig großen Klub gehen kann?

Auszuschließen ist ein solches Szenario nicht. Der BVB hat zwar am Mittwoch erklärt, derzeit keine Aussagen zu einem potenziellen Klopp-Nachfolger machen zu wollen. Dass Tuchel beim BVB dennoch ein ernsthafter Kandidat ist, davon sollte man aber ausgehen. Dafür spricht einiges. Tuchels Anforderungsprofil als Trainer. Die Freundschaft zwischen Aki Watzke und Christian Heidel. Da wird es das eine oder andere informelle Gespräch zur Person Tuchel gegeben haben.

Es steht zu befürchten, dass die Spekulationen um Tuchel und den BVB ab sofort arg strapaziert werden. Doch auch Jürgen Klopps Zukunft dürfte in den kommenden Wochen mediale Klimmzüge auslösen. Das kann noch heiter werden.

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Jörg Schneider
Kennt den FSV Mainz 05 aus dem Effeff. Seit 1987 begleitet er den Klub und dessen Werdegang als Berichterstatter. Als Sportredakteur der Mainzer Rhein-Zeitung war er fast überall dabei, hat über alle Höhen und Tiefen, über die Erfolge und Aufstiege geschrieben, über zig Trainingslager und Vorbereitungsphasen, von Transfersituationen berichtet und diese versucht realistisch einzuschätzen, über wirtschaftliche und soziale Entwicklungen von der Oberliga bis heute. Sein Credo: Sachlichkeit und Seriosität, immer bemüht, Denkanstöße zu geben. Erklären steht immer vor schlagzeilenträchtiger Kritik. Das wird auch bei nullfünfMixedZone.de nicht anders sein.