Ist Clemens ein guter Risse-Ersatz?

Christian Karn. Mainz.
Der 1. FC Köln tritt ohne drei Schlüsselspieler bei Mainz 05 an. Wegen unterschiedlich schweren Knieblessuren fehlen der Olympia-Stammtorwart Timo Horn, der Kapitän Matthias Lehmann und der explosive Rechtsaußen Marcel Risse. Seit der schweren Verletzung des Ex-Mainzers Ende November hat der FC nicht mehr gewonnen; um die Lücke zu schließen, hat er einen anderen Ex-Mainzer zurück in die Heimat geholt: Christian Clemens, einer der vielen gebürtigen Kölner im FC-Team, wird heute nach dreieinhalb Jahren als Schalker und 05er beim Ex-Klub sein Pflichtspiel-Comeback für den FC geben.

Vielleicht gibt es ja irgendwo noch jemanden, der aus alter Gewohnheit auf die Implosion des 1. FC Köln wartet, auf den Größenwahn, dessen Ausbruch unmittelbar bevorstehen müsse, der den FC zwar nicht mehr in dieser - denn zwölf Punkte sind zwölf Punkte -, aber vielleicht schon in der kommenden Saison in den Abstiegskampf schleudern müsse. Wer noch darauf wartet, verkennt aber die Realität in einem Maße, wie der FC sie nicht ganz zwanzig Jahre lang verkannt hat. Die Zeiten sind vorbei. Der 1. FC Köln tritt heute nicht als Meisterschaftskandidat in Mainz an, nicht als Favorit für einen Champions-League-Platz, nicht mal als ein klarer kommender Europa-League-Teilnehmer, denn die Konkurrenz im oberen Drittel ist noch stark. Aber auch nicht mehr als der neurotische Punktelieferant, der er für die 05er in deren Heimspielen jahrelang war: Nach sechs Niederlagen in Folge von 2005 bis 2012 haben die Kölner herausgefunden, wie man in Mainz gewinnt. Das ist in den letzten drei Versuchen zweimal gelungen. Zuletzt gab es im April 2016 ein 3:2 nach 0:2 - ebenfalls an einem Sonntag, ebenfalls im letzten Spiel eines Spieltags, an dem bis auf Bayer Leverkusen alle direkten Konkurrenten der 05er schon ihre Spiele verloren hatten, an dem die 05er mit dem scheinbar sicheren Sieg auf dem Weg waren, sich vielleicht selbst für die Champions League in Position zu bringen. Und in der letzten halben Stunde vom FC einfach überrumpelt wurden.

Drei Jahre, acht Monate und drei Tage nach seinem letzten Spiel für den damaligen Zweitligisten 1. FC Köln gibt Christian Clemens heute sein Comeback im FC-Trikot. Das hat der gebürtige Kölner in Mainz schon öfter getragen - und jedes Mal das Spiel verloren. Foto: imagoEs hatte mal wieder mit Marcel Risse zu tun. Der gebürtige Kölner und Ex-05er hatte bereits 2013 im Pokalspiel in Mainz das 1:0-Siegtor für den FC geschossen, im April traf der Rechtsaußen zum 1:2 und bereitete das 3:2 vor. Das wird heute nicht geschehen, Risse wird nach seinem Kreuzbandriss noch lange fehlen - auch der Stammtorwart Timo Horn, der eigentlich längst in den Nationalmannschaftskader gehört, und der Kapitän Matthias Lehmann fehlen wegen Knieverletzungen. Und doch wird in dieser bemerkenswert lokalen Mannschaft (acht FC-Profis wurden kamen in Köln zur Welt, die 05er kommen da mit dem Mainzer Aaron Seydel sowie den Bingern Jannik Huth und Suat Serdar nicht annähernd nach) Risses Rolle nicht nur unter sportlichen Aspekten ausgefüllt werden: Christian Clemens, einer dieser acht Mann, beim FC ausgebildet und zum Profi gereift, bei Schalke nie so wirklich gebraucht, bei Mainz 05 nur anfangs ein Stammspieler, ist kurz vor Weihnachten als Reaktion auf Risses Verletzung wieder nach Hause geholt worden und wird gegen seinen Ex-Klub sein Pflichtspiel-Comeback im Kölner Trikot geben.

Allerdings nicht zwangsläufig auf seiner Stammposition rechts außen. Der FC-Trainer Peter Stöger ist einer derjenigen Trainer, die sich schon früh und konsequent vom jahrelang fast allgegenwärtigen und fast unumstrittenen, aber auch fast festgefahrenen 4-2-3-1 gelöst haben zugunsten eines flexibleren Fußballs, einer, der weniger in Positionen denkt als in Zonen, die vielleicht nicht mal immer auf den vollen 7.140 Quadratmetern zwischen den vier Außenlinien definiert sind, sondern in dem jeweiligen Bereich, in dem das Spiel tatsächlich gerade stattfindet. Dem es vielleicht egal ist, ob man seine Aufstellung nun als 3-5-2 oder als 5-3-2 oder als 3-4-3 notiert, solange die Zonen, die gerade interessant sind, adäquat besetzt sind und solange seine Spieler wissen, wer wann in welcher Situation wofür zuständig ist. Das funktioniert in dieser Saison so gut, dass es noch kaum einer geschafft hat, den FC zu schlagen. Hertha BSC hat 2:1 gewonnen, wobei die Kölner in der 87. Minute zweimal den Pfosten trafen und in der 92. Minute der vermeintliche Ausgleich wegen eines Fouls nicht zählte. Die Eintracht hat 1:0 gewonnen und trotz eines zu Unrecht nicht für den FC gepfiffenen Handelfmeters verdient gewonnen; die Kölner waren in Frankfurt einfach schlecht. Und die TSG Hoffenheim hat gewonnen, 4:0 sogar, wahrscheinlich etwas zu hoch, und hat sich damit für die Pokal-Niederlage gegen den FC revanchiert. Das war's. Zuhause ist der FC noch ungeschlagen, was die 05er erst am 34. Spieltag interessieren muss. In seinen Auswärtsspielen kann man ihn grundsätzlich knacken; Wolfsburg (0:0), die Bayern (1:1), Schalke (1:3), Gladbach (1:2) und Werder Bremen (1:1) haben es nicht geschafft.

Die Schlüsselfigur beim FC ist natürlich Anthony Modeste. Der Mittelstürmer hat schon dreizehn Saisontore geschossen, fünf mehr als alle anderen Kölner zusammen. Die zweitbesten Torschützen mit nur je zwei Treffern sind der verletzte Risse, Yuya Osako und Artjoms Rudnevs, außerdem trafen Simon Zoller und Leonardo Bittencourt. Zieht man die Tore von Yunus Malli, der nach Wolfsburg gewechselt ist, und Jhon Córdoba, der nach seiner Roten Karte gesperrt ist, ab, haben die 05er in den 16 Hinrundenspielen nur viermal weniger getroffen als der FC, auch ohne zwei ihrer drei Toptorjäger sind die 05er nicht wesentlich offensivschwächer, vor allem aber viel breiter aufgestellt als ihr heutiger Gegner. Der Unterschied liegt in der Defensive; heute trifft die (nach 16 Spieltagen) hinter Werder Bremen und dem Hamburger SV drittschlechteste Abwehr auf die nach Bayern München und Eintracht Frankfurt drittbeste. Die 05er haben 30 Gegentore kassiert, der FC nur 15. Davon vier in Hoffenheim, elf in den übrigen 15 Spielen. Fünfmal gar keins, aber auch nur ein weiteres Mal mehr als eins.

Jedoch hat der Schwung nachgelassen. Während die 05er Mitte November das hektische Spiel gegen den SC Freiburg 4:2 gewannen, entschied Risse das Derby in Gladbach mit einem spektakulären 30-Meter-Freistoß in der 91. Minute glücklich für den in allen anderen Dingen klar unterlegenen FC. Seitdem haben die Kölner kein Spiel mehr gewonnen, neben dem 0:4 in Hoffenheim haben sie gegen Augsburg (0:0), Dortmund, Bremen und Leverkusen (jeweils 1:1) zwar dreimal das 1:0 geschossen, aber dennoch nur vier Punkte geholt, sind vom vierten auf den siebten Tabellenplatz zurückgefallen. Modeste hat seit seinem vom Zufall begünstigten Ausgleichstor in Gladbach nur noch einmal getroffen, ohne das obligatorische Tor des Franzosen reichte dem Gegner zuletzt ein Tor, um gegen den FC zumindest zu punkten. Natürlich war all das vor der langen Winterpause. Die Testspielergebnisse (0:0 gegen den VfB Stuttgart, 1:0 gegen den VfL Bochum, Clemens traf) deuten lediglich an, dass die Serie torarmer Spiele sich fortsetzen könnte.

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