Internationale Aufmerksamkeit für den Fußball made in Germany

Andreas Hunzinger
Die Bundesliga, die heute in ihre 52. Spielzeit startet, braucht den Vergleich mit der Premiere League und der Primera Division nicht zu scheuen. Das behauptet Andreas Hunzinger in seinem Gastbeitrag für die nullfünfMixedZone zum Saisonauftakt. Der „kicker“-Experte sieht die Bayern und den BVB vorneweg eilen, dahinter Schalke, Leverkusen und Wolfsburg vor einem breit gefächerten Mittelfeld. Und was ist mit den 05ern? „Mainz 05 wäre nicht der erste Verein, der nach einer durchwachsenen oder gar mäßigen Vorbereitung eine gute Saison abliefert“.

Der Titelgewinn versetzte nicht nur ein ganzes Land in einen Freudentaumel, er zeigte der Welt auch, dass der deutsche Fußball seine Lehren aus den EM-Desastern im Jahre 2000 und 2004 gezogen und die Nachwuchs-Ausbildung neu strukturiert hat. Fußball made in Germany heißt heute nicht mehr allein Kampfgeist, Robustheit, Disziplin und Behauptungswille, sondern paart diese Tugenden mittlerweile mit höchstem technischen, spielerischen und taktischen Niveau. Der Titel 2014 birgt eine gewisse Logik, hatte er sich in der Bundesliga doch über die vergangenen Jahre angekündigt. Und das nicht nur wegen des innerdeutschen Champions-League-Finales 2013 zwischen Bayern München und Borussia Dortmund.

Philipp Lahm mit dem FC Bayern München und Jürgen Klopps Borussia Dortmund dürften auch in dieser neuen Spielzeit wieder einen Vorsprung vor der Konkurrenz haben. Foto: Imago

Der Fußball in der Bundesliga hat sich in den vergangenen Jahren stetig verbessert, viele meinen, die Beletage des deutschen Fußballs sei die beste Liga der Welt. Derart absolut würde ich es nicht sehen, aber nimmt man den sportlichen Wettbewerb sowie die Begleitumstände wie Zuschauerzahlen, Stadionkomfort oder Finanzgebaren der Klubs hinzu, braucht die Bundesliga den Vergleich mit der englischen Premier League und der spanischen Primera Division nicht zu scheuen. Die italienische Serie A und die französische Ligue 1 hat die Bundesliga ohnehin schon hinter sich gelassen. Nicht nur in der Uefa-Fünfjahres-Wertung, in der die Bundesliga nun sogar die Premier League auf dem zweiten Platz angreift. Die Entwicklung ist rasant. Vor zehn Jahren drohte der Bundesliga noch der Verlust des dritten Champions-League-Platzes.
Wenn an diesem Freitag der FC Bayern mit dem Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg die Saison 2014/15 eröffnet, kann sich die Liga einer deutlich gestiegenen internationalen Aufmerksamkeit gewiss sein. Sie steht allerdings auch in der Pflicht, die in Brasilien erworbenen Meriten zu bestätigen. Mit international konkurrenzfähigen Auftritten der Klubs in Champions League und Europa League, mit technisch anspruchsvollem und taktisch zeitgemäßem Fußball und mit einem spannenden, weil ausgeglichenen Wettbewerb.
Die Hoffnungen auf ein spannendes Titelrennen mit mehreren Klubs sollten dabei aber nicht überbordend sein. Schließlich herrschten in der Bundesliga in den vergangenen Jahren die viel zitierten und befürchteten „spanischen Verhältnisse“. Der FC Bayern und Borussia Dortmund haben die Meisterschaft unter sich ausgemacht – mit deutlichem Abstand zu den Verfolgern. In den Saisons 2012/13 und 2013/14 bildeten sich sogar „deutsche Verhältnisse“ heraus – die Bayern zogen einsam ihre Kreise und konnten von der Konkurrenz nur aus der Ferne betrachtet werden.

Was erwartet uns nun in der Spielzeit 2014/15?

Den Bayern wird grundsätzlich erneut ein souveräner Durchmarsch zugetraut. Der Kader ist einfach zu stark besetzt. In der Breite und vor allem in der Spitze, wo mit der Verpflichtung von Robert Lewandowski der Angriff in spielerischer Hinsicht noch optimiert wurde. Auch wenn Lewandowski nicht ganz die physische Präsenz und die Wehrhaftigkeit seines Vorgängers Mario Mandzukic hat. Zudem dürfte Pep Guardiola in seinem zweiten Jahr die Lehren aus der vergangenen Saison gezogen haben, als er nach dem frühzeitigen Gewinn der Meisterschaft den Fehler machte, die Bundesliga-Saison für sein Team quasi als beendet zu erklären und somit einen Spannungsabfall im Kader verursachte. Allerdings hat der katalanische Starcoach dieses Mal ein anderes Problem. In Manuel Neuer, Philipp Lahm, Jerome Boateng, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller, Mario Götze, Arjen Robben und Dante hat Guardiola acht Spieler in seinem Kader, die bei der WM bis zum Schluss beschäftigt waren und erst seit zwei Wochen im Training sind. Zudem plagen Schweinsteiger und Franck Ribéry weiter mit Blessuren herum, und der Ausfall von Javi Martinez wegen seines Kreuzbandrisses wiegt schwer. „Wir werden bis zum Winter Probleme haben“, hat Guardiola jüngst gesagt und schon mal vorgebaut. Trotz der schwierigen Situation bleiben die Bayern jedoch der Topfavorit auf die Meisterschaft.
Bei Borussia Dortmund bleibt abzuwarten, wie die Mannschaft den nach Mario Götze im vergangenen Jahr zweiten Verlust eines Starspielers verkraftet. Robert Lewandowski war in den vergangenen drei Jahren der Torgarant des BVB, trotz all ihrer Qualitäten werden die Neuzugänge Ciro Immobile und Adrian Ramos den Polen auf Anhieb nicht adäquat ersetzen können. Jürgen Klopp wird den Verlust Lewandowskis über das Kollektiv abfangen müssen. Doch wer „Kloppo“ kennt, weiß, dass er die Fähigkeiten und die Beharrlichkeit besitzt, sein Team gemäß seiner Diktion „zum unangenehmsten Gegner“ zu machen und den Bayern Probleme zu bereiten.

Ein einziger echter Underdog

Schalke 04, Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg haben ihren Kader zwar qualitativ und quantitativ verstärkt, aber dennoch fehlt ihnen (noch) die Klasse der beiden Topklubs. Dahinter wird sich voraussichtlich ein breites Mittelfeld formieren, in dem sich etliche Klubs befinden werden, die nach hinten schauen müssen.  Als einziger echter Underdog gilt der SC Paderborn, dem die meisten einen ähnlichen Saisonverlauf prophezeien, wie in der vergangenen Saison Eintracht Braunschweig oder in der vorletzten Spielzeit der SpVgg Greuther Fürth. Individuell scheinen der Kleinklub aus Ostwestfalen tatsächlich deutlich im Hintertreffen, doch wenn die Verantwortlichen die Ruhe behalten und es Trainer André Breitenreiter und seinem Team gelingt, den Schwung des Aufstiegs in den ersten Saisonwochen mit Resultaten zu unterfüttern, dann kann die Sensation – der Klassenerhalt – gelingen.

Gespannt darf man auch auf die Entwicklung des FSV Mainz 05 sein. Bei Nullfünf hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Nach dem geräuschvollen Ende der Ära Thomas Tuchel hat der neue Coach Kasper Hjulmand ein schweres Erbe angetreten. Schließlich stand Mainz unter Tuchel nie auf einem Abstiegsplatz, erreichte zweimal auf sportlichem Wege die Qualifikation zur Europa League und bescherte den 05ern die erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte. Hjulmand muss nun damit leben, dass auch in Mainz die Ansprüche gestiegen sind. Platz sieben wie in der vergangenen Saison muss es nicht direkt sein, es würde auch akzeptiert, „dass es immer wieder vorkommen kann, dass Mainz 05 eine problematische Bundesliga-Saison hat“, wie Manager Christian Heidel sagt.

Überdurchschnittliche Qualität verloren

Doch Tuchel hat dem Verein eine fußballerische Identität gegeben, hat die unter Jürgen Klopp angelegte Mainzer DNA – Pressing, Gegenpressing, Umschaltspiel – auch aufgrund besserer personeller Möglichkeiten weiterentwickelt. Zudem hat Nullfünf in dem Dauermarschierer auf rechts, Zdenek Pospech, Dribbler Eric Maxim Choupo-Moting und aufgrund seiner Tempohärte und Laufstärke für das Mainzer Spiel eminent wichtigen Nicolai Müller drei Profis von überdurchschnittlicher Qualität verloren. Ob die Neuzugänge Daniel Brosinski, Gonzalo Jara und Filip Djuricic den Verlust kompensieren können, bleibt abzuwarten. Brosinski ähnelt Pospech zumindest im Vorwärtsgang, muss aber in der Defensivarbeit zulegen, bei Jara sieht man seine Klasse, aber wie alle WM-Fahrer kämpft er noch mit körperlichen Rückständen. Djuricic deutete beim Pokalspiel in Chemnitz seine spielerische Klasse an, aber er ist ein anderer Typ als Choupo-Moting – mehr ein Zehner oder eine hängende Spitze. Der Ersatz für Müller fehlt noch. Wenn er kommt, wird er wie die vier anderen Neuen – dazu kommt ja noch Torwart Stefanos Kapino – Eingewöhnungszeit benötigen und den 05ern zu Saisonbeginn nicht sofort helfen können.

Die Kirche im Dorf lassen

Insgesamt stellt sich die Situation der Mainzer vor dem Rundenstart angespannt dar. Gerade das Aus in der Europa League gegen das zweitklassige Asteras Tripolis und das Pokal-Aus beim Drittligisten Chemnitzer FC haben für Unruhe und beim Team für Verunsicherung gesorgt. Sorgen macht darüber hinaus die Anfälligkeit in der Defensive. Hjulmand, der Mainz 05 fußballerisch hin zu mehr Dominanz entwickeln möchte, sagt zwar, dass es auch sein Bestreben sei, dass Mainz den Gegner aggressiv anläuft. Pressing und Umschaltspiel sei die Basis, betont der Däne stets. Bislang lassen die Mainzer in den Spielen jedoch die aggressive Balljagd vermissen, der gegnerische Passgeben wird zu selten unter Druck gesetzt, bei Ballverlust lässt  Hjulmands Team dem Kontrahenten zu viel Bewegungsfreiheit.
Der neue Coach verweist zurecht darauf, dass er Zeit benötigt, um seine Ideen umzusetzen. Er verweist zurecht darauf, dass die Vorbereitung durch den verspäteten Einstieg der WM-Fahrer gestört war. Er verweist zurecht darauf, dass er erst am 1. September wissen wird, wie sein endgültiger Kader aussieht. Zurecht betont Hjulmand  auch, „dass wir besser werden“. Der Aufbau  der 05er sieht bereits gut aus, Passqualität und Spielkontrolle – zwei tragende Elemente Hjulmandscher Fußballlehre – sind schon ordentlich. Mainz 05 braucht aber die aggressive Balljagd, um in einer Liga, in der potenziell zehn Mannschaften individuell besser besetzt sind, zu überleben. Und nach den beiden Pleiten gegen Tripolis und in Chemnitz steht er schon unter Druck. Mainz 05 ist zwar nicht für Hektik und Aktionismus bekannt. Doch eine Niederlage in Paderborn würde auch im unaufgeregten Mainz für Unruhe sorgen.
Trotz aller Geburtswehen und der Sorge um einen Fehlstart muss man die Kirche im Dorf lassen. Mainz 05 mit seiner aktuellen individuellen Qualität startet am Sonntag beim SC Paderborn. Bei allem Respekt vor dem Neuling. Ein Sieg wäre keine Riesensensation. Und Mainz 05 wäre nicht der erste Verein, der nach einer durchwachsenen oder gar mäßigen Vorbereitung eine gute Saison abliefert.

Andreas Hunzinger
Der gebürtige Frankfurter, Jahrgang 1965, arbeitet beim „kicker“ in der Redaktion Südwest und berichtet für das Fachmagazin über den FSV Mainz 05 in der Bundesliga. Der einstige Kreisliga-Libero startete seine journalistische Laufbahn 1991 als freier Mitarbeiter der „Frankfurter Neue Presse“ im Lokalsport. Nach dem Volontariat kümmerte sich der fußballbegeisterte Redakteur als Koordinator für den regionalen Fußball bei der „Frankfurter Rundschau“ um die 05er, Kickers Offenbach und den FSV Frankfurt. im Rahmen der Gemeinschaftsproduktion zwischen FR und Berliner Zeitung schrieb er über die Hauptstadtklubs Hertha BSC und Union. Für die nullfünfMixedZone beleuchtet der „kicker“-Experte die Bundesliga im Allgemeinen mit einem speziellen Augenmerk auf die 05er.