Im Staube sozialisiert

Christian Karn. Mainz.
Es ist kein Geburtstag, um den viel Aufhebens gemacht wird und der große Feierlichkeiten nach sich zieht. Zumal der Gründungstag relativ unbemerkt über die Bühne ging. Dennoch ist es angebracht, gerade in dieser Stadt, daran zu erinnern und sich noch einmal eingehender damit zu beschäftigen: Die Zweite Bundesliga feiert in dieser Saison ihren 40. Geburtstag. Jene Liga, die dem FSV Mainz 05 gut anderthalb Jahrzehnte lang sportliche Heimat war, die den Klub prägte, große Glücksmomente und noch mehr Leiden schuf und die Spielerpersönlichkeiten hervorbrachte, die das Fußball-Unterhaus maßgeblich prägten. Die nullfünfMixedZone erinnert in der heute beginnenden Serie "Geschichten von früher" an gute und schlechte Zeiten einer Liga, die aktuell erfolgreicher ist als je zuvor.

Einer der großen Zweitligamomente für Mainz 05: Sven Demandts 100. Zweitligator, der Auftakt zu einem Hattrick gegen Carl Zeiss Jena. Foto: imago

Seit zehn Jahren ist der FSV Mainz 05 raus aus der Zweiten Bundesliga - die beiden Spielzeiten 2007/08 und 2008/09 wollen wir an dieser Stelle großzügig unterschlagen, weil die 05er nur noch zu Besuch waren; die Zweite Liga war keine Heimat mehr für einen Klub, der sich längst als Bundesligist fühlte. Viele aber, die heute regelmäßig in Mainz Fußball gucken - sei es beruflich, sei es als Hobby - wurden in dieser Liga fußballerisch sozialisiert. Viele erinnern sich angesichts eines Professionalismus, der sich bei aller Notwendigkeit hin und wieder etwas steril anfühlt, mit Wehmut und einer gewissen Verklärung an diese Jahre, in der nicht nur Mainz 05, sondern gleichzeitig auch die Zweite Bundesliga selbst noch kurz vor einem riesigen Entwicklungsschritt standen.

Diese Geschichte beginnt um 1970 herum. Der deutsche Fußball hatte ein Problem: Es gab die Bundesliga, einen auch international fest etablierten Wettbewerb, eine leistungsstarke Profiliga, die inzwischen auch regelmäßig Europapokalsieger hervorbrachte; etwas, was es vor der in Deutschland sehr spät eingeführten Professionalisierung nicht gegeben hatte. Das funktionierte. Was nicht funktionierte war der Unterbau. Das Leistungsgefälle der fünf Regionalligen war viel zu groß; die räumlich gigantischen Staffeln Nord und Süd waren leidlich konkurrenzfähig, die Berliner Stadtliga und der Südwesten überhaupt nicht. In der Regel war es die Regionalliga West, die die Aufsteiger in die Bundesliga stellte, so dass diese sich immer weiter nach Nordrhein-Westfalen verschob. 1971/72 kam die halbe Liga aus einem Bundesland: Schalke 04, Borussia Mönchengladbach, 1. FC Köln, VfL Bochum, Fortuna Düsseldorf, MSV Duisburg, Rot-Weiß Oberhausen, Borussia Dortmund, Arminia Bielefeld, neun von 18 Mannschaften.

Ein sportlich sachgemäßer Unterbau? 

Um der Liga einen tragfähigeres Fundament zu geben, führte der DFB daher zur Saison 1974/75 eine zweite Bundesliga ein. "Endlich erhält die Bundesliga den sportlich sachgemäßen Unterbau" jubilierte das Fachmagazin "kicker". Funktionieren tat dieser Unterbau allerdings immer noch nicht. Aus 83 Regionalligisten des Vorjahres wurden zwar lediglich 40 auf eine Nord- und eine Südstaffel verteilte Zweitligisten, aber es stellte sich heraus, dass viele von diesen Vereinen überfordert waren. Das Publikum nahm die Liga nicht so an wie erhofft; der in Zeiten, in denen der Etat nicht größtenteils aus Fernsehgeld bestand, enorm wichtige Zuschauerschnitt blieb trotz Klubs wie Borussia Dortmund, dem 1. FC Nürnberg, dem VfB Stuttgart, zu deren Spiele 20.000 Besuchern kamen, weit unter der 10.000er-Marke, aber die Kosten stiegen. Reihenweise nahmen die Vereine zu, die nicht mehr in der Lage waren, den Spielbetrieb zu stemmen. 

Der FSV Mainz 05, Gründungsmitglied der Zweiten Liga Süd mit soliden Mittelfeldplatzierungen, zog sich nach zwei Jahren als erster Zweitligist überhaupt freiwillig in die Amateurliga Südwest zurück - und spielte fortan nicht mehr gegen den TSV München 1860, die SpVgg Fürth und den FC Augsburg, sondern gegen Viktoria Herxheim, den FC Rodalben und den SV Guntersblum. Das Problem mit der Fallhöhe war aber eine Stufe weiter unten noch viel größer geworden und wurde erst 1978 mit der Einführung der Amateur-Oberliga gelöst. Röchling Völklingen, Westfalia Herne, der DSC Wanne-Eickel gingen in den folgenden Jahren ebenfalls freiwillig nach unten.

Große Recken und skurrile Gestalten in graubraunem Staub

Als die 05er 1988 nach ihrer dritten Drittliga-Meisterschaft zurückkamen, hatte sich die Zweite Bundesliga völlig verändert. Sieben Jahre lang hatte sich der DFB das Elend angesehen und 1981 schließlich einen harten Schnitt vollzogen. Aus zwei Staffeln wurde eine, aus 42 Zweitligisten derer 20. Die eingleisige Zweite Liga war stabil. Und Mainz 05 - nach dem sofortigen Wiederab- und Wiederaufstieg von 1990 an fest dabei. Selten am oberen Rand der Tabelle, meist im Abstiegskampf, den die 05er auch in aussichtslosesten Lagen immer wieder meisterten. Innovative Trainer wie Josip Kuze und der in Mainz zur Legende gewordene Wolfgang Frank, der heute vor einem Jahr verstorben ist, vollbrachten, wenn nötig, Wunder, andere wurden nach wenigen Monaten gefeuert. Große Zweitliga-Recken wie Jürgen Klopp, Michael Müller und Sven Demandt prägten ebenso die Mainzer Mannschaften wie skurrile Gestalten wie Vlado Kasalo, Guido Schäfer, Ansgar Brinkmann. Und über allem schwebte der graubraune Staub der Gegengeraden.
 
Es gibt viele Geschichte aus diesen Tagen am altehrwürdigen Bruchweg. Geschichten von gescheiterten Aufstiegsversuchen, von legendären Abstiegskampf-Schlachten. Und es gibt Namen und Zahlen aus dieser Zeit, die längst nicht mehr bei jedem abrufbar sind, an die wir jedoch gerne in unserer Serie erinnern. Lesen Sie in unserer nächsten Folge, wie sich das Stadion am Bruchweg im Laufe der Jahre von einer Bezirkssportanlage mit Tribüne zu einem Erstligastadion entwickelt hat, in das sich heute noch manch ein Nostalgiker zurück wünscht.

 

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