Im Abstiegskampf der Anderen

Christian Karn. Mainz.
Nach dem 2:0 in Leverkusen ist der FSV Mainz 05 morgen wieder nur als Gegner in den Abstiegskampf der Anderen involviert. Das ist zuletzt gegen Werder Bremen völlig schiefgegangen. Der VfL Wolfsburg kommt nun mit einer ähnlichen Bilanz in die Opel Arena - und mit einem neuen Ansatz. Der Vizemeister von 2015 hat vier der letzten fünf Spiele verloren, hat seinen Vorsprung auf die Abstiegsplätze auf zwei Punkte schrumpfen lassen, lebt seit dem Winter davon, dass auch die Konkurrenz immer wieder Punkte liegen lässt, muss um sein 21. Bundesligajahr bangen.

Abstiegskampf gibt es in Mainz. Möglicherweise. Und die 05er sind nicht involviert, jedenfalls nicht direkt. Sie hätten ja in Leverkusen auch verlieren können, Ingolstadt hätte Gladbach auch schlagen können, dann hätte der FSV Mainz 05 jetzt nur vier Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Weil die 05er gewonnen haben, weil Ingolstadt verloren hat, sind's acht. Vorübergehend komfortable acht, die Saison ist ja noch lang.

Der Gegner ist es, der VfL Wolfsburg, der mal wieder unter Druck steht. 2009 war der VfL mal Deutscher Meister, 2015 noch einmal mit gehörigem Rückstand auf die Bayern Vizemeister. Vor einem Jahr der Klub, den die 05er frühzeitig nicht mehr im Auge hatten, als es darum ging, den Europapokalplatz nach unten abzusichern. Der irgendwann einfach abgehängt war.

In ihrem 20. Bundesligajahr (muss man sie inzwischen "Traditionsklub" nennen, um sie von Ingolstadt, Augsburg, Hoffenheim, Leipzig abzugrenzen?) müssen die Wolfsburger nun darum bangen, ob es ein 21. gibt. Ein völlig neues Gefühl ist das nicht für den VfL, den es auch 2006 (Rettung am letzten Spieltag durch ein Unentschieden gegen den dadurch abgestiegenen Tabellennachbarn aus Kaiserslautern), 2007 (Rettung de iure am letzten, de facto am vorletzten Spieltag) und 2011 (Rettung am letzten Spieltag) hätte erwischen können. Abstiegsplätze in der Rückrunde kommen selten vor in Wolfsburg (und in der Hinrunde sind sie nicht ehrenrührig), jedes Mal vermochte es der VfL lediglich bis zum Schluss nicht, sich einfach mal frühzeitig von der Abstiegszone abzusetzen.

Dieses Jahr? Genauso. Es liegt an Bremen, an Ingolstadt, am HSV, die ihrerseits nicht in der Lage sind, mit einer Serie von mehr als zwei Siegen das Mittelfeld anzugreifen, dass der VfL Wolfsburg seit Wochen auf Platz 14 steht, zwei Punkte und elf Tore vor dem Relegationsplatz - das waren immerhin vor drei Wochen noch sechs Punkte! Und vor vier Wochen drei. Werder Bremen (punktgleich) empfängt nun Darmstadt 98 (0 Auswärtspunkte). Der HSV, der es fertig gebracht hat, in zwei aufeinanderfolgenden Auswärtsspielen 3:0 in Leipzig zu gewinnen und 0:8 in München zu verlieren, empfängt die kaum weniger unberechenbare Hertha. Der VfL sollte besser mal wieder gewinnen.

Das hat in der Rückrunde erst einmal geklappt, am 20. Spieltag in Hoffenheim. Die TSG führte zur Halbzeit 1:0, dann schossen die Mittelfeldspieler Maximilian Arnold und Daniel Didavi die entscheidenden Tore, die dem den VfL Punkte brachten, die sonst kaum jemand hat. Davor und danach aber gab es jeweils zwei Niederlagen in der Bundesliga: 1:2 gegen Augsburg, 0:1 in Köln, 0:3 in Dortmund und ein schmerzhaftes 1:2 gegen Bremen, dazu ein 0:1 im Pokal bei den Bayern. In der Rückrundentabelle ist sogar Darmstadt punktgleich mit dem VfL, hat sogar Mainz 05, das nach dem Abgang von Yunus Malli seine neue Offensive erst suchen musste, mehr Tore geschossen.

Yunus Malli und Mario Gómez sollten dem Namen nach eines der besseren Bundesliga-Offensivzentren bilden. So recht kommen sie mit dem VfL Wolfsburg aber zur Zeit nicht voran. Foto: imagoWas das nun bedeutet, ist natürlich vollkommen unklar. Der Trainerwechsel bringt viele Beobachtungen durcheinander. Von einem Systemwechsel ist die Rede. Der Ex-Trainer Valerién Ismaël hatte den VfL zuletzt mit Dreier/Fünferkette spielen lassen, gegen Bremen mit zwei defensiven und einem offensiven Mittelfeldspieler, vorher mit einem defensiven und zwei offensiven, grundsätzlich mit zwei Stürmern: Mario Gómez, dem Mittelstürmer alter Schule, und Yunus Malli, der eigentlich überhaupt kein klassischer Stürmer ist. Andries Jonker, der neue Trainer, hat die Rückkehr zur Viererkette angekündigt. Dabei dürften die drei Innenverteidiger Jeffrey Bruma, Luiz Gustavo und Ricardo Rodríguez im Team bleiben, Letzterer wieder als Linksverteidiger spielen. Rechtsverteidiger Vieirinha dürfte wieder in die Offensive rücken - bis dahin sind die Unterschiede ohnehin nur Nuancen. Linksverteidiger Jannes Horn wird wohl auf der Bank landen, der andere Linksverteidiger Yannick Gerhardt dagegen im zentralen Mittelfeld spielen. Vorne bleiben Malli und Gómez wahrscheinlich im 4-2-3-1 nahe bei ihrer bisherigen Rolle. Der Hauptunterschied könnte tatsächlich sein, dass in der Offensive die Flügel zahlreicher besetzt sind, hinten dadurch möglicherweise sogar ein breiterer Raum verteidigt wird; wie viel Platz bei einem Gegner mit dem bisherigen Wolfsburger Ansatz neben dessen Strafraum sein kann, wenn man am Außenbahnspieler vorbei kommt, haben die 05er in Hoffenheim erfahren, wie wenig man mit diesem Platz anfangen kann, wenn das Abwehrzentrum steht, haben sie beim 0:4 gezeigt.

Die 05er würden die Viererkette angreifen im 4-4-2 oder im 4-2-3-1 - auch das ist eigentlich relativ egal, der Unterschied definiert sich vor allem daraus, dass Yoshinori Muto und Bojan Krkic als die beiden Spitzenkandidaten für die zweite zentrale offensive Rolle neben/hinter Jhon Córdoba unterschiedliche Profile, unterschiedliche Gewohnheiten in die Aufstellung bringen würden. Auf den anderen neun Positionen verändert sich dadurch nicht viel.

Der SV Werder Bremen kam vor zwei Wochen in einer ähnlichen Situation (vier Niederlagen in Folge, zwei Punkte aus sechs Spielen) nach Mainz. Und gewann 2:0, vielleicht sogar weniger aus eigener Stärke als wegen der erheblichen Mängel im 05-Spiel der ersten Hälfte. Der VfL wird versuchen wollen, den Erfolg seines letzten Gegners zu wiederholen. Die 05er werden sich steigern wollen.

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