Heimstärke?

Christian Karn. Mainz.
Mit vier Heimspielen an den ersten fünf Spieltagen des Jahres 2017 hat der FSV Mainz 05 zumindest keine großen Reisestrapazen; die nächste weite Fahrt steht sogar erst im April wieder an. Mit ihrer Heimstärke können die 05er selbstbewusst in die Serie gehen; sie bietet eine große Chance, sich wieder im oberen Tabellenmittelfeld festzusetzen. Vorausgesetzt, es gibt diese Heimstärke wirklich. Manches spricht dagegen, wenig konkret dafür, aber die Wahrheit könnte im Detail stecken, sich dem ersten Blick entziehen.

Drei Sprünge

1.: Jeder gegen jeden?

Eines ist ja offensichtlich: Um gegeneinander zu spielen, müssen zwei Mannschaften gleichzeitig am gleichen Ort anwesend sein. Neun Spiele gibt es an jedem Spieltag, damit zwangsläufig neun Heimteams - das waren am ersten Spieltag dieser Saison Bayern München, Eintracht Frankfurt, der FC Augsburg, der Hamburger SV, der 1. FC Köln, Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach, Hertha BSC und die TSG Hoffenheim - und neun Auswärtsteams, das war der Rest. Beim konsequenten Heim-Auswärts-Wechsel würden diese neun Mannschaften nie gegeneinander spielen können, daher haben siebzehn von achtzehn Mannschaften irgendwann in der Saison zwei Heimspiele nacheinander; reihum wechseln sie irgendwann von der einen auf die andere Seite des Spieltags. Einzige Ausnahme ist in jedem Jahr der Joker, der außerhalb des normalen Spielplans steht und jede Woche gegen die Mannschaft antritt, die eigentlich gegen sich selbst spielen müsste. 2006/07 waren das zum bisher einzigen Mal die 05er, in dieser Saison ist es der FC Augsburg.

2.: Jeder gegen jeden.

Die Rückrunde ist das Spiegelbild der Hinrunde, die Hinrunde das Spiegelbild der Rückrunde. Jeder, der irgendwann zwei Heimspiele hat, hat an der gleichen Stelle der anderen Halbsaison zwei Auswärtsspiele. Das erste Heim-Doppel der Rückrunde haben die 05er am dritten und vierten Spieltag der Halbserie, das erste Auswärtsdoppel haben gleichzeitig die Bayern. In der Hinrunde war's umgekehrt.

3.: Die Nahtstelle.

17 Spieltage pro Halbsaison, abwechselnd Heim- und Auswärtsspiele, ein Sprung - wer zuhause anfängt, hört auswärts auf und umgekehrt. Die Rückrunde ist das Spiegelbild der Hinrunde - wer die Hinrunde auswärts beendet, fängt die Rückrunde auswärts an, wer zuhause aufhört, macht zuhause weiter. Für die Nahtstelle gibt es kein Spiegelbild; es wären der erste und letzte Spieltag. Daher hat jeder Bundesligist entweder ein Heim- und zwei Auswärts-Doppler - oder umgekehrt. Ausnahme: Die Augsburger, die als Joker neben dem System stehen und gar keine Dopplungen haben.

Der dritte Sprung steht immer an der gleichen Stelle - am 17. und 18. Spieltag gibt es (außer für Augsburg) entweder zwei Heim- oder zwei Auswärtsspiele. Der erste und zweite Sprung bewegen sich durch die Saison. Im ersten Bundesligajahr spielte Mainz 05 am 15. und 16. Spieltag zuhause, am 17. und 18. auswärts, bisher war das der extremste Fall. Dieses Jahr ergab es sich durch den Auswärts-Beginn und den frühestmöglichen Auswärts-Doppler sowie die vorgezogene Winterpause, dass die beide Heim-Doppler der 05er so eng aneinander hängen.

Normalerweise wechseln sich in der Bundesliga Heim- und Auswärtsspiele ab. Für den FSV Mainz 05 beginnt das neue Jahr aber mit der ungewöhnlichen Serie von vier Heimspielen, die lediglich von der Partie bei der TSG Hoffenheim in der Mitte unterbrochen wird. Das liegt teils am Zufall, teils an den drei Sprüngen, die notwendig sind, damit der Spielplan aufgeht - siehe nebenstehenden Kasten.

Vier Heimspiele fast in Folge, das könnte eine Chance sein für die heimstarken 05er - doch halt: Gibt es die Heimstärke, von der im jungen Jahr 2017 angesichts des Spielplans die Rede ist, eigentlich wirklich?

Der bislang letzte 05-Heimsieg war einerseits der Pflichtsieg gegen einen der Tabellenletzten, andererseits die Folge der Latza-Anomalie - die 05er brauchten einen Hattrick des defensiven Mittelfeldspielers, um den HSV zu schlagen. Das kann man sowohl als Argument für als auch gegen Heimstärke interpretieren. Foto: imagoAcht Heimspiele hatten die 05er bisher, sie haben vier gewonnen, zwei verloren, 14 von ihren 21 Punkten in der Opel Arena geholt. Auswärts dagegen gab es in neun Spielen nur zwei Siege und ein Unentschieden im zweiten bis vierten Spiel; die vergangenen fünf Auswärtsspiele haben die 05er allesamt verloren. Es gibt dafür Gründe; der Reisestress nach Europa-League-Spielen dürfte eine Rolle gespielt haben, auch schlimme Schiedsrichterfehler (Gladbach! Hertha!), auch eine profane Unterlegenheit (Leipzig, Schalke). Allgemein ist das eine normale Verteilung - mit Hertha und der Eintracht, Köln und Freiburg, Bremen und Hamburg haben sechs weitere Bundesligisten in etwa zwei Drittel ihrer Punkte im eigenen Stadion geholt. Bei Bayern, Leipzig, Hoffenheim, Dortmund ist die Bilanz ausgeglichener, sie punkten überall, sind heim- und auswärtsstark. Die zuhause chronisch erfolglosen Ingolstädter und die Wolfsburger haben auswärts sogar mehr Punkte gewonnen als zuhause, auch Bayern Leverkusen und der FC Augsburg kommen auf eigenem Platz nicht recht in die Gänge. Schalke, Darmstadt und Gladbach dagegen haben auswärts so gut wie nichts geholt. Die 05er stehen also mit ihrer 14-7-Verteilung im Bundesliga-Durchschnitt. Besondere Heimstärke? Nach dieser Definition gibt es sie nicht.

Das sagt auch die reine Heimtabelle: Elfter sind die 05er dort, unteres Ende des mittleren Tabellendrittels. Einige Teams hatten schon neun Heimspiele, dadurch eine Möglichkeit mehr, zuhause zu punkten, aber von den neun Mannschaften mit erst acht Heimspielen sind die 05er auch nur Siebter. Heimstärke? Immer noch nicht.

Sehen wir uns die acht Gegner an, wird es nicht besser. Die 05er haben verloren gegen Bayern München (auswärts Platz 1) und Bayer Leverkusen (auswärts Platz 7), sie haben unentschieden gespielt gegen die TSG Hoffenheim (3) und den 1. FC Köln (8), sie haben Freiburg (11), Ingolstadt (12), Hamburg (16) und Darmstadt (18) geschlagen. In der Gesamttabelle sind drei der vier Teams, die in Mainz verloren haben, gar auf Platz 16-18 - das sind die, überspitzt formuliert, die gegen jeden verlieren. Überdurchschnittliche Heimstärke? Nicht zu sehen.

Aber vielleicht steckt sie im Detail. Vielleicht liegt sie darin, dass es gegen viele Spitzenteams (Leipzig, Dortmund, Hertha, Frankfurt - vier der ersten sechs in der Gesamttabelle) noch keine Heimspiele gab, daher gar keine Möglichkeit, eine Heimstärke unter Beweis zu stellen. Die Pflichtsiege gegen die Kleinen hat Mainz 05 bisher konsequent geholt. Das war auch noch nicht immer der Fall; Heimniederlagen gegen Tabellenvorletzte waren immer wieder eine besondere Spezialität der 05er. Mit Dortmund und Augsburg kommen nun zwei auswärtsstarke Teams nach Mainz, sie stehen mindestens auf einer Stufe mit dem 1. FC Köln. Dann kommt mit Bremen der nächste schwächere Gegner. Die 05er können zeigen, ob sie auch gegen die Großen gewinnen können, sie können zeigen, ob sie auch weiterhin konsequent die Kleinen schlagen. Sie können sich nach dem erneuten Abrutschen von Platz 8 (11., 15. Spieltag) auf Platz 11 (14., 17. Spieltag) im Mittelfeld wieder stabilisieren, sich wieder in der oberen Tabellenhälfte festsetzen. Oder das untere Drittel heranrücken lassen. Kurzfristig wird das - sofern vorhanden - die Heimstärke entscheiden.

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