Heimspiele um die Copa América

Christian Karn. Mainz.
Ein auf gewisse Weise ungewöhnlicher Wettbewerb beginnt am Donnerstag in Chile: Die Copa América, die Kontinentalmeisterschaft der südamerikanischen Nationalteams, ist das einzige derartige Turnier ohne Qualifikation; sie hat mehr Teilnehmer, als es Mitglieder gibt im zuständigen Verband CONMEBOL. Eine Schlüsselrolle im Team des Gastgebers wird ein Profi des FSV Mainz 05 spielen: Verteidiger Gonzalo Jara soll dazu beitragen, dass Chile endlich die Copa gewinnt.

Die Copa América, die Kontinentalmeisterschaft Südamerikas, ist das zweitälteste Nationalmannschaftsturnier der Welt. Spätestens seit 1916, nach anderer Lesart vielleicht sogar schon seit 1910, wird in einem unregelmäßigen Rhythmus um die Copa gespielt; von 1987 bis 2001 alle zwei Jahre, dann erst wieder 2004 und 2007, seither im Vier-Jahres-Rhythmus - und außer der Reihe schon 2016 zum nächsten Mal, anlässlich des 100. Jubiläums des Wettbewerbs. Nur das olympische Fußballturnier ist noch älter.

Gewonnen haben bisher ausschließlich südamerikanische Mannschaften, was nicht so selbstverständlich ist, wie es klingt: Weil der Kontinent nur aus 13 Nationen besteht, von denen Guyana, Surinam sowie Trinidad und Tobago (und auch das fußballerisch autonome Französisch-Guayana) dem nord- und mittelamerikanischen Verband CONCACAF angehören, gibt es nicht nur keine Qualifikation; der südamerikanische Verband CONMEBOL lädt sogar seit 1993 Gastmannschaften ein, um das Turnier mit drei Vierergruppen besetzen zu können. Stammgast Mexiko - seither immer dabei - stand bereits zweimal im Finale, verlor aber 1993 1:2 gegen Argentinien und 2001 0:1 gegen Kolumbien.

Die Mexikaner spielen auch in diesem Jahr mit; außerdem empfing Japan eine Einladung. Weil die Asiaten aber kein Interesse hatten und China wegen der gleichzeitigen WM-Qualifikationsspiele die Zusage zurückzog, ist zum ersten Mal Jamaika dabei.

Bei der Weltmeisterschaft schied Gonzalo Jara mit Chile erst im Elfmeterschießen gegen Brasiien aus. Sollten beide Gruppensieger werden, würde der Mainzer Verteidiger den Brasilianer David Luiz frühestens im Spiel um Platz 3 sehen. Foto: imagoFür einen Spieler des FSV Mainz 05 könnte das diesjährige Turnier eine Möglichkeit sein, sich ins Schaufenster zu stellen: Der chilenische Verteidiger Gonzalo Jara spielte in der Schlussphase der Saison überhaupt keine Rolle mehr bei Martin Schmidt; bei einem Wechselwunsch, so heißt es, würden die 05er mit sich reden lassen. Aber auch um sich in Mainz doch noch durchzusetzen, könnte ein starker Auftritt beim internationalen Turnier durchaus hilfreich sein. Andererseits bietet sich den Chilenen die Chance, vielleicht auch dank des Heimvorteils erstmals die Copa zu gewinnen: Ihr Nationalteam spielte bereits 36 Mal mit (nur Uruguay und Argentinien waren häufiger dabei), war auch schon viermal Zweiter (1955, 1956, 1979 und 1987), ist aber neben Ecuador und Venezuela eines von nur drei CONMEBOL-Mitgliedern, die das Turnier noch nie gewannen. Die Chilenen gelten nicht als Topfavorit, aber als Kandidat fürs Endspiel.

Als härteste Konkurrenten werden neben den obligatorischen Favoriten Argentinien und Brasilien die Kolumbianer gehandelt, die im vergangenen Jahr eine überragende Weltmeisterschaft spielten, nur mit Pech am Gastgeber Brasilien scheiterten, mit James Rodríguez den Star des Turniers in ihren Reihen hatten und nun auch den im Sommer 2014 verletzten Torjäger Rádamel Falcao wieder aufstellen können. Dem Titelverteidiger Uruguay, sonst auch immer einer der üblichen Verdächtigen, wird diesmal kein ganz großer Wurf zugetraut; der Superstar Luis Suárez, der gerade erst das Champions-League-Endspiel entschieden hat, ist für Pflichtspiele der Nationalmannschaft nach seinem Biss in die Schulter des Italieners Giorgio Chiellini immer noch gesperrt. Edinson Cavani von Paris Saint-Germain könnten in der Offensive die hochklassigen Nebenleute fehlen.

Völlig unklar ist freilich, wie sich die Partie zwischen dem FC Barcelona und Juventus Turin am Samstag auf das Turnier auswirkt: Sieben teils für ihre Nationalmannschaften nahezu unverzichtbare Spieler verpassten wegen des europäischen Endspiels die Vorbereitung auf die Copa und stoßen erst in diesen Tagen zu ihren Auswahlteams: Chile musste bisher auf den Torwart Claudio Bravo (Barça) und den Topstar Arturo Vidal (Juventus) verzichten. Argentinien bereitete sich ohne die Reserve-Angreifer Carlos Tevez und Roberto Pereyra (beide Juventus), den wichtigen Mittelfeldarbeiter Javier Mascherano und natürlich ohne den mehrmaligen Weltfußballer des Jahres Lionel Messi (beide Barça) vor, Brasilien schließlich ohne den wichtigsten Stürmer Neymar, der am Samstagabend in Berlin das dritte Tor für die Katalanen schoss.

Im Nationalteam verteidigt Jara in der Regel links in der Dreierkette. In dieser dürfte er aller Wahrscheinlichkeit nach dem Abwehrchef Gary Medel (Inter Milan) und Eugenio Mena (Cruzeiro Belo Horizonte) begegnen; rechts spielt Isla oder Miiko Albornoz von Hannover 96 und links Jean Beausejour vom Hauptstadt-Klub CSD Colo-Colo. Im Mittelfeld sind neben Vidal die Brasilien-Profis Charles Aránguiz (SC Internacional) und Jorge Valdivia (SE Palmeiras) sowie der Hamburger Relegationsheld Marcelo Díaz Kandidaten für die Stammplätze. Vorne spielt wohl Eduardo Vargas (SSC Neapel) neben Alexis Sánchez (Arsenal FC).

Chile eröffnet das Turnier mit der Partie gegen Ecuador, die nach deutscher Zeit in der Nacht von Donnerstag auf Freitag um 1.30 Uhr angepfiffen wird. Um die gleiche Uhrzeit beginnen auch die weiteren Gruppenspiele gegen Mexiko, den wohl stärksten Herausforderer im Rennen um den Gruppensieg, am frühen Dienstagmorgen und gegen Bolivien in der Nacht auf Samstag. Das Endspiel findet am 4. Juli um 22 Uhr deutscher Zeit statt.

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