Große Generationen

Christian Karn. Mainz.
Für bleibende Geschichten war Eintracht Frankfurt schon immer zu haben, im Misserfolg auf höchstem Niveau noch etwas mehr als im Erfolg: Die größten Legenden der Eintracht haben 1960 als großer Außenseiter das spektakuläre Europapokalfinale gegen Real Madrid und 1992 als großer Favorit das de-facto-Endspiel um die Deutsche Meisterschaft in Rostock verloren. Die heutige Generation wird heute abend versuchen, als Tabellendritter in die Winterpause zu gehen; dafür braucht sie einen Sieg gegen Mainz 05 und eine Menge Schützenhilfe. Einen Titel wird auch diese Generation eher nicht holen, aber sie könnte das Zeug zur nächsten lokalen Legende haben.

Das Fußballjahr des FSV Mainz 05 endet wenige Tage vor Weihnachten mit dem Derby. Mit der Begriffsdefinition und -anwendung wollen wir uns an dieser Stelle nicht weiter aufhalten. Dafür haben wir ja in einem knappen halben Jahr das Rückspiel, in dem es so richtig um etwas gehen kann. Überhaupt: Mainz - Frankfurt am 33. Spieltag, Köln - Mainz am 34., da kann eine Menge Europapokal auf dem Spiel stehen, für wen auch immer. Das kann hochinteressant werden im Frühling 2017.

Erst einmal aber beginnen morgen der Winter und für die beiden Rhein-Main-Rivalen nach ausnahmsweise nur 16 Spieltagen die Winterpause. Und während die Mainzer morgen auf ein nicht im Übermaß erfolgreiches, aber angesichts schwieriger Umstände auch nicht unerfreuliches Jahr und 20 bis 23 Bundesligapunkte zurückblicken werden, hat die Eintracht heute durchaus Hoffnung, (mit einiger Hilfe durch den FC Augsburg, Darmstadt 98 und Werder Bremen - überragend realistisch ist es nicht) als Tabellendritter zu überwintern.

Es ist erstaunlich, was die neuen Chefs - Vorstand Fredi Bobic und Cheftrainer Niko Kovac zusammen mit dem nicht mehr so neuen Sportdirektor Bruno Hübner - auf die Beine gestellt haben. Nach 15 Spieltagen ist es zu früh für endgültige Urteile, aber denkbar ist es schon, dass die aktuelle Generation der Eintracht in den Vereinsannalen ein bleibendes Kapitel rechtfertigen wird.

Es wäre nicht die erste große Mannschaft eines oft schillernden, bisweilen zwar zur Hektik neigenden, selten langweiligen Vereins, der sich durchaus viel auf seine Geschichte einbildet. Auf die Meisterelf von 1959, die ein Jahr später als Amateurkickertruppe die Glasgow Rangers im Halbfinale des Landesmeisterpokals 6:1 und 6:3 abschoss und den Profis von Real Madrid ein schier unglaubliches Endspiel lieferte. Die Weltstars Alfredo di Stéfano und Ferenc Puskás trafen sieben Mal gegen den kaufmännischen Angestellten Egon Loy im Eintracht-Tor, "wir haben uns [nach dem Spiel] Autogramme von Real geben lassen", erzählte Loy Jahrzehnte später. Immerhin: Richard Kress hatte die Mannschaft des ehemaligen 05-Trainers Paul Oßwald vor rund 130.000 Zuschauern im Hampden Park 1:0 in Führung gebracht, Erwin Stein traf zum 2:6 und 3:7. Der große Bobby Charlton wird zitiert, er habe das Spiel im ersten Moment für einen Schwindel gehalten, "einen Film, weil diese Spieler Dinge taten, die nicht möglich sind" und Alex Ferguson, damals 18 Jahre alt, soll sich wegen dieser Partie endgültig für den Profifußball entschieden haben. Loy, Stein und Kress, Friedel Lutz und Hermann Höfer, Hans Weilbächer, Hans-Walter Eigenbrodt und Dieter Stinka, Dieter Lindner, "Don Alfredo" Pfaff und Erich Meier sind bleibende Namen bei der Eintracht.

Dennoch ist die Eintracht seither kein Verein, der Titel sammelt. Die Generation der 1970er mit den Weltmeistern Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein auf den Flügeln, mit dem torgefährlichen Mittelfeldspieler Bernd "Doktor Hammer" Nickel, mit dem jungen Charly Körbel in der Abwehr, der viel später Bundesliga-Rekordspieler wurde, gewann immerhin zweimal nacheinander den DFB-Pokal, hoffte 1974 auch auf die zweite Meisterschaft, scheiterte aber an der Auswärtsschwäche. Weiterhin mit Körbel, Nickel und Hölzenbein, mit Bruno Pezzey und Bum-Kun Cha, im Endspiel aber ohne den schwer verletzten Grabowski gewann die Eintracht 1980 gegen Borussia Mönchengladbach den UEFA-Pokal, 1981 und 1988 weitere zweimal den DFB-Pokal - seitdem nichts mehr.

Das Ende eines Traums, zugleich der Höhe- und Tiefpunkt einer Legende: Bundesliga-Rekordspieler Charly Körbel verpasste mit der Eintracht 1992 in Rostock die eigentlich hochverdiente Deutsche Meisterschaft und bekam keine zweite Chance mehr. Foto: imagoDas liegt am Drama von Rostock, dem die wahrscheinlich zweitspektakulärste Eintracht-Mannschaft zum Opfer fiel, eine letztlich gescheiterte Mannschaft, die vielleicht erst durch ihr Scheitern zum Mythos wurde. Ein undisziplinierter, unkontrollierbarer Haufen, eine in der Bundesliga überragende Mannschaft: Im Tor der humorlose schlechte Verlierer Uli Stein. Vor ihm der nie konstante, an guten Tagen grandiose Libero Manni Binz, an seiner Seite der unendlich bodenständige, unentbehrliche Manndecker Uwe Bindewald, vorne der launische Sprinter Andreas Möller, der fabelhafte Torjäger Anthony Yeboah, das Schlitzohr Axel Kruse, der Abstauber Jörn Andersen. Und in der Mitte der Mannschaft Uwe Bein, der König des tödlichen Passes. "Fußball aus dem Jahr 2000" nannte 1991 der Karlsruher Michael Harforth das Spiel der Eintracht. Elf Freunde waren das nicht. Sie machten sich auf dem Platz bei kleinen Provokationen schon gegenseitig nieder, und zwischendrin spielten sie die Bundesliga in Grund und Boden. "Einen Trainer", fand der damalige Vizepräsident Hölzebbein, "braucht diese Mannschaft nicht." Aber jemanden, der die Bande bei Laune hält, kleinen Zirkus duldet, großen Krach entschärft, der aufpasst, dass sie sich nicht auf dem Weg zur Meisterschaft verzettelt. Das war Dragoslav Stepanovic, der Serbe aus Rekovac, das nicht irgendwo zwischen Seckbach und Sossenheim liegt, wenn "Stepi" auch so klang. "Hab ich neue Mann in de Spiel geworfe", sagte der mal zu jener Zeit, "und patsch, hammer gewonne." Ein Spiel fehlte am Ende, um den ersten Titel in der Bundesliga zu holen, ein Auswärtssieg in Rostock. Formsache? Beim Stand von 1:1 verweigerte Schiedsrichter Alfons Berg der Eintracht einen ganz schön eindeutigen Elfmeter. Und die Eintracht verlor. Berg war sicherlich nicht alleine schuld an der verpassten Meisterschaft; an ihm lag's sicherlich nicht, dass es in dieser 76. Minute nicht längst 3:1 stand, an ihm lag's nicht, dass die Eintracht den Elfmeter dringend gebraucht hätte. Er gehört aber zur Legende einer Mannschaft, die schnell zerbrach, die keinen zweiten Versuch mehr bekam. "Lebbe geht weiter" sagte zwar Stepanovic in der Rostocker Pressekonferenz, aber der Fußball 2000 war dahin.

Und heute? Ein Meisterschaftskandidat ist die Eintracht nicht. Ein Europapokal-Kandidat? Vielleicht, aber sie sollte gewarnt sein: 2011 stürzte sie als Winter-Siebter ab in die 2. Liga; nach 33 Bundesligajahren am Stück ihr vierter Abstieg binnen 15 Jahren. Auf jeden Fall wieder eine aufregende Mannschaft, aufregender, als manchem Gegner lieb ist. Kovac sah sich in den vergangenen Tagen genötigt, seine Mannschaft gegen ein Treter-Image zu verteidigen, von normaler Härte zu sprechen: "Es gab eine Aktion im Spiel gegen Hoffenheim, das war Rot", räumte der Trainer ein; David Abraham kam ohne Platzverweis davon. "Der Rest ist Bundesliga" - sicherlich aber nicht weit entfernt von der Grenze des Hinnehmbaren. Zwar ist der gefürchtete Carlos Zambrano nicht mehr da, der fußballerisch überdurchschnittliche, aber durchaus nicht immer sportlich faire Peruaner spielt inzwischen in Russland, aber mit Michael Hector, Jesús Vallejo, Omar Mascarell (der zusammen mit dem 05er José Rodríguez bei Real Madrid ausgebildet wurde) sind einige spannende Spieler dazugekommen. Was dieser Truppe fehlt, das ist der alte Lokalkolorit. Und vielleicht die Nachhaltigkeit: Hector, Vallejo, auch Ante Rebic, auch Shani Tarashaj, auch Guillermo Varela sind ausgeliehen. Möglicherweise sind sie alle im Sommer wieder weg. In der Chronik bleiben sie vielleicht bestehen.

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