Große Gefühle auf dem Zaun

Jörg Schneider. Mainz.
Mit der Zeremonie auf dem Zaun vor der Südtribüne der Opel Arena nach gewonnenen Heimspielen ist es ähnlich wie mit der sportlichen Entwicklung von Neuzugängen: Es braucht eine Weile, bis es passt. Bei Jonas Lössl passt es jetzt sportlich. Der Torhüter des FSV Mainz 05, der im Derby gegen Darmstadt 98 einen Elfmeter parierte und mit einer starken Leistung den Vorsprung hielt, durfte nach dem 2:1-Sieg die Humba anstimmen. Ein Zeichen dafür, dass der bislang eher kritisierte neue Schlussmann nun auch bei den Fans angekommen ist. „Es ist ein großes Gefühl im Moment“, sagte der 05-Keeper danach mit leuchtenden Augen.

Auf die richtige Ecke spekuliert, abgetaucht, Hand raus, gehalten: Jonas Lössl parierte den Strafstoß des Darmstädters Antonio Colak. Foto: Ekkie VeyhelmannSeine Augen leuchteten noch lange nach dem Spiel, als Jonas Lössl in der Mixed Zone der Opel Arena stand, geduldig alle Fragen der Journalisten beantwortete und den diversen Medien immer wieder die Szene kurz vor der Halbzeitpause erklären musste. Klar, ein solcher gehaltener Elfmeter rückt den Torhüter einer Mannschaft immer in den Mittelpunkt. Für den 27-jährigen Dänen im Tor des FSV Mainz 05 war dieses Derby am Sonntag gegen den SV Darmstadt 98 aber so etwas wie ein Befreiungsschlag. Lössl hatte entscheidenden Anteil am 2:1-Sieg seiner Mannschaft, hielt den von Antonio Colak flach vom Schützen aus gesehen ins rechte Ecke getretenen Strafstoß, rette später gegen den Lilien-Mittelstürmer überragend aus kurzer Distanz. In komplizierten Spielen muss der Torhüter auch mal die Mannschaft retten, sagen Trainer gerne. Diesmal sorgte nicht zuletzt Lössl dafür, dass die 05er mit dem ersten Heimsieg, nunmehr elf Bundesliga-Punkten in die Englische Woche starten und sich ein gutes Gefühl für die Europapokal-Partie am Donnerstag im eigenen Stadion gegen den RSC Anderlecht holen konnten.

Es hat eine Weile gedauert, bis die Anhänger des FSV Mainz 05 richtig warm geworden sind mit ihrem neuen Torhüter. Die Fußstapfen, die Loris Karius, in der vergangenen Saison einer der herausragenden Keeper in Deutschland, hinterlassen hat, waren groß für Jonas Lössl, den Nachfolger zwischen den 05-Pfosten. Spätestens mit dieser Leistung ist der 27-Jährige Däne endgültig angekommen in seiner neuen Umgebung. Elfmeter gehalten, später den Vorsprung mit einem überragenden Reflex gesichert, insgesamt überzeugt  mit seinem unaufgeregten, präsenten und souveränen Spiel.  „Es ist ein großes Gefühl im Moment“, sagte der 05-Keeper danach. „Wir haben gewonnen. Wir haben den Vorsprung gehalten. Darüber haben wir geredet, dass wir zuletzt eine gewisse Tendenz hatten, nach eigener Führung Gegentore einzufangen. Heute haben wir einen wirklich guten Job gemacht da hinten. Trotz des Elfmeters am Ende. Den vergessen wir am besten.“ Niko Bungert war der Unglücksrabe, der in seinem 200. Bundesligaspiel kurz nach seiner Einwechslung als zusätzliche Absicherung im Strafraum angeschossen worden war und dafür einen höchst fragwürdigen Elfmeterpfiff hinnehmen musste. „Heute freue mich über diesen Sieg“, sagte Lössl, der sich nicht über den Gegentreffer ärgern wollte, der das Zu-Null-Spiel verhinderte. „Dass der zweite Elfmeter reingegangen ist, war nicht so schlimm. Es war ein Strafstoß, kein Gegentor aus dem Spiel heraus. Wenn wir einen taktischen Fehler begangen oder einen entscheidenden Zweikampf verloren hätten, dann hätten wir etwas, über das wir reden müssten. So war es einfach eine blöde Situation. Kann passieren. Ich persönlich bin einfach nur glücklich, heute einige Bälle gehalten zu haben, die Punkte gebracht haben. Das ist mein Job. Und den habe ich heute gemacht“, so der Torhüter.

"So soll er ruhig bleiben"

Zur Belohnung durfte Lössl dann nach der Partie auf den Zaun der Südtribüne und vor dem Fan-Block die Humba anstimmen, brauchte bei dieser Premiere allerdings noch einen Souffleur. „Ich wusste, dass das hier eine große Tradition hat, wusste aber nicht, wie das geht“, sagte der blonde Tormann später. „Jetzt weiß ich es, und es war fantastisch. Jetzt kann ich mit den anderen singen, wenn wir wieder da stehen.“ Die Anerkennung der Anhänger war dem Dänen schon wichtig nach der teilwiese ungerechtfertigten Kritik an seinem Spiel. Auch wenn er die Thematik herunterspielte, sich nicht intensiv mit der Kritik befasst haben wollte. Die Vergleiche mit Karius, der nach einer überragenden vergangenen Saison zum FC Liverpool gewechselt war, dürften den Dänen schon gewurmt, vielleicht aber auch angestachelt haben. „Es war am Anfang schon etwas hart. Ich weiß aber, dass es immer schwierig ist, in eine neue Umgebung zu kommen“, sagte der Profi, der als Stammkeeper vom französischen Erstligisten EA Guingamp nach Mainz gekommen war. Sein Ex-Klub twitterte nach dem Derby prompt erste Glückwünsche. „Ich fühle mich jetzt mehr und mehr heimisch. Die Jungs kennen mich nun besser und ich sie auch. Sie unterstützen mich die ganze Zeit. Ich habe vorher im Fernsehen gesehen, dass jemand gesagt hat, es gebe viel Kritik an mir. Aber das ist klar. Das Ganze ist Unterhaltung. Die Leute dürfen ruhig kritisieren, wenn einer besser spielt und einer weniger. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich nun meine eigenen Erfahrungen mache.“

Lössl genoss die Stimmung, die seine Leistung würdigte und die ihn in seiner Entwicklung weiterbringe, wie er sagte. Einen besonderen Trick habe er nicht beim Elfmeter. „Wenn ich einen Trick hätte, würde ich ihn nicht verraten. Ich glaube, es ist einfach Gefühl und Spekulation. Du schaust auf den Schützen und musst irgendwie die Oberhand gewinnen. Wenn das klappt, dann hast du es. Das ist ein Moment-Gefühl. Für einen Torhüter ist es die größte Chance, sich zu zeigen“, erklärte die Mainzer Nummer eins.

Ein Sonderlob erhielt der Keeper vom eigenen Sportdirektor. „Er hat einen richtig guten Schritt Richtung Stabilität gemacht“, betonte Rouven Schröder. „Er strahlt Präsenz aus mit einem soliden und einfachen Spiel. Er ist nicht so der Emotionstorhüter, der alles in Sacke und Asche schreit. So soll er ruhig bleiben.“ Lössl sei ein komplett anderer Spielertyp als Loris Karius, der sich über die Zuschauer hochgezogen habe und über die Aggressivität gekommen sei. Der Ex-05-Torhüter  war stets besonders motiviert, je größer die Kulisse, je emotionaler die Partie lief. „Für Jonas war das jetzt sehr wichtig, für die Mannschaft da gewesen zu sein und den Vorsprung gehalten zu haben“, sagte Schröder. „Weil der Start nicht so gut war und bei den Zuschauern schon das Rumoren losgegangen war.“ 

 

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