Gleichgewichtsstörung

Jörg Schneider. Mainz.
An diesem Dienstag treffen sich die Bundesliga-Schiedsrichter in Mainz zur turnusmäßigen Bestandsaufnahme. Ein Thema, das beim 1:1 des FSV Mainz 05 in Mönchengladbach zum wiederholten Male heftigst diskutiert wurde, dürfte einer der Tagesordnungspunkte in der Sitzung der Unparteiischen sein: Wann ist ein Handelfmeter ein Handelfmeter? Die Bundesligisten sind sich weitgehend einig darüber, dass aufgrund der Häufigkeit der Streitfälle irgendetwas passieren muss. Aber was?

Diskussionen um den Elfmeterpfiff nach der Flanke von Junior Diaz: Schiedsrichter Manuel Gräfe im Gespräch mit Christoph Kramer (links) und Patrick Herrmann. Foto: ImagoSieben Spieltage ist diese Bundesligasaison nun alt, und es drängt sich das Gefühl auf, dass es kaum noch eine Partie gibt, in der am Ende nicht über Handspiele und daraus resultierende Elfmeter diskutiert wird. Oder darüber, warum die Schiedsrichter diese Situationen so unterschiedlich bewerten. Absicht, unnatürliche Haltung, Körperfläche vergrößern. In einem Falle erfolgt der Pfiff, in anderen Fällen nicht. In einem Interview mit Sky Sport News HD meldete sich auch Jürgen Klopp zu Wort. „Das Problem ist nicht die Regel, sondern die Auslegung. Die Schiedsrichter müssen mit zu viel Spielraum agieren. Dass sich Lucien Favre aufregt, kann ich absolut nachvollziehen. An die Regel muss drangegangen werden, sie ist noch nicht hundertprozentig", sagte der BVB-Trainer.

Entzündet hatte sich die neuste Diskussion an der Flanke von Junior Diaz, die der Gladbacher Julian Korb an die Hand bekam. Schiedsrichter Manuel Gräfe wertete die Aktion als elfmeterwürdig. Jonas Hofmann verwandelte den Strafstoß zum 1:1 für den FSV Mainz 05 und sicherte seinem Team damit  den Punktgewinn im Borussia-Park.

Nachher ereiferte sich Lucien Favre darüber. Der Gladbacher Trainer sprach von einem Skandal und wurde grundsätzlich. „Die Regel ist absurd. Das hat nichts mit Fußball zu tun.“ Man müsse sich das doch mal in den einzelnen Szenen anschauen, wie die Verteidiger mit hinter dem Rücken verschränkten Armen im Strafraum herumliefen. Ohne Gleichgewicht und bedacht darauf, nicht angeschossen zu werden. „Diese Regel ist unfair. Diese Regel hilft dem Fußball nicht. Das ist kein Fußball. Das hat sich jemand ausgedacht, der noch nie Fußball gespielt hat“, sagte Favre und fügte hinzu: „Ich werde ab jetzt nicht mehr darüber sprechen.“

05er dreimal betroffen

Die Häufigkeit, mit der Trainer, Spieler und Verantwortliche dann aber doch darüber sprechen müssen, ist auffällig. Alleine das Team von Kasper Hjulmand war in Mönchengladbach nun bereits zum dritten Mal direkt von einer entsprechenden Regelauslegung der Unparteiischen betroffen. Beim 3:1 in Berlin hatte Niko Bungert beim Abwehrversuch den Ball an den Arm bekommen - Strafstoß. Ähnliches war Shinji Okazaki beim 2:0 gegen Borussia Dortmund passiert. Loris Karius hatte den Strafstoß dann von Ciro Immobile gehalten. In Gladbach profitierten die 05er nun von der Regelauslegung. Eintracht Frankfurt hat beim Spiel auf Schalke sogar beide Varianten kennengelernt. Ein eigenes Handspiel führte zum Elfmeter gegen die Frankfurter, ein klares Schalker Handspiel blieb dagegen ungeahndet.

„Es sind immer die gleichen Situationen“, sagte Christian Heidel in Mönchengladbach. „Ich kann da gar nicht mehr drüber reden und verkneife es mir, auch diese Szene nun zu bewerten.“ Der 05-Manager ist genervt von den ewigen Diskussionen und von den Erklärungen, warum das in einem Fall so gepfiffen wurde und in einem anderen Fall nicht. „Diesen Mist von der Vergrößerung der Köperfläche kann ich nicht mehr hören. Als Kind habe ich gelernt: Wenn die Hand zum Ball geht, ist es Hand, ansonsten angeschossen. Darüber diskutieren wir wahrscheinlich noch in zehn Jahren.“

Denn Klarheit gibt es anscheinend nicht. Das Ganze ist eine eher schwammige Geschichte. „Die Schiedsrichter haben dabei einen Vorteil“, sagte Heidel, der dies nicht als Vorwurf an die Referees richtet, „sie haben immer Recht.“ Und die Spieler seien verunsichert, sagte Stefan Bell nach der Partie im Borussia-Park. „Es ist schwer für die Schiedsrichter. Undankbar. Das Problem ist, dass es identische Situationen gibt. In dem einen Spiel pfeift der eine so und im anderen Spiel der andere so.“ Das habe zur Folge, dass er als Verteidiger intuitiv die Arme hinter den Rücken bringe, wenn die Flanke in den Strafraum komme, um kein Risiko einzugehen. Das könne nicht Sinn und Zweck des Ganzen sein. In der Besprechung mit den Schiedsrichtern, die jede Mannschaft vor der Saison vollzog, habe es geheißen, so etwas sei nicht notwendig, die Sache sei klar geregelt. Danach sieht es nicht aus, wenn man den Beteiligten Glauben schenkt. „Ich weiß nicht“, sagte Bell, „ob es einfach öfter vorkommt oder nur strittiger gepfiffen wird.“

Die Regel ist relativ einfach formuliert, doch das Frustpotenzial ist groß, weil das, was auf dem Papier einfach klingt, im Spiel halt eben nicht so einfach zu entscheiden ist. Vor allem auf die Schnelle. Denn am Ende bleibt nur der subjektive Ermessensspielraum des Schiedsrichters. Daran wird wahrscheinlich weder diese neuerliche Debatte noch die Schiri-Tagung in Mainz viel ändern.

► Alle Artikel zur Saisonarbeit

► Zur Startseite