Geordneter Rückzug

Christian Karn. Mainz.
1974 führte der DFB die Zweite Bundesliga ein. Der FSV Mainz 05 war einer von 40 Zweitligisten der ersten Saison - und der erste, der existenzielle Probleme bekam. Das Publikum nahm nicht nur in Mainz die Liga nicht so an wie erhofft; der in Zeiten, in denen der Etat nicht größtenteils aus Fernsehgeld bestand, enorm wichtige Zuschauerschnitt blieb weit unter der 10.000er-Marke, aber die Kosten stiegen. Die nullfünfMixedZone erzählt heute im achten Kapitel ihrer Serie "Geschichten von früher", wie es dazu kam, dass die 05er nicht mehr in der Lage waren, den Spielbetrieb zu stemmen, und wie sie sich als erster von mehreren Vereinen freiwillig aus der 2. Liga verabschiedeten.

Günther Rybarczyk und Erwin Hohenwarter kamen zur Saison 1973/74 von den beiden Münchner Vereinen.1973 verpasste der FSV Mainz 05 zum ersten Mal den Aufstieg in die Bundesliga. Einen zweiten Anlauf gab es erst einmal nicht, was mit einer Ligareform zusammenhing. Anstelle der fünfgleisigen Regionalliga wurde 1974 die zweigleisige 2. Bundesliga eingeführt. Die Qualifikation schafften die 05er mühelos. Viel ändern mussten sie ohnehin nicht. "Wir haben etwas zu verteidigen und sind uns darüber im Klaren, dass wir als Meister gehetzt werden. Im Vergleich zu den Vorjahren haben wir bewusst die Zahl der Neuverpflichtungen reduziert. Die Harmonie des eingespielten Teams soll nicht gestört werden", erklärte Josef Pohl, der Leiter der Vertragsspielerabteilung (und Geschäftsführer des Hauptsponsors Blendax). Zunächst war der junge Verteidiger Günther Rybarczyk, der mit Bayern München zwei Deutsche Meisterschaften gewonnen, aber nur sechs Spiele absolviert hatte, der einzige Neuzugang. Erst als eine Woche vor Saisonbeginn der TSV München 1860 die zwei zulässigen Ausländerplätze freiräumen musste, um zwei Jugoslawen zu verpflichten, holten die 05er auch zu sehr günstigen Konditionen den österreichischen B-Nationalstürmer Erwin Hohenwarter. Mit überragenden 88 Toren, aber zu vielen Gegentoren wurden die 05er Fünfter im letzten Regionalligajahr. Das reichte.

Zum ersten Mal spielten die 05er nicht in ihrem gewohnten Biotop, der schon immer schwachen Südwestliga. Es gab neue starke Gegner: Den ehemaligen Bundesligisten Karlsruher SC, der 1968 abgestiegen ist, seither nur zweimal nicht Meister oder Vizemeister der Regionalliga Süd war und in der Debütsaison der 2. Bundesliga den Wiederaufstieg schafft. Den TSV München 1860, der 1966 Deutscher Meister war und 1970 abgestiegen ist. Den Deutschen Rekordmeister 1. FC Nürnberg, 1969 als aktueller Meister abgestiegen, was außer ihm nie jemand geschafft hat. Einstige Topvereine wie die SpVgg Fürth, die Stuttgarter Kickers, Chio Waldhof. Für die sieben Südwestklubs in der 20 Vereine umfassenden Liga wurde das Leben viel schwerer als gewohnt. 

Der FK Pirmasens machte seine Sache noch am besten: Die Südpfälzer wurden mit einem nur 15 Mann umfassenden Stammkader Vizemeister hinter dem KSC. Dieter Weinkauff, der großartige Rhythmusgeber und Torjäger des FKP, wäre so drei Jahre nach der Rückkehr aus Dortmund beinahe in die Bundesliga zurückgekommen; Pirmasens verlor aber die Relegation gegen den Nord-Zweiten Bayer 05 Uerdingen - der damit vier Jahre vor dem Bruderverein aus Leverkusen erstmals in der Bundesliga auftauchte. Borussia Neunkirchen und Wormatia Worms stiegen ab. Der FC Homburg und Röchling Völklingen mussten lange um den Klassenverbleib bangen. Der 1. FC Saarbrücken (Platz sieben) und der FSV Mainz 05 etablierten sich in der Liga.

Neuer Trainer, neues Team

Der erste Kader, mit dem Mainz 05 in der 2. Bundesliga spielte. Hinten v.l. Willi Löhr, Herbert Scheller, Gerd Schwickert, Helmut Zahn, Paul Göppl, Jürgen Richter, Herward Koppenhöfer. Mitte v.l.: Werner Nickel, Günther Rybarczyk, Erwin Hohenwarter, Herbert Renner, Sigi Köstler, Franz-Peter März, Trainer Uwe Klimaschefski. Vorne v.l.: Gerd Klier, Wolfgang Kneib, Wolfgang Orben, Gerd Schmidt.Dafür hatten sie noch einmal groß eingekauft. Zunächst musste ein neuer Trainer her: Bernd Hoss war zum FK Pirmasens gewechselt und hatte den Defensivallrounder Torben Nielsen mitgenommen. Die 05er entschieden sich für ein Unikum aus Norddeutschland, das inzwischen im Saarland heimisch geworden war: Uwe Klimaschefski, der als Bundesligaprofi bei Hertha BSC und dem 1. FC Kaiserslautern ein Knochenbrecher alter Schule war und später als Trainer des FC Homburg einerseits den am ersten Pfosten mit dem Kopf verlängerten kurzen Eckball erfand, andererseits kein Trainingsspiel beendete, bevor die Mannschaft, in der er spielte, gewonnen hatte. Der prominenteste neue Spieler war der Herward Koppenhöfer, der sich mit der Routine von 213 Bundesligaspielen für den FCK, Bayern München, den VfB Stuttgart, die Offenbacher Kickers und Hertha BSC als Manndecker etablierte. Vom FC St. Pauli kamen der Mittelfeldspieler Werner Nickel und der Stürmer Siegfried Köstler (26 Bundesligaspiele für Borussia Dortmund) für die linke Seite. Der erfahrene Libero Gerd Schwickert kam vom SV Alsenborn, der die Zweitliga-Qualifikation verpasst hatte, vom Liga-Konkurrenten FSV Frankfurt kam der Spielmacher Franz-Peter März.

Die Saison begann mit Streit. Nach einem 2:0 gegen Bayern Hof und einem 0:3 beim 1 FC Nürnberg kam der FCK zu einem Testspiel an den Bruchweg, aber nur 1.000 Zuschauer wollten die Partie sehen. "Wir durften damit rechnen, dass der FCK mit seiner prominenten Neuerwerbung Hellström zumindest soviel Zuschauerinteresse erwecken würde, dass wir mit den Einnahmen unsere Unkosten decken konnten. Leider war das nicht der Fall. Das führt zur Konsequenz, künftig keine derartigen Privatspiele mehr abzuschließen." Schon nach acht Spielen flog der neue Trainer hochkant raus. Das Gerücht ging, Klimaschefski hätte nicht nur die Mainzer beim 1:2 in Pirmasens gecoacht, sondern tags drauf den FC Homburg in Neunkirchen. Der Vorstand stellte draufhin den Trainer zur Abwahl und die Profis entschieden bei einer Enthaltung mit 16:0 Stimmen gegen Klimaschefski. "Wir sind von einer zentnerschweren Last befreit", wurde Vorstopper Willi Löhr zitiert. Und der Manndecker Herbert Scheller erläuterte: "Es gibt sicher niemanden, der nicht froh über die Trennung wäre. Klimaschefskis Training war in Ordnung, aber menschlich stimmte es nicht." Die 05-Legende Gerd Higi übernahm für drei Spiele als Interimstrainer, ehe der 35-jährige Gerd Menne, als Profi Bundesliga-Verteidiger beim VfB Stuttgart, anschließend schon mit 30 Jahren Trainer der Stuttgarter Kickers und danach bei Eintracht Bad Kreuznach, am zwölften Spieltag seinen Einstand gab.

Die meisten Tore, die zweitmeisten Gegentore

Die Mannschaft, mit der die 05er 1975/76 in der 2. Liga gespielt hätten, wenn nicht die Hälfte gefehlt hätte. Hinten v.l.: Gerd Schwickert, Erwin Hohenwarter, Werner Nickel, Willi Ritz, Herbert Scheller, Jürgen Richter, Sigi Köstler, Helmut Zahn. Mitte v.l.: Günther Rybarczyk, Herward Koppenhöfer, Gerhard Bold, Alfred Spiegler, Paul Göppl, Eugen Hupp, Trainer Gerd Menne. Vorne v,l.: Franz-Peter März, Hermann Lutz, Wolfgang Orben, Gerd Klier. Im folgenden Jahr aber brach bei den 05ern das Chaos aus. Menne musste neben den Abgängen Wolfgang Kneib (SV Wiesbaden), Herbert Renner (Bayern Hof), Willi Löhr (Spielertrainer bei Kastel 06) und Gerd Schmidt (Germania Wiesbaden) einige Langzeitverletzte ersetzen: Manndecker Günther Rybarczyk konnte nach einer Meniskusoperation erst Ende November einsteigen. Libero Jürgen Richter fehlte fünf Monate lang und musste nach einem kurzen Comebackversuch seine Karriere beenden. Manndecker Herward Koppenhöfer und Spielmacher Franz-Peter März standen ebenfalls monatelang nicht zur Verfügung. Linksaußen Sigi Köstler schob monatelang eine Bandscheiben-OP vor sich her, in den letzten Spielen fehlten auch noch Mittelstürmer Gerd Klier, Richters Nachfolger Gerd Schwickert und Manndecker Helmut Zahn.

Menne war da schon nicht mehr dabei. Anfang Dezember trat der Trainer zwei Tage vor der Partie gegen Röchling Völklingen unter zunächst unklaren Umständen zurück; erst nach einigen Tagen stellte sich heraus, dass der frustrierte Menne beim Liga-Konkurrenten FC Augsburg bessere Arbeitsbedingungen erhoffte. Wieder sprang Higi für drei Spiele ein, dann übernahm Horst Hülß zum ersten Mal. Aber auch der ehemalige 05-Spielmacher bekam die verwöhnte Mannschaft nicht vollends unter Kontrolle.

Im März mussten die 05er schwere finanzielle Probleme publik machen. 600.000 Mark Schulden lasteten auf dem Verein, um die sich der Aufsichtsrat kümmern wollte. Die Profis forderten allerdings insgesamt Handgelder in Höhe von 606.000 Mark für Vertragsverlängerungen. Und die Zuschauereinnahmen waren in der gesamten Liga weit niedriger als erhofft; so attraktiv war Zweitligafußball am Ende einfach nicht. In Mainz wurden nur 268.000 Mark Eintrittsgeld eingenommen. Um Zeit für ein neues Finanzierungsmodell zu schaffen, vertagten die 05er den Lizenzantrag immer weiter. Mit der Perspektive, dass es trotz allem weitergehen könnte, lieferte die Mannschaft immerhin ein paar starke Spiele: Mit drei Toren innerhalb von drei Minuten glich sie in Regensburg ein 0:3 aus - das 1:3 schoss "Bimbo" Bopp, der im Winter nach fünfeinhalb Jahren zu den 05ern zurückgekommen war. Und den FSV Frankfurt, bei dem sie im Hinspiel 1:7 verloren hatten, schossen die 05er am Bruchweg 6:1 ab.

Ende Mai stellten die 05er tatsächlich den Lizenzantrag - gut zwei Wochen später zogen sie ihn wieder zurück. "Wir können es bei der gegebenen finanziellen Situation nicht verantworten, die Lizenz zu beantragen", erklärte Aufsichtsratschef und Oberbürgermeister Jockel Fuchs. Der damalige Aufsichtsrat Wolfgang Strutz, der Bruder des heutigen 05-Präsidenten Harald Strutz, erläuterte Jahrzehnte später, Blendax wäre weniger Sponsor als Mäzen gewesen. Der Verein habe Geld für teure Spieler ausgegeben, die Firma die Unterdeckungen jahrelang ausgeglichen. Nun stellte Blendax das Ultimatum: Der Zahnpastahersteller würde einen Teil der Schulden übernehmen, aber anschließend aus der Partnerschaft aussteigen. Die Mannschaft war zwar mit überwältigenden 81:92 Toren - bester Angriff und zweitschlechteste Abwehr der Liga - einen soliden Mittelfeldplatz erreicht, zog sich aber als erster Klub der jungen 2. Bundesliga freiwillig in den Amateurfußball zurück. Weitere Vereine schlossen sich in den folgenden Jahren an.

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Als nächstes erscheint: "Wir haben einen neuen Deutschen Meister - FSV Mainz 05"

 

 

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