Gelassenheit mit Pfiff

Irmela Heß. Mainz.
2418 der 72.292 Schiedsrichter in Deutschland sind Frauen. Die bekannteste ihrer Zunft ist Bibiana Steinhaus. Der FSV Mainz 05 hatte es in jüngster Vergangenheit zweimal mit weiblichen Unparteiischen zu tun. Riem Hussein aus Bad Harzburg pfiff das 2:2 im Drittligaspiel der U23 gegen den FC Magdeburg. Und die Mainzer Profis bestritten das Benefizspiel gegen TuS Framersheim unter der Leitung einer jungen Unparteiischen aus Rheinhessen: Für Fabienne Michel aus Gau-Odernheim war die Begegnung mit den Bundesliga-Fußballern vor großer Kulisse ein besonderes Erlebnis. Mit der nullfünfMixedZone sprach die 21-Jährige über ihre Schiri-Karriere.

Fabienne Michel (Mitte) mit ihrem Schiesdrichter-Gespann beim Beim Benefeizspiel des FSV Mainz 05 in Flonheim. Die 21-Jährige pfeift bei den Frauen Spiele bis zur Zweiten Bundesliga. Wer Fabienne Michel zum ersten Mal trifft, wird wohl selten ihr Hobby erraten. Die junge Frau, die zurückhaltend und ein wenig schüchtern wirkt, ist Schiedsrichterin – pfeift in der 2. Frauen-Bundesliga. Mit 13 hatte sie ihren ersten Einsatz, sie erinnert sich noch gut daran. „Es war ein D-Jugend-Spiel, und ich war ziemlich unsicher und nervös.“ Unsicher ist sie heute nicht mehr, nervös nur noch selten. Wie neulich zum Beispiel, als sie ausgewählt wurde, das Benefiz-Spiel des FSV Mainz 05 gegen TuS Framersheim zu pfeifen. „Das war ein ganz besonderes Erlebnis, weil so viele Zuschauer da waren.“

Was vor acht Jahren mit einem Lehrgang in der Projektwoche am Elisabeth-Langgässer-Gymnasium in Alzey begann, gehört mittlerweile selbstverständlich zu ihrem Alltag. An Wochenenden, aber auch innerhalb der Woche ist die 21-Jährige als Schiedsrichterin des Südwestdeutschen Fußballverbandes unterwegs, pfeift Frauen-Spiele der zweiten Bundesliga, bei den Männern wird sie bis zur Verbandsliga eingesetzt. Zusätzlich arbeitet sie – jeweils eine Klasse höher - als Schiedsrichter-Assistentin und Linienrichterin.

Frauen sind in diesem Metier eindeutig in der Minderheit: Von den rund 72.000 Schiedsrichtern sind nur rund fünf Prozent weiblich. Dass sie „Schiri-Karriere“ gemacht hat, darüber spricht Fabienne Michel in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis selten. Und so waren viele überrascht, als ihr Name im Zusammenhang mit dem Benefizspiel der 05er (für die Sturmopfer in Framersheim) auftauchte. „Ich habe es vorher niemandem erzählt, nur meine Familie wusste Bescheid.“ Und  kam  komplett mit nach Flonheim, wo das Spiel ausgetragen wurde. Dabei haben ihre Mutter und ihre drei Geschwister sonst mit Fußball nichts zu tun, nur ihr Vater fährt häufig mit zu Spielen. 

Angst vor der Partie hatte sie nicht. „Im Gegenteil: Ich hab` mich riesig darauf gefreut.“ Nein, Probleme, sich auf dem Spielfeld durchzusetzen, habe sie nicht - auch wenn man ihr die Schiedsrichterin nicht auf den ersten Blick ansieht. Schon mehrmals waren Vereinsverantwortliche verblüfft und reagierten  seltsam, wenn sie sich als Schiri vorstellte. So erging es ihr auch in Flonheim. Als sie mit ihren beiden Assistenten (eine Frau, ein Mann) dort auftauchte, wurde wie selbstverständlich angenommen, der Mann sei der Schiedsrichter.  „Erstmal hat niemand geglaubt, dass ich das Spiel leite.“

Fabienne Michel lächelt, als sie das erzählt. Nein, sie finde so etwas nicht besonders schlimm. Und Nachteile habe sie bisher nicht erfahren. Sie bleibt gelassen – und zeigt genügend Selbstvertrauen, um die Zweifler eines Besseren zu belehren. So wie sie im Gespräch wirkt –zurückhaltend, unaufgeregt, aber mit klaren und ehrlichen Antworten –, so kann man sie sich auch auf dem Spielfeld vorstellen. Ob sie die Macht genießt, die sie als erste Frau auf dem Platz hat? „Nein, ich sehe mich dort nicht im Vordergrund. Ich versuche, das Spiel laufen zu lassen und mich im Hintergrund zu halten.“

Dementsprechend hat sie in den vergangenen sieben Jahren auch wenig Unangenehmes erlebt. Spontan fallen ihr nur zwei Gegebenheiten ein.  „Ich war erste Assistentin in Saarbrücken, da gab es viele enge Abseitsentscheidungen. Ich hatte die Trainerbank im  Rücken und wurde von dort oft angeschrien – und einmal flog auch eine Wasserflasche in meine Richtung.“ Und in Uelversheim habe sie mal ein wütender, brüllender  Mann vom Spielfeld bis in die Kabine verfolgt . . .

"Es macht mir einfach Spaß"

Sind Männerspiele anstrengender als Frauenspiele? „Nein, eigentlich nicht. Allerdings fallen da eher mal frauenfeindliche Sprüche.“ Beispiele? „Geh‘ lieber zurück an den Herd“ oder „Fußball ist eben Männersache“.  Die nötige Erfahrung, um die Übersicht und die Kontrolle zu behalten, hat sie mittlerweile. „Vor meinem ersten Spiel als Schiri dachte ich, ich spiele ja Fußball, da kann es nicht so schwer sein, ein Spiel zu pfeifen, aber dann habe ich gemerkt, wieviel man beobachten und auf wieviel man achten muss.“ Die Perspektive aus Spielersicht kennt sie aber immer noch: Fabienne Michel spielt in der Verbandsliga-Mannschaft des TSV Gau-Odernheim. Zweimal in der Woche geht sie zum Fußballtraining, zwischendurch aufs Laufband, das sie sich vor rund sechs Jahren von ihrem Konfirmationsgeld gekauft hat und seitdem regelmäßig nutzt. Außerdem bereitet sie sich gerade gemeinsam mit ihrem Vater darauf vor, beim München-Marathon mitzulaufen. „Ich habe mich immer schon für Sport begeistert.“

Was die Schiedsrichter verdienen

Die Verdienstspannen zwischen Männer- und Frauenfußball sind enorm – zu Fußballspielen der Frauen kommen nach wie vor viel weniger Zuschauer, und das Medieninteresse ist auch viel geringer. 3800 Euro erhalten Schiedsrichter für die Leitung eines Erstliga-Spiels der Männer, pfeifen sie ein Erstliga-Spiel der Frauen, gibt es 250 Euro. In der Zweiten Bundesliga sind die Verdienstunterschiede ebenfalls groß: Beim Männerfußball verdient der Schiri 2000 Euro, im Frauenfußball 125 Euro.

Auf ihren Ausbildungsweg hat sich das bisher nicht ausgewirkt. Die 21-Jährige hat nach ihrem Abitur drei Semester Jura an der Mainzer Uni studiert, aber auch, wenn die Tätigkeiten Juristin und Schiedsrichterin sich irgendwie ähneln – „man hat Regeln, die muss man bewerten und anwenden“ -, so lockte sie das weitere Studium nicht mehr. Am ersten August hat sie eine Ausbildung zur Bankkauffrau begonnen. Langfristig würde sie gerne Sportmanagement studieren. „Es gibt da leider wenige Studienplätze“, sagt sie. „Aber ich werde das schon hinkriegen, auch wenn es über Umwege ist.“ Schiedsrichterin will sie auf jeden Fall bleiben. Gerne würde sie Begegnungen in der ersten Bundesliga der Frauen pfeifen, auch wenn die Bezahlung da viel schlechter ist als bei den Männern. Warum sie gerne Schiedsrichterin ist? „Kann ich gar nicht so genau sagen. Es macht mir einfach Spaß.“

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