Ganz einfach: Besser sein!

Jörg Schneider/Christian Karn. Mainz.
Seit November vergangenen Jahres ist Loris Karius der Bundesliga-Torhüter des FSV Mainz 05. Der junge Mann überholte auf einen Schlag die routinierte Konkurrenz. In der Vorbereitung auf die jetzt beginnende Spielzeit kämpften drei junge Keeper um den Platz zwischen den Pfosten. Karius, inzwischen der Älteste im Mainzer Torhüter-Trio, geht als unangefochtene Nummer eins in die Runde und ins Auftaktspiel am Sonntag bei Aufsteiger SC Paderborn. Im Interview in der nullfünfMixedZone spricht der 21-Jährige über die Gesamtsituation vor dem Start, aber auch darüber, warum er das Angebot von Benfica Lissabon ausgeschlagen hat, über Manuel Neuer und vieles mehr.

Als Numer eins im Tor des FSV Mainz 05 in die neue Bundesligasaison: Der 21-jährige Stammkeeper Loris Karius. Foto: Jörg SchneiderHallo Herr Karius, zwei Monate Vorbereitung sind vorbei. Wie ist die allgemeine Befindlichkeit so kurz vor dem Saisonstart?
Man freut sich natürlich, dass es jetzt in den Spielrhythmus geht. Testspiele kann man ja nicht mit dem Wettkampf vergleichen. Natürlich sind wir ein bisschen angespannter, unter Zugzwang, aber auch solche Situationen gibt es im Sport immer.

Wie fühlen Sie sich körperlich?
Ich habe keine Beschwerden oder sonst etwas, sondern fühle mich gut.

Sie haben ja am 10. November des vergangenen Jahres die anderen Jungs alle auf einen Schlag überholt und sich etabliert, festgespielt, gute Leistungen gezeigt. Wie ist das Gefühl, wenn ein solcher Fall eintritt? Klar, man arbeitet dafür, aber wie stellt es sich dar, wenn es soweit ist?
Man hat gar nicht so viel Zeit, darüber nachzudenken. Jeden Samstag steht schon wieder die nächste Aufgabe an. Man muss sich immer neu auf die jeweiligen Spiele konzentrieren. In der Pause kann man ein bisschen abschalten und vieles Revue passieren lassen, aber Fußball ist einfach ein Tagesgeschäft. Man muss jede Woche seine Leistung wieder neu bringen. Darum kann man nicht viel Zeit damit verbringen, an die letzte Saison zu denken.

Sie kamen damals ja zwar nicht aus dem Nichts, aber von weit hinten. Dann trat die Situation ein: Sie mussten rein, mussten ins Stadion, vor vielen Leuten spielen - ist man da nervös?
Ein bisschen Nervosität ist immer dabei. Auch jetzt. Komplett ohne Nervosität kann man keine Topleistung abrufen. Das braucht man als Sportler.
 
Es hilft also auch ein bisschen?
Es schärft die Sinne.

Jetzt ist wieder eine neue Situation entstanden. Sie sind der älteste von drei sehr jungen Torhütern. Wie hat sich der Umgang untereinander in der Vorbereitung entwickelt? Teamkollegen sind Sie auf jeden Fall, aber es gibt ja auch einen Konkurrenzkampf...
Das hat aber nicht viel mit dem Alter zu tun. Konkurrenzkampf gibt es immer. Für mich hatte sich die Situation schon im Januar verändert, weil Dario Kresic kam. Jetzt haben wir wieder eine neue Situation. Unser Verhältnis neben dem Platz ist in Ordnung, da hat keiner ein Problem mit dem anderen. Auf dem Platz will jeder natürlich der beste sein. Im Endeffekt zählt für mich nur: Wenn einer meinen Platz will, zeige ich, dass ich die Nummer eins bin und im Tor bleibe. Wie alt die Konkurrenz ist, spielt keine Rolle.

Diesen Anspruch wollen Sie jetzt ausbauen?
Alles andere wäre auch komisch. Ich bin davon überzeugt. Jetzt will ich zeigen, dass meine Position gerechtfertigt ist und es mit Leistung zurückzahlen.

Loris Karius

Geboren am 22. Juni 1993 in Biberach,
190 cm, 87 kg.

Bisherige Vereine: FV Biberach (bis 2000), SG Mettenberg (2000/01), SSV Ulm 1846 (2001-05), VfB Stuttgart (2005-09), Manchester City (2009-11), FSV Mainz 05 (seit 2011).

24 Bundesliga-, 1 DFB-Pokal-, 2 Europa-League-Spiele für Mainz 05, 27 Regionalligaspiele für Mainz 05 II.

Was zeichnet eine Nummer eins aus, außer dass sie in der Bundesliga im Tor steht?
Die Nummer eins ist normalerweise besser als die Nummern zwei und drei. Fußball ist ein Leistungssport, da sollte der Beste auch spielen. Deshalb muss man besser sein als die Anderen. Das ist eigentlich ganz einfach.

Wird man dadurch selbstbewusster und im Spiel sicherer, wenn man weiß: Ich bin vorne? Wenn das Vertrauen vom Trainer und den Kollegen da ist?
Durch die vielen Spiele allein wird man sicherer, weil man Routine bekommt. Ob das mit dem Status zusammenhängt? Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht.

Sie sagen, mit dem Alter habe das nichts zu tun. Aber wie sieht es mit dem Umgang innerhalb der Mannschaft aus? Ein Torwart hat ja einiges zu regeln, schreit auch mal die Leute an - spielt das eine Rolle, wenn ein junger Kerl zum Beispiel Nikolce Noveski in den Senkel stellt?

Das spielt keine Rolle. Man muss sehen, wann man die Anweisungen zu geben hat und wann sie der Mannschaft helfen. Wenn man nur die ganze Zeit sinnlos herumbrüllt, ist das ja nicht gut. Wenn man gezielt Dinge anspricht, die in dem Moment nicht gut waren, nimmt das auch jeder sehr gerne an.

Sieht man von hinten mehr?
Der Torwart ist der einzige Spieler, der das ganze Spiel vor sich hat, und kann so viele Dinge besser sehen und beurteilen.

Was haben Sie selbst in ihrem Spiel verbessert, seit Sie der Stammtorhüter sind? Und was könnte besser sein?
Es ist immer schwer, das selbst gut einzuschätzen. Aber es gibt keine Sache, die ich nicht mehr verbessern will. Mit 21 ist man immer noch am Anfang und sollte sich auf allen Ebenen verbessern. Klar gibt es Sachen, bei denen ich persönlich noch mehr anders machen will. Ich will mutiger sein, mehr hohe Bälle abfangen, das Spiel besser lesen, damit ich auch früher weiß, wo der Ball hinkommen kann, wann ich herauslaufen kann, um mehr Bälle abzufangen. Das sind kleine Sachen, die ich mir einfach vornehme. Aber es ist allgemein immer schwierig, die eigene Leistung gut einzuschätzen.

Früher hat man generell gesagt, ein Torwart brauche ein gewisses Alter, eine gewisse Routine um richtig Leistung zu bringen. In den vergangenen Jahren gab es gerade in der Bundesliga immer mehr junge und trotzdem sehr gute Torhüter. Hat sich auch durch Trainingsarbeit und -methodik heutzutage vieles verändert?
Die Bundesliga war im Grunde die erste Liga, die viele sehr junge Feldspieler reingeworfen hat. Man hat gesehen, dass das hervorragend funktioniert, dass junge Spieler komplett an das Leistungsvermögen der Älteren herankommen. Klar ist der Torwart noch eine etwas speziellere Position, aber nach und nach hat man auch da den Verjüngungsprozess vollzogen. Die Denkweise, dass ein älterer Spieler besser ist als ein jüngerer, gibt es nicht mehr. Heutzutage guckt man nur noch auf die Leistung. Im Tor sieht man noch nicht so viele extrem junge Spieler, aber man sieht auch in der Bundesliga ein paar mit Anfang, Mitte 20. Das ist in anderen Ligen noch nicht so extrem der Fall.

Die Nummer eins, sagt Loris Karius (am Ball), sollte normalerweise besser sein als die Nummer zwei und die Nummer drei. Von links: Robin Zentner und Stefanos Kapino. Foto: Jörg SchneiderArbeiten Sie mit Vorbildern?
Ich versuche, immer zu sehen, was Toptorhüter besonders gut machen und was ich mir abschauen kann. Jeder hat seine Stärken. Manuel Neuer ist aktuell sicherlich der Beste. Von ihm kann man am meisten lernen. Wie er seine Stärken umsetzt, das ist schon klasse. Aber auch von vielen anderen Torhütern kann man sich Kleinigkeiten abschauen.

Sie hatten jetzt eine Phase im Europa- und DFB-Pokal, in der Sie als Torwart keinen Fehler gemacht, aber die Hütte voll bekommen haben. Was ist das? Wie muss man da durch?
Dann geht es einem natürlich nicht gut. Aber das geht der ganzen Mannschaft nicht anders. Ich bin hinten nur der Letzte. Und wenn ich auch nichts mehr retten kann, das tut keinem gut. Aber auch aus solchen Situationen muss man noch stärker herauskommen. Das zeichnet eine Mannschaft aus, nach solchen Spielen wieder stark zurückzukommen und in der Bundesliga von Anfang an zu punkten. Das ist keine leichte Situation, aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir wieder einen positiven Trend einschlagen.

Welchen Eindruck haben Sie von den Gegentoren? Waren es individuelle Fehler, falsche Entscheidungen, braucht die Mannschaft Zeit, um sich einzuspielen?
Auf Einzelne würde ich das gar nicht schieben. Wir müssen als Mannschaft besser verteidigen, noch kompakter spielen. Auch das Glück war nicht unbedingt auf unserer Seite. Das ist manchmal so, wenn es nicht läuft. Dann fälscht noch einer ab, der Ball geht irgendwie rein...

Wenn in Chemnitz nur zwei mehr von den Dingern vorne reingehen, von diesen fertigen Toren, dann würde man heute ganz anders darüber reden, oder?
Am Ende zählt halt das Ergebnis. Dreimal Pfosten und Latte getroffen zu haben, bringt nichts.

Nun haben sich ja im Defensivspiel die Aufgaben ein bisschen verschoben, gerade zwischen den Innenverteidigern und den defensiven Mittelfeldspielern. Ist auch das für einen Torwart eine Umstellung?
Nein. Für einen Torwart geht es in erster Linie darum, die Bälle zu halten. Klar muss man die Mannschaft auch richtig ordnen, richtig stellen, aber die Hauptaufgabe ist es immer, keinen reinzulassen. Ich habe keinen großen Einfluss darauf, was im defensiven Mittelfeld oder sonstwo passiert.

Man liest ja viel, bekommt in der Stadt auch einiges mit, spürt man höheren Druck als sonst?
Klar, von außen kommt Druck, aber wir haben als Mannschaft auch selbst unsere Ziele. Zwei von unseren Zielen haben wir schon jetzt verfehlt, aber ob der Druck jetzt größer ist oder nicht - unser Ziel war ja von Anfang an, das erste Ligaspiel zu gewinnen. Das ändert die Situation nicht.

Vertrauensperson für die Nummer eins: Torwarttrainer Stephan Kuhnert. Foto: Jörg SchneiderÄndert sich durch einen neuen Trainer auch für den Torwart etwas? Der Torwarttrainer ist ja noch derselbe...
Klar ist in der Kennenlernphase alles neu. Ich musste mich daran gewöhnen, dass nach drei Jahren alles etwas anders läuft. Aber der Prozess ist schon lange abgeschlossen. Wir sind wieder im Alltag. Wir sehen uns ja jeden Tag auf dem Platz, sind zusammen eine Woche weggefahren.

Wie ist die Arbeit mit Stephan Kuhnert?
Ich arbeite jetzt in der dritten Saison mit ihm. Daher kennen wir uns gut und haben ein enges Verhältnis. Ich kann zu ihm kommen, wenn ich mal etwas Spezielleres ausprobieren will, er hat auch immer ein offenes Ohr.

Haben Sie auch ein Vertrauensverhältnis zu ihm, wenn Sie mal nicht gut drauf sind?
Klar. Ein Torwarttrainer ist für einen Torwart immer der erste Ansprechpartner, noch vor dem Trainer.

Nun hatten Sie vor einiger Zeit Angebote von großen Vereinen. Benfica Lissabon, vielleicht noch mehr - wie erlebt man so etwas?
Man bekommt es natürlich mit, aber kann nicht viele Gedanken darauf verschwenden. Ich spiele hier, trainiere hier. Unabhängig von allen Angeboten war mir klar, dass ich hier bleibe. Ich stehe ja noch nicht mal seit einer ganzen Saison im Tor bei einem Verein, der mir in dieser Zeit immer wieder das Vertrauen gegeben hat. Dieses Vertrauen will ich zurückzahlen. Sicherlich waren das interessante Möglichkeiten, aber Mainz 05 geht einen guten Weg in der Weltmeisterliga. Für einen jungen deutschen Spieler gibt es nicht viel Besseres als hier zu spielen.

Haben Sie die Entscheidung schnell getroffen oder mussten Sie sie reifen und wachsen lassen?
Für mich war schnell klar, dass ich bleiben will. Ich stehe ja auch noch ein Jahr unter Vertrag. Und selbst wenn ich gesagt hätte, ich wollte unbedingt weg, hätten die Vereine sich erst noch darauf verständigen müssen. Daher habe ich mir darüber gar keine großen Gedanken gemacht.

Wie sieht so ein Angebot eigentlich in der Praxis aus? Wird nur der Berater angerufen mit dem Wunsch, sich mal mit dem Spieler zu treffen? Kommt ein dicker Briefumschlag mit allen möglichen Zahlen?
Das geht über den Berater. Ich will davon selbst gar nicht so viel mitbekommen. Er informiert mich, fragt mich nach meiner Meinung und regelt es dann.

 Es ist also auch nicht dazu gekommen, dass Sie mal nach Lissabon geflogen wären.
Nein, ich habe ja von Anfang an gesagt, dass ich hierbleiben will.

Also konnte der Berater direkt in Portugal anrufen und sagen: Vergesst es.
Ich bin nicht so involviert, wie das abläuft. Ich weiß nur, was ich entschieden habe.

Nach dieser langen Vorbereitung freut sich die Mannschaft sicher darauf, dass die Bundesliga losgeht. Das letzte Spiel war ja Anfang Mai...

Es ist keine ungewohnte Situation, aber das Kribbeln ist wieder da. Auch wenn man es schon öfter erlebt hat, ist die Bundesliga immer wieder etwas Besonderes. Man freut sich darauf.

Mit welchen Erwartungen geht Ihr in die Runde?
Wir wollen natürlich gut starten. Wir wollen das Spiel in Paderborn und das erste Heimspiel auf jeden Fall gewinnen. Dann wollen wir so schnell wie möglich wieder den Klassenerhalt erreichen. Das ist immer das Ziel von Mainz 05. Und dann wäre es schön, wieder einen einstelligen Tabellenplatz zu schaffen. Es wird eine schwere Saison, aber wir haben immer noch sehr gute Qualität im Kader. Ich habe keine Bedenken.

Kennen Sie den SC Paderborn?
Ich habe das Pokalspiel gesehen, im vergangenen Jahr auch ein paar Topspiele. Aber der Trainer wird sie uns noch vorstellen.

Ist es tröstlich, wenn man sieht, dass auch die Anderen im Pokal ihre Probleme hatten? Paderborn ist auch ausgeschieden.
Das bestätigt einen einfach, dass wir keine Ausnahme sind. Für uns hat die Saison erst angefangen, die anderen sind schon im Spielrhythmus, da geht es enger zu, als man als Außenstehender manchmal denkt. Deshalb wird auch dieses Jahr die Bundesliga wieder ziemlich ausgeglichen.

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