Fußball als Ablenkung von Drama und Trauma

Christian Karn. Mainz.
Niko Bungert und Stefan Bell haben einen Tag nach ihrem Saisonausklang gegen Hertha BSC noch einen Termin: Die Innenverteidiger des FSV Mainz 05 verstärken die Traditionsmannschaft der 05er im Benefizspiel gegen das Mainzer Freizeitfußballteam FC Ente Bagdad. Die nullfünfMixedZone sprach mit dem Entencoach Roland Uhlich über die Partie am Sonntag, 15.30 Uhr, am Bruchweg, deren Einnahmen an Vereine und Initiativen gespendet werden, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren.

Eigentlich hört für die Bundesligamannschaft des FSV Mainz 05 die Saison am Samstag auf. Zwei Spieler haben aber am Sonntag noch ein weiteres Spiel: Um 15.30 Uhr wird am Bruchweg das Benefizspiel der 05er-Traditionsmannschaft mit den Gastspielern Niko Bungert und Stefan Bell gegen den FC Ente Bagdad angepfiffen, ein seit über 40 Jahren bestehendes, international aufgestelltes Freizeitfußballteam aus Mainz. Begleitet wird das Spiel mit einem um zwölf Uhr beginnenden Rahmenprogramms: Es gibt einen Markt für internationale Spezialitäten, eine Podiumsdiskussion zum Thema "Fußball und Integration" mit dem aus Rumänien stammenden Ex-05er Ralph Gunesch, dem bei Ente Bagdad als Trainer wirkenden Samir, der einst aus Afghanistan geflohen ist, sowie David Naujeck von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Der Partie folgt ein Konzert mit der Mainzer Band "Se Bummtschacks", der in der italienischen Flüchtlingsarbeit aktiven Band "RFC" und der Ska-Band "The Offenders". Die Einnahmen des Spiels (Stehplatztickets: 5 Euro, Sitzplatztickets: 8 Euro) werden an Vereine und Initiativen gespendet, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Die nullfünfMixedZone hat aus diesem Anlass mit dem Entencoach Roland Uhlich über das Benefizspiel gesprochen.

Die Delegation des FC Ente Bagdad in der Coface Arena, hinten rechts Entencoach Roland Uhlich. Das Benefizspiel gegen die 05-Traditionsmannschaft beginnt am Sonntag, 15.30 Uhr, am Bruchweg.Ihr Freizeitteam wird als Partnerverein des FSV Mainz 05 und als Mitveranstalter des Benefizspiels am Sonntag genannt. Was bedeutet das in der Praxis?

An sich ist nicht das Spiel das Projekt, sondern das Bündnis "Willkommen im Fußball". Das ist eine Initiative, die von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung ins Leben gerufen wurde. Auch die Bundesliga-Stiftung und die Beauftragte der Bundesregierung für Flüchtlinge, Migration und Integration sind dabei. Dieses Bündnis ist die Basis.

Wofür?

"Willkommen im Fußball" soll Flüchtlingen die Möglichkeit geben, über den niedrigschwelligen Bereich zum Fußball zu kommen. Viele Vereine sind Rosinenpicker. Das Bündnis soll Flüchtlingen auch in der Breite die Möglichkeit geben, über den Fußball Beschäftigung zu haben und den Weg in die Sportvereine zu schaffen, unabhängig davon, wie gut oder wenig gut sie kicken. Sport bringt die Möglichkeit, auch ohne Sprachkenntnisse etwas zusammen zu machen, Fußball ein ideales Medium, um auch dramatische, traumatische Erinnerungen vergessen zu machen. Wir merken bei Ente Bagdad, dass es eine wahnsinnig gute Sache ist, um gerade Kinder und Jugentliche abzulenken.

Wie kommt Ente Bagdad ins Spiel?

Als das erste Bundesligabündnis innerhalb von "Willkommen im Fußball" im vergangenen August angefangen hat, hat Mainz 05 jemanden aus dem Amateurbereich gesucht, der sich stark in der Flüchtlingsarbeit einsetzt. Dabei sind die 05er auf uns gestoßen. Wir haben uns abgestimmt und schnell gemerkt: Wir passen zusammen. Unsere Philosophie stimmt überein.

Inwiefern?

Wir waren schon immer eine weltoffene Mannschaft, schon immer stolz darauf, Spieler aus aller Herren Länder im Team zu haben. Als 2014 die Flüchtlingswelle begann, war uns klar, dass das zu Ente Bagdad passt. Wir haben uns in den Flüchtlingsheimen vorgestellt, vor allem die älteren Jugendlichen ab 16, 17 Jahren motiviert, bei uns mitzuspielen. Das hat wunderbar eingeschlagen. Im Erwachsenenbereich sind wir momentan voll. Manchmal spielen 30 Leute auf einem Platz, daher können wir momentan keine zusätzlichen Spieler aufnehmen. Wir versuchen aber, eine zweite Platzzeit zu bekommen, um das zu verteilen. Vor allem aber gründen wir erstmals eine Jugendmannschaft.

Die dann in den echten Spielbetrieb aufgenommen wird?

Wir sind ja offiziell eine Unterabteilung von Vitesse Mayence. Die haben keine Jugend, daher ist das eine ideale Sache. Wir generieren dann die Nachwuchsarbeitv on Vitesse. Das ist natürlich eine große Herausforderung. Wir haben keine Erfahrung mit so etwas. Wir stellen aus unseren eigenen Reihen die Trainer, die teilweise die Muttersprache der Flüchtlinge können; einige von ihnen spielen schon lange bei uns, andere haben wir erst 2014 aufgenommen. Das ist erst einmal eine wahnsinnige Arbeit. Wir müssen Spielerpässe besorgen und so weiter - und wir wollen darauf achten, dass auch einheimische Spieler kommen. Im Erwachsenenbereich haben wir inklusive der langjährig ansässigen Ausländer etwa 60 Prozent Einheimische. Die Mischung ist in der Jugend noch nicht so.

Was erwarten Sie vom Spiel gegen die 05-Traditionsmannschaft?

Zum Einen wollen wir uns vorstellen und den Leuten im Stadion vermitteln, was wir machen. Dabei ist das Sportliche zweitrangig; wichtiger ist es für uns, dass es funktioniert, mit Flüchtlingen Spaß zu haben. Das war von Anfang an unsere Philosophie: Unabhängig von Nationalität, Kultur, Religion oder Hautfarbe miteinander Dinge zu machen und Freude zu haben. Das beginnt mit Stadtführungen mit einem Übersetzer, gemeinsamem Kochen und Essen, am Ende auch Fußball zu spielen. Ein Leistungsprinzip wollen wir nicht. Wir wollen am Sonntag möglichst viele Spieler einsetzen, Flüchtlinge und Einheimische. Es wird darauf hinauslaufen, dass wir vier Teams durchwechseln, also insgesamt 44 Leute spielen, darunter auch einige Jugendliche, die die Fähigkeiten haben. So ein 17-Jähriger ist oft besser als wir. Wir haben zwar keinen, der mal irgendwo Nationalspieler war, aber zum Beispiel Afghanen, die bei iranischen Klubs in der Jugend gespielt haben. Das haben wir mit 05 abgestimmt - die Traditionsmannschaft kennen wir ja, auch die Spieler, die sie jetzt mal aufpeppen. Gerade Niko Bungert hat uns schon öfter Ausrüstung gebracht. Das wäre für uns sonst eine teure Sache, der Verschleiß ist ja hoch. Niko ist ein sehr offener Typ, mit dem sich unsere Jungs auch schon gut unterhalten konnten. Viele sind 05-Fans geworden, weil die Profis sich sehr gut bei uns präsentieren. Daher bringt dieses Spiel für alle, die teilnehmen, eine riesige Freude. Es ist eine Ehre, gegen eine solche Mannschaft zu spielen, und eine Belohnung für das, was wir machen.

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