Fragezeichen in den Augen

Jörg Schneider. Mainz.
Mit seiner Herangehensweise hat der FSV Mainz 05 zum Saisonstart trotz der 1:2-Niederlage bei Borussia Dortmund gut ausgesehen. Martin Schmidts variable, defensive 4-5-1-Taktik hat die gewaltige Offensive-Power des BVB über weite Strecken der Partie eingebremst. Der 05-Trainer glaubt, dass diese Variante künftig gegen bestimmte und qualitativ hochwertig besetzte Gegner notwendig sein und neben dem normalen 4-2-3-1 zum Repertoire des Bundesligisten gehören muss. Eine weitere Erkenntnis aus dem Auftritt beim BVB: Jean-Philippe Gbamin hat sich an die erste Stelle der 05-Sechser geschoben.

Beim 1:0 von Aubameyang unterlief Jean-Philippe Gbamin ein Stellungsfehler. Ansonsten schob sich der Franzose in seinem ersten Bundesligaspiel gleich an die Spitze der 05-Sechser. Foto: ImagoDie erste Länderspielpause der neuen Saison stößt bei den Bundesligisten auf wenig Begeisterung. Darüber, dass die Klubs unmittelbar nach dem ersten Saisonspiel gleich schon wieder ihren halben Kader auf Reisen schicken müssen, ist viel diskutiert worden. Auch beim FSV Mainz 05 hat Martin Schmidt dieser Tage nur einen Rumpfkader zur Verfügung, den im Moment etliche Spieler der U23 komplettieren. Da ist es nur schwer möglich, die Erkenntnisse vom Saisonauftakt direkt in die tägliche Arbeit mitzunehmen, umzusetzen und zu intensivieren. Die Mainzer haben ihr erstes Saisonspiel bei Borussia Dortmund mit 1:2 verloren. Und dennoch das Fazit aus diesem guten Auftritt gewinnen können, dass da im Team wieder etwas entsteht, was trägt.

Die 05er haben im Westfalenstadion das stark aufgerüstete und hochkarätig besetzte Team von Thomas Tuchel in Schach gehalten, die gefürchtete Tempo-Offensive des BVB über weite Strecken des Spiels nicht zur Entfaltung, nicht zum zielführenden Durchbruch kommen lassen. Die Mainzer haben dabei selbst gut Fußball gespielt und sich Chancen erarbeitet. Am Ende waren es zwei unnötige Fehler und fehlende Kaltschnäuzigkeit vor dem gegnerischen Tor, die zur Niederlage führten. Besonders die Defensivstruktur hat gegriffen und die Tuchel-Elf vor Aufgaben gestellt, die diese Spitzenmannschaft im jetzigen Saisonstadium noch nicht komplett lösen konnte. Das sollte Sicherheit, mentale Stärke und Zuversicht für die Aufgaben geben, die ab Sonntag in acht Tagen dringend gebraucht werden, wenn mit dem Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim die Europa-Wochen beginnen.

Der 05-Trainer präsentierte seine Mannschaft in Dortmund taktisch sehr variabel. Die meiste Zeit operierten die Mainzer in einem 4-5-1-System gegen den Dortmunder Ballbesitz. Bei eigenem Ballbesitz wurde daraus ein 4-1-4-1, je nach Situation ein 4-3-3. Das passte. Kernstück dabei war das zentrale Mittelfeld, das der Coach mit drei zentralen Spielern besetzte. Jean-Philipp Gbamin gab den etwas zurück gezogeneren klaren Sechser, Suat Serdar und Fabian Frei arbeiteten leicht davor als „Doppelacht“, wie Schmidt es nannte. „Das ist vom Gegner abhängig“, erklärte der 49-Jährige. „Es gibt Gegner wie Dortmund, gegen die wir das so spielen müssen, dass wir mit drei im Zentrum sind. Wir haben gegen den BVB gesehen, wenn die die Schnittstellen nicht finden, haben sie fast übers ganze Spiel, außer bei Stockfehlern von uns, Fragezeichen in den Augen. Sie haben die Pässe da nicht reingekriegt, weil wir das zu dritt zugestellt haben.“ Unterstützt wurden die Zentrumsspieler dabei von den Außen, die sich im Spiel gegen den Ball zurückzogen und einrückten.

„Es werden noch mehr Teams kommen, gegen die du mit einem Fünfermittelfeld, mit drei Mann im Zentrum, mehr Dominanz hast gegen den Ball und in den Zweikämpfen. Es wird Spiele geben, in denen ich das so spielen will mit quasi drei Sechsern, wovon zwei Achter sind wie gegen Dortmund. Aber es gibt auch viele Gegner, gegen die wir zwei Sechser und drei davor sowie den klaren Zehner in der nächsten Linie brauchen“, betonte der Schweizer. Interessant dabei ist, dass Gbamin, der in der Vorbereitung einiges an Spielzeit verpasste wegen Verletzung, sich mit dem Auftritt in Dortmund an die erste Stelle der 05-Sechser gehievt hat. „Gbamin hat das Sechsergen in sich drin. Er ist groß, robust, führt die Zweikämpfe. Ich denke, wenn er das so weiter spielt, dass neben ihm jeder von den anderen spielen kann“, sagte Schmidt. Man habe außerdem beim 1:2 gesehen, dass Fabian Frei von Hause aus ein Achter sei. „Wenn wir mit einer Sechs und der Doppelacht spielen, hat er beim Einkippen ballentfernt ganz normal die Aufgabe wie ein Sechser, aber bei Ballbesitz steht er höher im Feld und kann natürlich aus der Balleroberung heraus einen guten Ball nach vorne spielen. Fabi hat selber einen guten Zug nach vorne. Er hat in jedem Spiel Chancen gehabt, ist aus der Distanz gut. Mit dem Tor im Pokal, in den Tests und jetzt mit seinen Chancen hat er gezeigt, dass er in der Box auch gut ist. Es kommt ihm ganz klar zu Gute wenn er in der Linie höher steht. Das macht ihn mit Sicherheit stärker.“

Ähnlich verhalte es sich mit Suat Serdar. „Auch Suat ist so einer, der ebenfalls etwas weiter vorne besser ist, als wenn er hinten nur rennen und verteidigen muss. Im Grunde ist das ein 4-3-3, aber wie du das in der Mitte anordnest, ist ja eigentlich egal. Die Doppelacht kann auch ein Yunus Malli sein, der bei Balleroberung auf die zehn geht und bei Ballverlust zurückkommt. Das wollen wir sehr variabel spielen. Aber zu dritt im Mittelfeld, das gibt uns gegen einige Gegner mehr Substanz. Du hast halt im Zentrum die ganze Breite verdichtet. Mit den fünf im Mittelfeld, das ist mir lieber als fünf Spieler in der hintersten Linie zu haben, dann hat der Gegner trotzdem mehr Räume“, erklärte der 05-Coach.

Je nach dem mit welchen Spielerpersönlichkeiten dieses Spielsystem bestückt werde, sei die Variabilität groß. „Wenn Jhon Cordoba ganz vorne drin steht, können wir das auch wieder ganz anders besetzen. Die Voraussetzung dafür ist dass du Tempo brauchst. Davon haben wir ja genug. Bei allem Tempo musst du dann aber die Bälle auch noch sauber anbringen. Und das war in Dortmund im Endeffekt nicht sauber genug.“ 

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