Fortschritte trotz mangelnder Erfahrung

Jörg Schneider. Mainz.
Die Zufriedenheit, mit der Martin Schmidt das 1:1 seiner Mannschaft im Auswärtsspiel beim SV Werder Bremen kommentierte, ist nach eingehender Analyse dieser Partie im Weserstadion einer anderen Überzeugung gewichen: „Da war eindeutig mehr drin“, sagte der Trainer des FSV Mainz 05 in der obligatorischen kleinen Medienrunde. Dennoch zieht der 48-Jährige in der Länderspielpause eine positive Zwischenbilanz. „Wir haben einen Entwicklungsschritt gemacht gegenüber der Vorrunde. Ich sehe gute Fortschritte.“

Der Kontrollausschuss des DFB hat eine Sperre von drei Spielen beantragt im Fall von Papy Djilobodji. Die Strafe soll zudem erst nach der ohnehin anfallenden Gelbsperre greifen. Der SV Werder Bremen hat dagegen Einspruch eingelegt und sucht die Entscheidung beim DFB-Einzelrichter. Der Innenverteidiger war bekanntlich am vergangenen Samstag mit seiner Kopf-ab-Geste gegen Pablo De Blasis unangenehm aufgefallen. Eine hässliche Nummer, die der Schiedsrichter nicht gesehen hatte. Manuel Gräfe hatte dafür aber die vorausgegangene Spielsituation anders bewertet als vor allen Dingen die Spieler und Verantwortlichen beim FSV Mainz 05. Gräfe hatte in der Aktion von Djiliobodji gegen den 05-Stürmer im Strafraum, als der Verteidiger De Blasis mit einem Griff an die Schulter und an den Unterkiefer im Strafraum zu Fall gebracht hatte, keinen Elfmeter für die Mainzer gepfiffen.

Martin Schmidt kritisiert das Umschaltverhalten seiner Mannschaft beim 1:1 in Bremen, ist aber mit der Entwicklung seines Teams zufrieden und sieht klare Fortschritte. Foto: Jörg SchneiderDer Schiri habe ihm später erklärt, er habe vorher schon abgepfiffen, berichtete Martin Schmidt in der üblichen kleinen Medienrunde nach dem Start in die Trainingswoche. „Er hat gesagt, er habe den Rempler von Pablo gegen den Mann abgepfiffen“, sagte der 05-Trainer etwas verwundert. Die Situation in der 62. Minute hatte zudem Folgen für Jairo Samperio, der seinen Unmut über Gräfes Entscheidung derart massiv zum Ausdruck brachte, dass der Spanier dafür die Gelbe Karte kassierte. Seine fünfte. Jairo ist damit im Heimspiel nach der Länderspielpause gegen den FC Augsburg gesperrt. Jairo habe Unrecht empfunden und sich für seinen Kumpel De Blasis eingesetzt, so Schmidt. „Das hat ihn fuchsteufelswild gemacht. Schade, jetzt kriegt er die Pause nach der Pause. Dann haben wir zwei Gesperrte.“ Giulio Donati muss gegen die Augsburger zum dritten und letzten Mal aussetzen.

Dass Manuel Gräfe in diesem hart umkämpften Duell im Weserstadion nicht seinen besten Tag und nicht immer den Überblick hatte, belegt auch eine Aktion aus der ersten Halbzeit der Partie. Loris Karius warf sich im Strafraum vor den heranstürmenden Zlatko Junuzovic. Der 05-Keeper sicherte den Ball, der Werder-Spielmacher fiel über Karius und musste anschließend hinter der Torauslinie versorgt werden. Junuzovic kehrte nach der Behandlungspause jedoch nicht, wie es die Regel vorschreibt, seitlich an der Mittellinie ins Spiel zurück, sondern auf direktem Weg von der Torauslinie. Keine spielentscheidende Szene, aber eine, die ins Bild passte.

Fehler leisteten sich allerdings auch die Mainzer zur Genüge in Bremen. Unmittelbar nach der Partie hatte der 05-Trainer den Mängeln in der Offensive nicht das ganz große Gewicht gegeben. Schmidt zeigte sich vielmehr zufrieden mit der Defensivleistung gegen einen starken und vehement gegen den Abstieg ankämpfenden Gegner. 1:1 in einem schwierigen Auswärtsspiel. Den Punkt mitgenommen. Alles okay. In der  Nachbetrachtung dieser Partie mit eingehender Analyse kam Schmidt dann allerdings zu einem anderen Ergebnis. „Da war eindeutig mehr drin“, sagte der 48-Jährige. „Wie wir wieder nach Balleroberungen umgeschaltet haben, das war nicht mit derselben Gier und mit derselben Überzeugung wie in den Spielen davor. Wir hatten ein halbes Dutzend Top-Umschaltchancen, die wir schon 30 bis 40 Meter vor dem gegnerischen Tor mit der falschen Entscheidung, mit der falschen Lösung oder mit einem schlampigen Pass verschenkt haben. Und das gibt uns das Gefühl, dass da viel mehr möglich gewesen war. Die Möglichkeiten wurden uns geboten, wir haben sie nicht genutzt. Das war ganz krass“, betonte der Coach. „Das müssen wir uns ankreiden lassen.“

Irgendeinen kriegen wir irgendwann durch

Warum das so war? „Wenn ich das wüsste, wären wir schon einen großen Schritt weiter.“ Der Trainer hat die Vermutung, dass es mit der Konzentration und der Einstellung zusammenhängt. Nicht, dass die Mannschaft die falsche Einstellung gehabt hätte. „Ich glaube aber, wenn du gegen Bayern, Leverkusen oder Schalke spielst, dann hast du nochmal fünf Prozent mehr an Konzentration. Gegen solche Gegner wie die Bremer schleicht sich vielleicht eher das Gefühl ein: Irgendeinen kriegen wir irgendwann durch. Gegen die Großen hat es ja auch geklappt.“ Kopfsache. Eine Sache der eigenen Überzeugung. „Als Trainer versuchst du das in der Ansprache vorher herauszukitzeln.“ Doch nicht immer mit Erfolg. „ich glaube, wenn es gelingen würde, jedes Spiel so anzugehen wie in der Außenseiterrolle gegen die Bayern oder Leverkusen, mit dieser inneren Motivation und Spannung, dann hätten wir ein paar Punkte mehr.“

Dass passiere den großen Teams allerdings genauso. Wenn die Bayern in der Schlussphase gegen die Mainzer so gespielt hätten wie in der Champions League gegen Juventus Turin,  so Schmidt, dann wäre es kaum möglich gewesen, dort zu gewinnen. Irgendwo nehme der Spieler die Tabellensituation doch auf und mit ins Spiel. Und das könne gegen einen vermeintlich leichteren Kontrahenten dazu führen, dass letztlich ein paar Prozente fehlten, die gegen die Top-Teams einfach da seien. „Wenn wir immer solche Leistungen abrufen könnten wie gegen Bayern, Leverkusen, Schalke und so weiter, dann würden wir solche Spiele wie in Bremen sicher eintüten“, glaubt Schmidt. Das dies nicht gelinge, hänge aber auch mit der Erfahrung des Teams zusammen. „Wir haben ja keine Mannschat, in der alle 300 Bundesligaspiele haben, sondern wir haben sehr viele junge Spieler“, betonte Schmidt. „Im Spiel gegen Darmstadt standen 750 Bundesligaspiele der 98 gegen 327 Bundesligaspiele von uns. Da war Darmstadt um einiges routinierter. Was sich auch in Zeitspiel, im Provozieren von Situationen und anderen Dingen ausdrückte. Das war jetzt in Bremen nicht anders. Die Erfahrung fehlt uns halt auch ein wenig. Jairo, Bussmann, Latza, Hack, Cordoba. Die kommen zusammen auf keine 100 Bundesligaspiele. Da fehlt schon mitunter eine gewisse Abgeklärtheit in manchen Dingen.“

Dennoch will der 05-Trainer das Ganze nicht so negativ sehen, wie es klingen mag. „Es ist trotzdem okay. Wir sind Siebter und stehen in der Rückrunden-Tabelle auf Platz fünf. Wir haben einen Entwicklungsschritt gemacht gegenüber der Vorrunde. Ich sehe gute Fortschritte“, sagt Schmidt. „Wir sind schwer zu besiegen. Wir haben in den letzten zehn Spielen wenig Tore gekriegt aus dem Spiel heraus. Wir sind schwer zu bespielen für die Gegner. Wir haben die Flügel überwiegend dicht bekommen. Schlechte Spiele verlieren wir mittlerweile nicht mehr. Gegen gute Gegner sind wir dabei“, zählt der Schweizer die Positiva auf. „Man sieht schon eine breite  Entwicklung und dass wir auf einem guten Weg sind.“ Diesen Weg müsse das Team auch in den letzten sieben Spielen dieser Runde weitergehen und versuchen zu veredeln.

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