Fokus muss klar auf die Liga gerichtet sein

Jörg Schneider. Colorado Springs.
Im Trainingslager in Colorado Springs führte Stefan Bell das Team des FSV Mainz 05 als Kapitän in die zwei Testspiele. Alles deutet daraufhin, dass der 25-jährige Innenverteidiger auch in der neuen Saison als Spielführer die Nachfolge von Julian Baumgartlinger antritt. Im Gespräch mit der nullfünfMixedZone hat sich der Abwehrchef unter anderem mit der bevorstehenden Saison beschäftigt. „Es wird ein Abenteuer und eine große Chance für uns Spieler, daran zu wachsen und uns zu präsentieren. Die Gefahr dabei ist, dass man den Fokus verliert“, sagt Bell. „Unser Fokus muss immer klar auf der Bundesliga liegen. Da müssen wir dafür sorgen, dass wir uns für das nächste Jahr in der Bundesliga halten.“

Zweimal führte Stefan Bell im US-Trainingslager der 05er sein Team als Kapitän auf den Platz. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der Innenverteidiger in der neuen Saison die Nachfolge von Julian Baumgartlinger als Spielführer antritt. Foto: Jörg SchneiderKein anderer im aktuellen Kader des FSV Mainz 05 kennt den Verein so gut wie Stefan Bell. Der Innenverteidiger des Bundesligisten feiert Ende August, kurz vor Saisonbeginn, seinen 25. Geburtstag und ist dennoch schon einer der Altvorderen im jungen Team von Martin Schmidt. Und das trotz einiger Umwege für den gebürtigen Andernacher, der 2007 vom TuS Mayen als B-Jugendlicher zum Bruchweg kam. Bell spielte in der U17 der 05er, wurde 2009 mit der U19 Deutscher Meister. 2010 ausgeliehen in die Zweite Liga zu 1860 München, danach ein eher misslungenes halbes Ausleihjahr bei Eintracht Frankfurt. Ein schwerer Start nach seiner Rückkehr im Jahr 2013 im Mainzer Bundesligakader. Der Abwehrspieler kämpfte und schaffte den Durchbruch. Seit 2013 ist der 24-Jährige Stammspieler, hat inzwischen fast 100 Bundesligaspiele für die 05er bestritten, hat in den beiden zurückliegenden Spielzeiten fast immer in der Startelf gestanden und sich zum Abwehrchef aufgeschwungen. Im jetzt zu Ende gegangenen Trainingslager des Klubs in Colorado Springs trat Bell als Mannschaftskapitän auf, nahm die beiden Siegerpokale für die Erfolge gegen die Switchbacks und die Leones Negros in Empfang. Und alles deutet daraufhin, dass der Stammspieler sein Team auch als Spielführer und Nachfolger von Julian Baumgartlinger in die neue Saison führt. Auch wenn die endgültige Entscheidung in der Kapitänsfrage noch aussteht.

Bell hat eine gute Saison gespielt in der abgelaufenen Runde. Ein paar Wackler sicher, wie fast alle Innenverteidiger der Liga, aber grundseriös und zweikampfstark am Boden und in der Luft. Mit gutem Organisationsgefühl und einem sicheren Auge für die Situation, gehörte der 1,92-Mann zu den absoluten Leistungsträgern und war mitverantwortlich dafür, dass am Ende nur drei Mannschaften weniger Gegentore kassierten als die Mainzer.

„Ich bin schon sehr selbstkritisch“, sagte Bell der nullfünfMixedZone im Gespräch in Colorado Springs. „Aber wenn man es neutral sieht, war es sicher schon eine gute Saison von mir. Wenn man am Ende auf dem sechsten Platz landet, hat man sicher auch als Verteidiger seinen Teil dazu beigetragen.“ Doch der 05-Profi sieht auch bei sich selbst noch einiges an Luft nach oben. „Es kann immer konstanter gehen. Ich hatte bestimmt fünf Spiele, die nicht so gut waren. Diese Statistik auf zwei oder so zu reduzieren, wäre ein Ziel für die neue Saison“, sagt der 24-Jährige. „Ich würde auch gerne wieder mehr als ein Tor in der Bundesliga schießen. Das war etwas dünn in der vergangenen Saison, obwohl ich etliche Vorbereitungen hatte. In der Liga ist mein Ziel, mindestens 30 Spiele zu machen. Ich würde schon gerne auch jedes Europapokalspiel machen, aber da ist ja dann immer die Frage, wie das mit der Rotation läuft.“

Die Rotation ist ein Thema, das auf Martin Schmidt und dessen Kader zukommen wird in der Ende August beginnenden Saison mit dem erstmaligen Start in der Gruppenphase der Europaliga. „Für den ganzen Verein und für uns alle ist das Neuland, was da auf uns zukommt. Bis auf Fabi Frei hat kein Spieler bei uns bis jetzt anhaltend international gespielt“, sagt Bell. „Es wird ein Abenteuer und eine große Chance für uns Spieler, daran zu wachsen und uns zu präsentieren. Die Gefahr dabei ist, dass man den Fokus verliert. Unser Fokus muss immer klar auf der Bundesliga liegen. Europaliga-Gruppenphase ist gut und schön, aber egal, wie weit wir da kommen, die Liga ist unser Tagesgeschäft. Da müssen wir dafür sorgen, dass wir uns für das nächste Jahr in der Bundesliga halten.“ Bundesliga, DFB-Pokal, wenn’s denn weiter geht als eine Runde, was alle 05er erwarten, Europapokal. Eine Englische Woche nach der nächsten bis Weihnachten - nur unterbrochen von einigen Länderspielpausen. „Der Herbst wird brutal voll mit Spielen. Ein Vorteil könnte dabei für uns sein, dass wir nicht so viele Nationalspieler haben. Ich persönlich bin total froh, dass ich die Länderspielpause habe, um mich zu erholen. Wir müssen die Balance finden zwischen Rotation und eingespielt sein. Das wird total spannend. Selbst wenn man viel rotiert, muss man sich als Ersatzspieler auf das Spiel fokussieren. Das ist auch für den Kopf eine Herausforderung, sich alle vier Tage auf den Punkt vorzubereiten“, so der Abwehrchef.

Stefan Bell zog für sich selbst und die Mannschaft des FSV Mainz 05 ein positives Fazit der Woche in Colorado. Foto: Mainz 05„Ich habe aber ein gutes Gefühl“, sagt Bell nach dem Abschluss des ersten Trainingslagers. „Wir haben nur zwei Abgänge aus dem Stamm der letzten Saison. Mit Jonas Lössl, denke ich, haben wir einen guten Ersatz für Loris Karius gefunden. Was die Baumgartlinger-Nachfolge angeht, wird wohl noch einer verpflichtet werden, denke ich. Der Großteil der Mannschaft ist geblieben. Wir haben noch ein paar mehr Talente dazubekommen. Ich glaube jedoch, der Umbruch war im letzten Jahr größer. Dieses Jahr hat sich eher ums Team herum einiges verändert. Manager, Teammanager und so weiter.“  Darius Salbert, der neue 05-Teammanager sei jetzt viel näher an der Mannschaft dran, als es vorher Axel Schuster gewesen sei. „Dadurch ist einiges besser organisiert, was die Details angeht. Axel war halb Teammanager, halb Assistent von Christian Heidel. Darius ist hundertprozentiger Teammanager. Dadurch ist ein ganz anderes Aufgabengebiet abgedeckt. Er kümmert sich viel mehr um Details, nimmt dem Team mehr ab“, erklärt Bell. „Wir haben eine Mannschaft, die geblieben ist, die schon eine gute Stimmung hatte und die auch funktioniert hat. Da ist es für Neuzugänge leichter, sich rein zu finden. Die Führungs- und Stammspieler bei uns sind umgängliche Spieler und helfen den Neuen. Früher war es eher so, dass es riesige Unterschiede gab zwischen den gestandenen Spielern und denen, die dazu kamen. Bei uns sind die Hierarchien flacher geworden.“

Doch im Mainzer Kader ist der Anteil der Spieler, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, erneut gewachsen durch die Verpflichtung von Jonas Lössl, José Rodriguez und Jean-Philippe Gbamin. Dazu gibt es im 05-Kader die Fraktion der Spieler aus Spanien und Südamerika, mit deren deutschen Sprachkenntnissen es nach wie vor nicht weit her ist. Ebenso wie bei Yoshinori Muto und Gaetan Bussmann, die allerdings Fortschritte machen sollen, wie es heißt. Auch der Innenverteidiger sieht darin eine gewisse Problematik. „Ich kann mir vorstellen, dass die Motivation Deutsch zu lernen niedriger ist, wenn man hier schon fünf Leute hat, mit denen man sich verständigen kann. Es kann sein, dass da die Sprachintegration etwas leidet“, sagt Bell. Es habe Deutschkurse gegeben für die Spieler. „Aber im Endeffekt ist es so, dass wenn der Spieler selbst nicht richtig will, dann bringt der beste Kurs nichts. Bei Pablo und Jairo habe ich das Gefühl, dass die jetzt mehr verstehen. Auch Yoshi versucht jetzt mehr zu lernen. Gaetan versteht jetzt ganz gut Deutsch. Die Skandinavier haben es immer ganz schnell drin. Es wäre gut, wenn jeder auch ein bisschen Englisch könnte. Bei Jhon Cordoba und José Rodriguez ist es so, dass sie auch mit Englisch Probleme haben. Da wird es dann noch etwas schwerer.“ Die Gruppenbildung, die sich aufgrund der Sprachbarriere ergebe, sieht Bell jedoch nicht als Gefahr. „Natürlich sind die Spanisch sprechenden Spieler eine Gruppe für sich“, sagt Bell. „Aber sie sind trotzdem super offen für alles. Da muss man sich nur den Pablo oder den Jairo angucken. Dass es Gruppen gibt, die sich besser verstehen, ist klar. Das ist auch kein Problem, so lange man sich trotzdem auf dem Platz versteht.“ Und das sei derzeit absolut der Fall.

Das habe man schon in den USA gesehen. Stefan Bell zieht jedenfalls ein positives Fazit dieser Reise. „Früher wusste man, wenn man ins Trainingslager fährt, ist das die schlimmste Woche. Weil man nur gequält wird sieben Tage lang. Aber die Zeiten sind eigentlich vorbei. Vor allem bei uns“, betont der künftige 05-Kapitän. „Wir haben ja in der Vorbereitung von Anfang an so viel wie möglich mit dem Ball gemacht. Deshalb ist das Trainingslager selber gar nicht mehr so ein großer Unterschied zu der Woche davor oder danach. Der Unterschied ist der, dass man den ganzen Tag zusammen ist.“ Auf den Geist sei man sich dabei jedenfalls nicht gegangen. „Der Kader wird ja doch immer etwas neu gemischt. Wenn man fünf Jahre lang immer mit denselben Leuten ins Trainingslager geht, wird es langweilig. Jetzt sind vielleicht noch fünf Leute dabei, mit denen ich vor drei Jahren im Trainingslager war. Es ist nicht mehr im Kopf, dass man sagt, das wird jetzt so ne richtige Scheiß-Woche. Was auch ganz interessant ist, dass man gegen Mannschaften spielt, die aus anderen Ländern kommen. Da prallen schon andere Kulturen aufeinander. Das ist dann interessanter als das siebte Testspiel gegen den FSV Frankfurt.“

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