Fiasko mit Vorsatz

Christian Karn. Mainz.
Hielte man das Spiel des FSV Mainz 05 gegen den 1. FC Köln am Donnerstag für ein Pflichtspiel, könnte man jetzt nervös werden. Nach durchaus nicht guter, aber brauchbarer erster Hälfte gingen die 05er gegen den Bundesliga-Konkurrenten am leeren Bruchweg 0:3 (0:1) unter; in der zweiten Hälfte zeigten sie fast nichts mehr, das nach Profifußball auf hohem Niveau aussah. Es war aber ein Testspiel nach harten Trainingseinheiten, ein vorsätzliches Fiasko gegen einen Gegner, dessen Sommertraining nach einem anderen Zeitplan abläuft. Wirklich ernst wird's für die 05er erst in der kommenden Woche mit der unmittelbaren Vorbereitung aufs Pokalspiel in Unterhaching.

FSV Mainz 05 - 1. FC Köln 0:3 (0:1)

Donnerstag, 11. August 2016, 54 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Lössl - Brosinski, Bell, Balogun (72. Hack), Bussmann (72. Bengtsson) - Rodríguez (65. Serdar), Frei (81. Halimi) - Clemens (72. Jairo), Malli (65. Muto), Onisiwo (72. Holtmann) - de Blasis (46. Córdoba).

1. FC Köln, 1. Hälfte: S. Müller - Olkowski, Sörensen, Mavraj, Rausch - Risse, Lehmann, Hector, Bittencourt - Modeste, Rudnevs.

2. Hälfte: S. Müller - Klünter, Maroh, Heintz, Mladenovic - Zoller, Höger, Özcan, Bittencourt - Jojic, Osako.

Tore: 0:1 Bittencourt (35., Rudnevs), 0:2 Bittencourt (56., Özcan), 0:3 Osako (81., Zoller).

Regelrecht entsetzt war am Ende der Vizepräsident: "Ich hab' gedacht, wir wären weiter", entfuhr Peter Arens, als der 1. FC Köln beim FSV Mainz 05 am leeren Bruchweg 3:0 führte und die 88. Minute lief. Wäre es ein ernsthaftes Spiel gewesen, die 05er hätten sich ein Fiasko von selten erlebter Kategorie geleistet. Es war aber kein Pflichtspiel, es war ein Testspiel und es war ein Fiasko, das 05-Trainer Martin Schmidt eher vorsätzlich als fahrlässig provoziert hatte. Nach zwei knallharten Trainingseinheiten waren die 05er gegen den FC, der seiner Vorbereitung einen anderen Zeitplan ausgearbeitet hat, für den die Partie eineinhalb Wochen vor dem DFB-Pokalspiel beim Berliner Sechstligisten BFC Preußen schon die Generalprobe war, chancenlos. Ähnlich aber wie für Jürgen Klopp das 0:4 bei den 05ern einen Tag nach dem 4:0 seines Liverpool FC gegen den FC Barcelona hilfreich gewesen sein dürfte, um die Spieler wieder zu erden, ähnlich könnte auch das 0:3 im vorletzten Test den 05ern nützen.

Vor allem zeigte das Spiel eines: Im Zentrum haben die Mainzer noch ein großes Loch. War die erste Hälfte noch im Rahmen des Akzeptablen, so zeigte die zweite Hälfte, wie sehr der Abgang von Julian Baumgartlinger in Verbindung mit der Verletzung von Danny Latza, der vielleicht nächste Woche ins Mannschaftstraining zurück kommt, an dieser Vorbereitung noch nicht teilnehmen konnte, den Mainzern wehtut. Martin Schmidt begann mit José Rodríguez und Fabian Frei als Sechser, brachte nach einer guten Stunde Suat Serdar für den Spanier und in der 81. Minute, direkt nach dem 0:3, Besar Halimi für den Schweizer. Halimi, im vergangenen Jahr noch kein ganzer Stammspieler im offensiven Mittelfeld des Zweitliga-Absteigers FSV Frankfurt, war tatsächlich in seinem kurzen Einsatz der beste Mainzer auf der Position: In neun Minuten hatte der 21-Jährige mehr Szenen, bessere Szenen als seine Kollegen in der neunfachen Spielzeit. Halimi spielte aggressives Pressing, wollte die Zweikämpfe, setzte die Gegenspieler unter Druck, bewarb sich für eine Rolle auf der neuen Position.

Die 05er hatten zunächst besser begonnen. Pablo de Blasis hatte schon nach 75 Sekunden die erste Torchance und war in der 13. Minute auch am lange Zeit besten Spielzug beteiligt. Der begann mit einem Doppelpass von Christian Clemens mit Yunus Mallis Hacke und endete mit einem Pass des Argentiniers in den Rücken von Karim Onisiwo. Offiziell nannte man de Blasis wohl "Mittelstürmer", tatsächlich trieb sich der kleine Renner zwischen den Räumen und Positionen herum, entzog sich der Abwehr, war kein Ballhalter vorne, eher ein Balldieb, ein Schleicher, ein Lauerer. Und dabei neben dem Ex-Kölner Christian Clemens, der in zwei Situationen das Führungstor hätte vorbereiten können, aber unpräzise Hereingaben spielte, der zielführendste Mainzer Offensivmann.

Defensiv mussten sich die 05er in Zweikämpfe stürzen. Stefan Bell und Leon Balogun schlossen damit anfangs viele Lücken, die die Mittelfeldspieler vor ihnen offengelassen hatten. Daher hatte Jonas Lössl, der auf deutsch und englisch viele Kommandos gab, im Tor wenig zu tun. Erst in der 21. Minute war es zum ersten Mal knapp; der Kopfball von Anthony Modeste verfehlte das Tor knapp. Eine Minute später musste der Torwart vor Modeste einen gefährlichen Rückpass von Bell mit der Hand stoppen; es gab nahe der Fünfer-Ecke einen indirekten Freistoß, den Marcel Risse dem aus dem Tor stürzenden Lössl überknallte. Der Druck, den die 05er nach etwa einer Viertelstunde auf den Kölner Strafraum, die Kölner Abwehr ausgeübt hatten, hatte sich von da an wieder gelegt.

José Rodríguez und Fabian Frei setzen Marco Höger nicht so richtig unter Druck. Im defensiven Mittelfeld sehen die 05er noch nicht gut aus. Foto: imagoUnd doch gab es weiterhin vor dem Kölner Tor die besseren Angriffsszenen. Malli eroberte nach einem Einwurf den Ball, Clemens' Hereingabe war ein unbrauchbares Mittelding zwischen Torschuss und Flanke auf de Blasis und flog zwischen dem langen Pfosten und dem Mitspieler ins Toraus (24.). Im Überzahlangriff in der 31. Minute, wieder nach so einem guten Ballgewinn, fing Mergim Mavraj Clemens' Querpass auf Onisiwo und Malli ab. In der 33. Minute hatte der Kölner Ersatz-Ersatztorwart Sven Müller (Timo Horn spielt in Brasilien das olympische Fußballturnier, Thomas Kessler ist verletzt) Mühe mit einem unplatzierten Kopfball von Frei nach Onisiwos Flanke, Frei und Clemens sprangen anschließend knapp am Eckball vorbei.

Dann aber gingen die Kölner in Führung. Schon in der 26. Minute hatten sie ihre erste richtige Torszene aus dem Spiel heraus, als Marcel Risse einen guten Pass auf Artjoms Rudnevs, der an Lössl vorbeizog, aber zu weit außen ankam. Der Lette konnte nicht mehr selbst schießen, musste Flanken und Lössl holte sich den Ball. In der 35. Minute aber stand nach einem Ballverlust von Rodríguez Bell ungünstig gegen Leonardo Bittencourt, der nach Rudnevs' Querpass ein offenes Tor vor sich hatte. So etwas hatte sich angedeutet, die Lücken im Mittelfeld ließen sich nicht immer von der Innenverteidigung stopfen. Modeste und Rudnevs vergaben in der 40. Minute eine ähnliche Situation.

In der Halbzeit wechselten die Kölner fast komplett durch, die 05er brachten nur mit Jhon Córdoba für Pablo de Blasis einen neuen Mittelstürmer. Mit dem Spiel hatten sie allerdings nicht mehr viel zu tun; zu müde waren sie wohl nach dem harten Training. Bittencourt erhöhte in der 56. Minute auf 2:0, Yuyo Osako in der 81. auf 3:0. Die Kölner nutzten so ihre beiden besten Chancen der zweiten Hälfte, die 05er hatten keine mehr. Und man könnte jetzt wunderbar in Panik geraten, würde man die Umstände der Partie und das harte Programm der vergangenen Tage nicht kennen. Pflichtspielbedingungen sollten es nicht sein, und Schmidt warnte schon: "Gegen Erfurt" - am Sonntag - "wird's noch schlimmer." Dann erst beginnt die direkte Vorbereitung auf die Pflichtspielsaison.

► Alle Artikel zur Saisonarbeit

► Zur Startseite