Fester Glaube, genaue Flanke

Jörg Schneider. Bremen.
Die Liste der Ausfälle ist doch groß geworden beim FSV Mainz 05. Besonders heftig hat es das zentrale Mittelfeld getroffen. Von den sechs Sechsern im Kader stehen Martin Schmidt aktuell fünf wegen Verletzung und Sperre nicht zur Verfügung. Im Weserstadion übernahm die Allzweckwaffe Daniel Brosinski die Position neben Fabian Frei und tat dies nach Anfangsschwierigkeiten richtig gut. „Bei uns wird es nie langweilig“, sagte der 27-Jährige nach dem höchst emotionalen 2:1-Sieg beim SV Werder Bremen, den die 05er erst in der Nachspielzeit sicherstellten. „Da sind bei uns alle Dämme gebrochen“, erklärte Kapitän Niko Bungert.

Daniel Brosinski stand in der Interviewzone im Weserstadion und strahlte demonstrative Gelassenheit aus. Als ob es völlig normal sei, ein fast schon verlorenes Spiel im letzten Moment mit zwei Treffern zu drehen. Und als ob ihn die allgemeine Euphorie im Kreis seiner Kollegen und bei den mitgereisten Fans so gar nichts angehe. Doch so cool, wie der 27-Jährige nach diesem spektakulären 2:1-Sieg des FSV Mainz 05 beim SV Werder Bremen tat, war Brosinski nicht. Die aktuelle Allzweckwaffe der Mainzer genoss vielmehr den Augenblick nach einem emotionalen und komplizierten Auftritt. Der 05-Profi hatte selbst zuvor alle Höhen und Tiefen erlebt in diesem zweiten Auswärtssieg in Folge, der sein Team nach vier Spielen schon wieder auf Tabellenplatz sieben hatte vorrücken lassen.

Die Räume waren groß im defensiven Mittelfeld der Mainzer, wo fünf von sechs Spezialisten ausfielen und Daniel Brosinski sich erst akklimatisieren musste. Als der Allzweckmann auf der ungewohnten Position angekommen war, war für Werder nicht mehr viel Platz. Foto: imago„Wir sind ja bekannt dafür, dass wir es gerne spannend halten. Bei uns wird es nie langweilig“, sagte Brosinski, der in Bremen sein Debüt auf der Doppelsechs gab neben Fabian Frei. Notgedrungen, denn Jean-Pierre Gbamin hatte sich am Sonntag beim 3:1 in Augsburg eine muskuläre Verletzung zugezogen und fiel genauso aus wie der ebenfalls angeschlagen Suat Serdar. Und da José Rodriguez bekanntlich für fünf Spiele gesperrt, André Ramalho noch nicht fit, fehlten dem 05-Trainer in Bremen von seinen sechs zentralen Mittelfeldspielern im Kader gerade mal fünf. Brosinski hat in der Vorbereitung mal kurzzeitig in einem Testspiel auf der Sechs ausgeholfen. Mehr Erfahrung hat der Rechtsverteidiger, der in dieser Saison normalerweise als Linksverteidiger aufläuft, nicht. Und das merkte man ihm an.

„Ich habe mindestens 15 Minuten gebraucht, um mich da rein zu arbeiten“, gestand Brosinski nachher. „Ich musste erst meine Position finden und die richtigen Räume finden.“ In der druckvollen Anfangsphase der Bremer, die unter Anleitung ihres neuen Trainers vor eigenem Publikum einen Überfall planten und anzettelten, hatte das zentrale 05-Mittelfeld kaum Zugriff. Da war keine Abstimmung zwischen Frei und seinem neuen Nebenmann. Da ging’s rein um die Suche nach der Orientierung. Eine Phase, die dem Tabellenletzten ein paar veritable Chance eröffnete sowie die Führung durch das Tor von Izet Hajrovic. „Je länger das Spiel dauerte, desto besser ging’s bei mir. Ich habe mich vor allem in der zweiten Hälfte richtig wohl gefühlt im Spiel.“ Auch das war erkennbar. Brosinski schüttelte die Orientierungslosigkeit mehr und mehr ab, wühlte und biss sich in die Zweikämpfe, eroberte die Bälle und war derjenige, der nach der Pause das 05-Spiel häufig mit schnellen Antritten und Raumüberwindungen nach vorne anschob. Die 05-Dominanz in der zweiten Hälfte hing stark auch mit der zunehmenden Dominanz von Brosinski und Frei zusammen.

„Das ist total emotional“, gab dann Pablo De Blasis zu Protokoll, übers ganze Gesicht strahlend. Wie schon zu Hause gegen Hoffenheim erneut ein Kopfballtor des kleinen Argentiniers. Das entscheidende. Am kurzen Pfosten, nach genau getimter Flanke von Gerrit Holtmann, überlistete De Blasis Werder-Keeper Jaroslav Drobny und war danach kaum noch einzufangen. „Das ist das erste Mal, dass ich in der Nachspielzeit getroffen habe“, sagte der 29-Jährige. „Ich freue mich unglaublich, dass wir das hier noch gedreht haben. Ich habe aber nach dem 1:1 schon fest daran geglaubt, dass noch etwas gehen kann.“

Yunus Malli erzielte den Ausgleich in der 87. Minute, nachdem Jhon Cordoba den Ball vom Brustkorb abprallen hatte lassen und in den Strafraum geleitet hatte. Rund vier Minuten später lief Holtmann Werder-Rechtsverteidiger Theodor Gebre Selassie davon, brachte aus vollem Lauf von links die exakte Flanke vors Tor, und De Blasis sicherte den Mainzern den Erfolg. „Ich bin einfach losgelaufen, habe einfach geflankt, und plötzlich war das Ding drin“, sagte der 21-Jährige später. Er habe gar nicht gesehen, wer das Tor erzielt habe, er habe sich nur noch gefreut. „Ich kann mich erinnern, dass es in der Zweiten Liga bei mir auch so angefangen hat“, sagte der Linksaußen. „Damals war es gegen Erzgebirge Aue in der Nachspielzeit.“ Da spielte Holtmann bei Eintracht Braunschweig und feierte ein gelungenes Zweitligadebüt. „Dass es nun in meinen ersten Bundesligaminuten wieder so klappen würde, hätte ich nicht gedacht.“

Gerrit Holtmann (Bildmitte) gab bei seinem ersten Bundesliga-Kurzeinsatz schon seine erste Torvorlage. "In der 2. Liga hat es bei mir auch so angefangen", verriet der Debütant. Foto: Archiv/Mainz 05Und das noch ausgerechnet bei dem Gegner, bei dem Holtmann in der Jugend spielte, gewogen und für zu leicht befunden worden war. Martin Schmidt hat den superschnellen Linksaußen bis jetzt schmoren lassen, weil Holtmann bei allem Offensivtalent zunächst das Verteidigen habe lernen müssen, wie der 05-Trainer erklärte. In Bremen, als es für die Mainzer sowieso nichts mehr zu verlieren gab und Schmidt in der Schlussphase das volle Risiko ging, um wenigstens den Ausgleich zu schaffen, war der richtige Moment für Holtmanns ersten Kurzeinsatz.

„Bei uns sind nach diesem Siegtor alle Dämme gebrochen. Das ist der helle Wahnsinn“, erklärte Niko Bungert nach dem zweiten Auswärtserfolg hintereinander. „Wir sind volles Risiko gegangen und haben uns dafür belohnt“, sagte der Kapitän. „Der Trainer hat da heute ein paar richtige Entscheidungen getroffen.“ Die Entscheidung Bungert rauszunehmen und dafür Muto zu bringen, danach mit Fabian Frei einen weiteren Innenverteidiger zu opfern und dafür mit Holtmann einen weiteren Stürmer auf den Platz zu schicken, war am Ende der Schlüssel zum Sieg. „Wir haben nun einen sehr guten Start in die Bundesligasaison hingelegt. Damit können wir gut leben. So kann es weiter gehen“, betonte der 05-Kapitän.

 

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