Fast wie im richtigen Leben

Jörg Schneider
Die Bundesligasaison 2014/15 ist zu Ende. Der FSV Mainz 05 verabschiedet sich auf dem elften Tabellenplatz und darf seine siebte Spielzeit in Serie planen. Im stolzen Bewusstsein, nie auf einem Abstiegsplatz gestanden zu haben. Die Entscheidungen sind gefallen und zumindest die im Keller der Liga vermitteln ein Gefühl der Ungerechtigkeit. Damit beschäftigt sich Jörg Schneider in seinem Blog. Und stimmt vorbehaltlos dem Kaiser zu, dass frisch gezapftes Bier mit Genuss getrunken und nicht zum Duschen verwendet werden sollte.

Der FSV Mainz 05 findet in der Berichterstattung über diesen abschließenden Bundesliga-Spieltag, abgesehen von den lokalen Medien, ansonsten nur noch eine namentliche Erwähnung. Zu belanglos die Partie in München. Die 0:2-Niederlage der Mannschaft von Martin Schmidt dient nur noch statistischen Zwecken. Die Meisterschaftsfeier des FC Bayern München, die Übergabe der Schale, vor allem aber das Buhei um die Weißbier-Orgie, dieses mächtig interessante Wer-duscht-wen, bestimmte das Szenario in der Allianz Arena. Als Jerome Boateng zum dritten Mal erklären musste, wie es ihm gelungen war, seinem Trainer Pep Guardiola die obergärige Brühe übers edle Outfit zu schütten, waren die 05er schon fast auf der Heimreise. Nicht immer mag man dem, was Franz Beckenbauer zum Besten gibt, vorbehaltlos zustimmen, doch in dem Falle hat der Kaiser mit seiner Geißelung dieser Unsitte so manchem gestandenen Konsumenten des hellen Gebräus aus dem Herzen gesprochen: „Bier trinkt man und verschüttet es nicht.“

Man könnte das Zeug auch trinken. Foto: Imago

Die 05er dürften den Ratschlag am Abend ihres eigenen Saison-Ausklangs befolgt und darauf angestoßen haben, dass sie eine lange komplizierte Spielzeit zu einem vernünftigen Abschluss gebracht haben. Platz elf im Gesamtklassement. Das entspricht im Großen und Ganzen ihren Möglichkeiten. Das sechste Jahr in Folge ohne einmal auf einem Abstiegsplatz gestanden zu haben – das ist der Mainzer ganz eigene Meisterschaft. Auch wenn immer das Gefühl mitschwingt, es wäre mehr drin gewesen, hätte das Team nicht manchmal relativ unnötig Spiele hergegeben – besonders zu Hause gegen Mannschaften aus dem Tabellenkeller.

Es hätte aber auch schlimmer kommen können. Die 05er waren schon ins abschüssige Gelände eingebogen. Der Trainerwechsel hat die Talfahrt gestoppt. Martin Schmidt hat mit der Rückkehr zum leidenschaftlichen, emotionalen Kampf-, Pressing und Umschaltfußball vom Typ 05 die Basis gelegt für die entscheidenden Punktgewinne. Und dafür, dass die Mannschaft den brutalen Fight ums sportliche Überleben, den sechs andere Klubs bis zum letzten Pfiff im finalen Drama führten, entspannt von außen betrachten durfte.

Das Ende wird vielen Fußball-Anhängern nicht gefallen. Dass die großen Klubs mit ihren überteuerten Profi-Kadern, die so viel falsch gemacht haben, deren Saison-Leistung in einem derart krassen Gegensatz zu ihren finanziellen und strukturellen Möglichkeiten stand, gerade noch so den Kopf aus der Schlinge gezogen haben, lässt das Gefühl von schreiender Ungerechtigkeit wachsen. Dass der HSV erneut nach einer indiskutablen Grotten-Saison noch eine zweite Chance erhält und der SC Freiburg wegen eines fürchterlichen Eigentors absteigen muss, könnte zu lautem Gelächter anregen – wenn es nicht so traurig wäre.

Fast wie im richtigen Leben: Die Kleinen werden erwischt, die Großen kommen ungeschoren davon. Der SC Paderborn und die Freiburger, von Anfang an auf Abstiegskampf eingestellt und bis zum Schluss gegen alle Widerstände kämpfend, sind auf der Strecke geblieben. Klubs wie Hannover 96, die irgendwann vom Europapokal redeten, ehe sie 16 Mal nacheinander nicht gewannen, haben gerade noch so die Kurve bekommen. Und in André Breitenreiters bitterem Resümee steckt viel Wahrheit. „Da sieht man im Endeffekt, dass Geld doch Tore schießt, das ist hiermit bestätigt. Die Substanz der großen Vereine setzt sich über 34 Spieltage hinweg doch durch“, sagte der Paderborner Coach nach dem Abstieg.

Es war am Ende eine Millimeter-Entscheidung gegen die Kleinen. Viel hat nicht gefehlt, dass mindestens einer der veritablen Platzhirsche den Fangschuss bekommen hätte. Dem HSV kann das in der Relegation noch passieren. Unser Mitleid würde sich in Grenzen halten.

 

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Jörg Schneider
Kennt den FSV Mainz 05 aus dem Effeff. Seit 1987 begleitet er den Klub und dessen Werdegang als Berichterstatter. Als Sportredakteur der Mainzer Rhein-Zeitung war er fast überall dabei, hat über alle Höhen und Tiefen, über die Erfolge und Aufstiege geschrieben, über zig Trainingslager und Vorbereitungsphasen, von Transfersituationen berichtet und diese versucht realistisch einzuschätzen, über wirtschaftliche und soziale Entwicklungen von der Oberliga bis heute. Sein Credo: Sachlichkeit und Seriosität, immer bemüht, Denkanstöße zu geben. Erklären steht immer vor schlagzeilenträchtiger Kritik. Das wird auch bei nullfünfMixedZone.de nicht anders sein.