Experimente und neue Konkurrenz-Situationen

Jörg Schneider. Colorado Springs.
Mit zwei überdimensionalen Silberpokalen im Gepäck reist der FSV Mainz 05 am Samstag von seinem einwöchigen Trainingslager aus Colorado Springs zurück nach Deutschland. Eine Trophäe für jeden der beiden Testspielsiege gegen die örtlichen Switchbacks und die Leones Negros aus Mexiko. Für den Trainer standen jedoch die Erkenntnisse aus den zwei internationalen Begegnungen im Vordergrund. Martin Schmidt hat auf verschiedenen Positionen experimentiert, ein erfolgreiches Comeback des lange verletzten Yoshinori Muto gesehen und Neuzugänge, die dem 49-Jährigen zusätzliche Optionen und Perspektiven bieten. Entsprechend zufrieden fiel das Fazit des Schweizers nach den beiden Auftritten aus.

Abspielen der Nationalhymnen beider beteiligten Mannschaften vor dem Spiel, Werbedurchsagen im Fünf-Minuten-Rhythmus während der Partie, Lautsprecher-Durchsagen, wer gerade den Eckball vors Tor bringt, viel Show und Getöse Drumherum. Die Fußballprofis des FSV Mainz 05 haben bei ihren beiden internationalen Testspielen in Colorado Springs viele neue Erfahrungen gesammelt rund um den Ablauf eines Fußballspiels in den Staaten. Die Mannschaft von Martin Schmidt hat sich gut damit zurecht gefunden und mit ihren Auftritten im Südwesten der USA viele Sympathien gewonnen. Auch wenn die hochtrabenden Bezeichnungen Freedom Cup und Colorado Cup für zwei Freundschaftsspiele nicht so ganz die Wertigkeit dieser Begegnungen widerspiegeln, das 6:0 gegen die örtlichen Switchbacks und der 3:2-Erfolg im Elfmeterschießen nach dem 1:1-Unentschieden in der regulären Spielzeit gegen die Leones Negros aus dem mexikanischen Guadalajara hat der Mainzer Cheftrainer durchaus als Erfolg verbucht. Zum einen im Hinblick der Botschafter-Rolle, die seine Mannschaft im Fußball-Dritte-Welt-Land USA verkörpert hat, aber auch was den Nutzen anging in der aktuellen Phase der Saisonvorbereitung.

Die Testspiele kamen genau zum richtigen Zeitpunkt. Als die Mainzer noch Kraft hatten, zeigten sie trotz der massiven Trainingsbelastung zuvor eine starke spielerische Vorstellung gegen den bemühten, athletisch guten und robusten, aber technisch limitierten amerikanischen Drittligisten. Die Partie einen Tag später im Trainingsstadion der Air Force Academy gegen das ambitionierte, spielerisch starke, ballsichere und taktisch reife Zweitligateam vom Universitätsklub aus Guadalajara hatte dann schon eher den Charakter von Überwindung und Willensschulung in einer schwierigen Phase. Da fiel den Mainzern jeder Schritt schwer nach vier harten Tagen Grundlagenausdauer auf 1840 Metern Höhe, da funktionierte vieles von den Abläufen und 05-Prinzipien nicht. Doch die 05er hielten dagegen und Stefan Bell, der in Colorado Springs als Kapitän auftrat und diese Rolle wahrscheinlich auch in der neuen Saison einnehmen wird, durfte nachher den zweiten Pokal empfangen. Zeugwart Walter Notter wird wohl noch eine extra Kiste auftreiben müssen, um die beiden überdimensionalen Silberkelche auf dem Rückflug nach Frankfurt zu verstauen.

Der 05-Trainer war sehr zufrieden mit den Darbietungen des Teams. So lange die Kraft reichte, überzeugten seine Profis gegen beide Kontrahenten mit Spielkultur, Struktur und Organisation. Und mit Tempo-Angriffen, vornehmlich über die Flügel, die besonders die Amerikaner restlos überforderten. Schmidt, der später von „Top-Testspielen“ sprach, nutzte dazu die Gelegenheit für diverse Experimente. Daniel Brosinski übernahm in beiden Begegnungen die Rolle des Linksverteidigers. Auch, weil Gaetan Bussmann und Pierre Bengtsson angeschlagen waren. Und der gelernte rechte Verteidiger deutete an, dass er eine Option auf dieser Position sein kann. Jairo und Karim Onisiwo tauschten in Colorado Springs die Flügel. Pablo de Blasis versuchte sich als Sturmspitze und als hängender zweiter Stürmer. „Wir wollen Pablo auf dem Platz haben“, sagte Schmidt. „Er drängt sich auf und ist eine Option. Außerdem baut er damit eine neue Konkurrenzsituation für Jhon Cordoba und Yoshinori Muto auf.“

Besar Halimi hat seine Situation im Kader der 05er in den beiden Testspielen in Colorado Springs mit Sicherheit nicht verschlechtert. Foto: Daniel BongartzCordoba erledigte seinen Job, schoss die 1:0-Führung gegen die Mexikaner und überzeugte gegen die Switchbacks. Muto feierte ein gelungenes Comeback nach monatelanger Verletzungspause. Vor allen Dingen als Zehner im Spiel gegen das US-Team gefiel der Japaner. „Wir waren überrascht von seiner Dynamik“, sagte Schmidt. Wie der Angreifer Bälle erobert und behauptet habe, wie er sich immer in Position gebracht habe, das sei stark gewesen. „Die gelegentlichen Abspielfehler verzeihen wir ihm noch.“ Muto habe allerdings mit am meisten Probleme mit der Höhe gehabt.

Auffallend auch Neuzugang José Rodriguez, der gegen die Leones Negros nachher am Ende seiner Kräfte war, zuvor jedoch als Sechser imponierte, beste spanische Fußballschule demonstrierte. Der 22-Jährige stellt die Räume zu, beim Spanier laufen die Bälle, er selbst läuft vieles ab und bringt mit wenigen Kontakten Tempo in die 05-Angriffsaktionen. Der schlaksige Mittelfeldspieler erinnert mit seiner Ballsicherheit, seinem Überblick seinem Bewegungsablauf und seiner ganzen Spielweise stark an Sergio Busquets vom FC Barcelona. Soweit wie sein Landsmann ist der Neuzugang natürlich längst nicht. „Es wird spannend zu sehen sein, wie er sich verhält, wenn er mehr Druck auf dem Platz kriegt und keine Räume zur Verfügung hat“, betonte Schmidt. „Er will jedoch immer den Ball, variiert zwischen schnellem und langsamem Spiel. Der Junge wird uns mit Sicherheit weiter bringen.“ Rodriguez brauche nun noch gut sechs Trainingswochen, vermutete der Trainer, „dann sehen wir seine Spielstärke.“ Im Moment müsse der Spanier noch das Abkippen als Sechser lernen. „Das kennt er noch nicht so, aber er kann da reinwachsen.“

Interessante Bereicherung

Als eine interessante Bereicherung des Mainzer Spiels entwickelt sich Besar Halimi. Der im vergangenen Jahr an den FSV Frankfurt ausgeliehene Mittelfeldspieler überzeugt mit Vielseitigkeit. In den beiden Testspielen spielte der 21-Jährige auf der Sechs und auf der Zehn. „Auf der Doppelsechs fehlt ihm noch etwas das Zweikampfverhalten“, erklärte Schmidt. Als der 49-Jährige in der zweiten Halbzeit gegen die Leones Negros die Abwehr umbauen musste, weil Brosinski und Balogun angeschlagen und physisch kaputt raus mussten, da übernahm der gebürtige Frankfurter den Job als linker Außenverteidiger. „Das ging auch“, sagte Schmidt, der den jungen Spieler für dessen aufopferungsvolle Mannschaftsarbeit und Vielseitigkeit lobte. Halimi soll bekanntlich in dieser Saisonvorbereitung zeigen, ob er sich im 05-Kader behaupten kann. „Nach diesem Spiel gegen die Mexikaner hat Besar seine Situation mit Sicherheit nicht verschlechtert“, betonte der Schweizer.

Der auffälligste Mannschaftsteil in den beiden Cup-Testspielen in den Rockies war die Abteilung Flügel. Weder die Amerikaner, noch die Mexikaner hatten viel dagegen zu setzen, wenn Jairo, Karim Onisiwo, Christian Clemens oder Gerrit Holtmann auf der Außenbahn Fahrt aufnahmen. „Wir haben viele gute Bahnspieler, die Tempo machen können mit dem Ball. Das sieht gut aus“, lautete Schmidts Urteil. Wobei ein Spieler aus dieser Gruppe besonders auffiel. Holtmann zeigte in Colorado Springs zwei Gesichter. Im Training auf der Anlage der Air Force Academy wirkte der von Eintracht Braunschweig verpflichtete Linksaußen oft etwas abwesend mit noch erheblichen taktischen Mängeln - besonders in der Rückwärtsbewegung. Holtmann musste vom Trainerteam immer wieder aufgefordert und angestoßen werden, fing sich so manchen Rüffel des gestrengen Schweizers ein. In den Spielen legte der extrem schnelle Flügelmann los wie die Feuerwehr, brachte permanente Gefahr in die 05-Aktionen, überzeugte als Torschütze und Vorbereiter und war wie ausgewechselt. „Ich glaube, er ist ein Wettkampftyp“, erklärte Schmidt. „Im Spiel kommt er mehr aus sich raus als im Training.“ In der täglichen Arbeit habe der 21-Jährige noch Mühe mit den Regeln und den Abläufen des Mainzer Spiels. „Im Spiel wirkt er dann frei. Wir arbeiten aber extra mit ihm, weil er im Moment noch lieber mitläuft, als dass er reingeht und einrückt“, sagte der Coach. „Wenn‘s aber nach vorne geht, da geht’s bei ihm ab. Und am Strafraum sollte man ihn mit seinem linken Fuß nicht zum Schuss kommen lassen, sonst rappelt es. Da ist einiges dahinter.“

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