Evolution

Christian Karn
Wenn der FSV Mainz 05 am Samstagabend in Wolfsburg spielt, könnte das ein Schlüsselspiel sein, das es in dieser Form auch am Ostersonntag 2011 gab: Die 05er gewannen 0:0 in Nürnberg, was komisch klingt, aber tatsächlich die Vorentscheidung war im Rennen um den fünften Platz. Es ist möglicherweise nicht restlos logisch zu erklären, warum die Mainzer schon wieder in so hohen Tabellenbereichen unterwegs sind, aber es entstammt einem jahrzehntealten Trend, der sogar die Hoffnung nährt, im Falle einer neuerlichen Qualifikation zur Abwechslung nicht schnellstmöglich auszuscheiden.

Vom Eise befreit waren Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick, als der FSV Mainz 05 am Ostersonntag 2011 als Tabellenfünfter zum Auswärtsspiel nach Nürnberg fuhr.

Das Restprogramm der Europapokal-KandidatenEs war das Schlüsselspiel der Rückrunde jener Saison: Zwölf Punkte waren vor der Partie noch im Topf und die Nürnberger waren zwei Zähler hinter den Mainzern. Neun Punkte waren nach der Partie noch im Topf und die Nürnberger waren immer noch zwei Punkte hinter den Mainzern. Denn es war das einzige Spiel des Jahres, in dem die 05er von Anfang an mit dem Unentschieden zufrieden waren. Es war das einzige 0:0 der Saison und es war ein Riesensieg, weil es den Konkurrenten auf Distanz gehalten hat. So dass nach dem Spiel selbst der bis dahin so zurückhaltende Trainer Thomas Tuchel erstmals öffentlich den Europapokal als Ziel ausgab: "Wir wollen die einzigen bleiben, die immer einen der ersten fünf Tabellenplätze hatten." Es war ein pragmatischer Ansatz. Der Punkt wurde erkämpft, nicht erspielt. Keine Boygroup diesmal, sondern der Beweis, dass man nur mit einer guten Abwehr wirklich etwas reißen kann. Die 05er hatten die zweitbeste der Liga in jener Saison, in der sie die einzigen blieben, der immer einen der ersten fünf Tabellenplätze hatte, in der sie nach dem 0:0 in Nürnberg die restlichen Spiele gewannen und am Ende sogar mit elf Punkten Vorsprung in den Europapokal kamen.

Vor dem Schlüsselspiel in Nürnberg waren die 05er Fünfter - danach immer noch. Foto: imagoDas Stichwort dabei lautet: Evolution. Und an dieser Stelle schweifen wir direkt wieder ab zu einer alten jüdischen Anekdote. Zum Rabbi Hillel, dem großen Schriftgelehrten der (christlichen) Zeitenwende habe einst ein Provokateur gesagt: "Ich will zum Judentum konvertieren, wenn Du mich die ganze Thora lehrst, während ich auf einem Fuß stehe." Worauf der Rabbi wartete, bis der andere so weit war, um dann zu sagen: "Was Du nicht willst, was man Dir tu, das füg' auch keinem anderen zu. Das ist alles. Der Rest ist Kommentar. Geh hin und lerne."

Analog dazu steht nun die Frage im Raum: Welche Tabellenziele, ganz allgemein gehalten, sind denn im Ligasport überhaupt denkbar? Meisterschaft? Nichtabstieg? Einstelliger Tabellenplatz, oberes Drittel, Europapokal?

Es ist viel einfacher. Es gibt immer nur zwei Ziele. Erstens: Den Status quo nach unten konsolidieren. Zweitens: Den Status quo nach oben verbessern. Der Rest - Meisterschaft, Nichtabstieg, et cetera - ist Kommentar, ist nichts anderes als eine Ableitung aus diesen beiden Kernsätzen: Wir wollen unser Niveau lieber halten, als es zu senken. Wir wollen unser Niveau lieber steigern, als es zu halten. Fertig.

Das ist Weiterentwicklung, nichts anderes, das nennt man "Evolution", und das ist das Gegenteil von "Intelligent Design". Letzteres ist (laut ZEIT) "religiös motivierter Unfug" und besagt, dass alles, was existiert, von jemandem genau so festgelegt worden ist. Starr und unverrückbar. Und je nachdem, was man als Ausgangspunkt definiert, ist der Platz von Mainz 05 in dieser Philosophie bis in alle Ewigkeit in der Oberliga Südwest (1976-88) zementiert. Oder im Abstiegskampf der zweiten Bundesliga (1988-01). Oder auf Platz vier der zweiten Liga (2001-03). Oder auf Platz elf bis dreizehn der ersten (2004-15).

Seit Jahrzehnten erreicht demnach Mainz 05 die beiden Ziele des Ligasports mit großem Erfolg; auch zwischenzeitliche Rückschläge (die Jughard-Affäre von 1982, die Abstiege von 1989 und 2007) haben den Verein nicht dauerhaft zurückgeworfen. Die graue Zweitligamaus der 1990er, der Gerade-so-Bundesligist Jürgen Klopps, das hätte sich der Pleiteklub der späten 60er, der mittleren 70er, der frühen 80er auf seiner Bezirkssportanlage kaum vorstellen können - aber auch diese Zwischenstationen sind hinter dem Ereignishorizont verschwunden. Mainz 05 ist schon wieder auf dem Weg in den Europapokal? Wie 2011, wie 2014, wie 2016. Mit dem Unterschied, dass die 05er heute in der Breite viel besser dastehen als damals; das merkt man allein daran, dass zwei zuletzt gesperrte Stammspieler nun zurück in die Mannschaft wollen, ihre Vertreter aber gerade erst ganz hervorragende Argumente geliefert haben, in der Startelf zu bleiben. Dass seit Wochen einer der beiden Hinrundentorjäger fehlt, der andere nicht mehr so effizient ist wie vor Weihnachten, dass außerdem der Kapitän ausfiel, dass die 05er das Fehlen von Jairo Samperio, Yoshinori Muto, Giulio Donati und Julian Baumgartlinger einfach wegsteckte. Die 05er könnten es vielleicht sogar schaffen, Yunus Malli und noch irgendjemanden zu verlieren, ohne dadurch so sehr zurückgeworfen werden wie 2011 ohne Lewis Holtby, André Schürrle, Christian Fuchs und den verletzten Adam Szalai, wie 2014 ohne Maxim Choupo-Moting, Nicolai Müller, Zdenek Pospech und Thomas Tuchel.

Die Entwicklung ist also zu sehen. In den vergangenen 40 Jahren ging es immer weiter nach oben. Und noch weiter. Und noch weiter. Und klar, irgendwann geht es nicht mehr weiter, irgendwann stößt die schönste Entwicklung an ihre Grenzen, die sich durch das doch Unerreichbare definieren. Meister in der Bundesliga dürften die 05er auch weiterhin nur an der Spielkonsole werden. 2011 bewegten sie sich wohl jenseits der Grenze, nach oben genötigt, weil einige Klubs, die eigentlich die Spitzenplatzierungen zum Anspruch hatten, die Konsolidierung des Status quo nicht hinbekamen; (damals) übliche Verdächtige mit Europapokal-Ambitionen wie Schalke, Wolfsburg, Bremen waren im Abstiegskampf. Und klar: Nur weil die üblichen Verdächtigen ausfallen, bleibt der fünfte Platz nicht leer, kleinere Kandidaten wie Mainz 05, wie zwei Jahre später der SC Freiburg, wie noch zwei Jahre später der FC Augsburg werden so nach oben gespült. Spielen die 05er auch 2016 jenseits der Grenze? Kann schon sein, aber vielleicht ist es auch der nächste Evolutionsschritt.

2011 hat Mainz 05 in Nürnberg gewonnen. Nicht das Spiel, aber den entscheidenden Punkt, um den es in jenem Moment ging. Und an dieser Stelle kommen wir zum Tagesgeschäft. Denn Geschichte wiederholt sich. Etwas früher in der Saison, nicht wie damals am 31., sondern bereits am 29. Spieltag, steht den 05ern am Samstag ein sehr ähnlicher Schlüsselmoment bevor. Auswärtsspiel in Wolfsburg, bei dem Gegner, der gerade auf dem ersten Platz steht, der auf keinen Fall für den Europapokal reichen wird. Eine Mainzer Niederlage, und der gerade sechs Punkte hinter den 05ern platzierte VfL kommt wieder auf drei Punkte heran; den FC Ingolstadt, der gerade acht Punkte entfernt ist, wollen wir einstweilen einfach ignorieren. Ein Sieg, dann ist für die Mainzer fünf Spiele vor Schluss eine Platzierung unter den ersten sieben realistisch kaum noch zu nehmen. Und wie schon 2011 in Nürnberg könnte sich am Ende herausstellen, dass ein 0:0 in diesem speziellen Spiel auch ein Sieg ist - und ein 1:0 erst recht.

►Alle Artikel zu Einwurf und Abpfiff

►Alle Artikel zum Spiel beim VfL Wolfsburg

►Zur Startseite

 

Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.