Erfolgreicher Überfall in der Anfangsphase

Jörg Schneider. Leverkusen.
Ein unerwartet klarer und eindrucksvoller Auswärtssieg als Ouvertüre: Die Profis des FSV Mainz 05 haben sich mit diesem 2:0-Erfolg bei Bayer 04 Leverkusen selbst den Weg bereitet für eine stimmungsvolle Teilnahme am Rosenmontagszug. „Es musste nicht unbedingt schön sein, aber erfolgreich. Ich glaube, das haben wir auf den Punkt getroffen. Die drei Zähler tun uns gut, um die Distanz nach hinten zu wahren. Solche Spielen brauchen wir noch ein paar, um an die 40 Punkte heranzukommen und einen ruhigen Sommer zu kriegen“, sagte ein zufriedener 05-Trainer, dessen Matchplan aufgegangen war.

Die mitgereisten Anhänger dominierten die BayArena akustisch ebenso eindrucksvoll, wie ihre Mannschaft den dritten Auswärtssieg der Saison einfuhr. Gut 1200 Fans des FSV Mainz 05 feierten ausgelassen den 2:0-Erfolg beim TSV Bayer 04 Leverkusen und damit einen überragenden Auftakt der närrischen Tage. Über die gesamten 90 Minuten hatten die 05-Anhänger die Stimmhoheit im Stadion. Und als in der Schlussphase aus dem Mainzer Block die „Oh, wie ist das schön"-Gesänge erschallten, stimmte das Leverkusener Publikum höhnisch ein. Eine weitere Demütigung für das ambitionierte Bayer-Team, das sich schon zur Pause ein gellendes Pfeifkonzert hatte anhören müssen. Die 05-Profis, die mal wieder zum richtigen Moment geliefert, in einer komplizierten Situation nach der Heim-Niederlage gegen Bremen eine reife Leistung auf den Platz gebracht haben, genossen nachher das Bad in der Menge, das nicht enden wollende Olé, olé Fiesta, als Ouvertüre für einen stimmungsvollen Rosenmontagszug zu Hause.

Die 05-Profis genossen den Auswärtssieg in Leverkusen in vollen Zügen und schon in Rosenmontagsstimmung. Hinter den Masken neben Danny Latza verbergen sich die bekennenden Fassenachter Fabin Frei und Gaetan Bussmann. Foto: ImagoEin Sieg an Fastnacht, ein hoch verdienter Erfolg beim Champions-League-Klub. Beste Voraussetzungen, um auch am Montag beim Umzug durch die Innenstadt auf ein wohlgesonnenes Publikum zu treffen. Eine Delegation der Mannschaft wird auf dem eigenen 05-Wagen im Zug mitfahren. „Die Mannschaft gehört dahin, der Verein gehört dahin“, sagte Martin Schmidt nach der Partie. „Wir können nicht das ganze Jahr durchs Land rasseln und sagen, wir sind ein Karnevalsverein, unsere Liedchen singen, bei jedem Tor den Narhallamarsch erklingen lassen und dann am Rosenmontag unsere Spieler einsperren. Eine Reihe von Spielern wird auf dem Wagen sein. Das gehört auch zu unserer Außendarstellung.“ Allerdings, so der 05-Trainer, „mit einer gewissen Seriosität, um das bevorstehende Wolfsburg-Spiel schon ab Sonntag in die richtigen Bahnen zu lenken. Denn das ist die Herausforderung, die jetzt steht für uns. Welches Gesicht zeigen wir am nächsten Samstag im Heimspiel gegen Wolfsburg?“.

Das Gesicht, das die zuletzt arg gescholtene Mannschaft in Leverkusen zeigte, vor allem in der Anfangsphase, war das, was sich die Verantwortlichen häufiger wünschen von ihrem Team. Dieser Überfall der 05er in der BayArena hätte durchaus zu einem ausgewachsenen Debakel führen können für die Gastgeber. Ehe der Gegner überhaupt in der Partie angekommen war, führten die Mainzer bereits mit 2:0 und ließen zwei weitere fast schon fertige Tore nach Tempo-Kontern liegen. Bereits in der zweiten Minute war Jhon Cordoba nach einem Fehlpass von Lars Bender auf und davon, scheiterte aber im direkten Duell an Torhüter Bernd Leno. 2:53 Minuten waren gespielt, als Stefan Bell einen Eckball von Levin Öztunali mit dem Kopf zum 1:0 ins Netz wuchtete. Nach sechs Minuten war Pablo De Blasis auf links durch, Öztunalis Flugkopfball nach präziser Flanke strich nur um Zentimeter am langen Pfosten vorbei. Nach elf Minuten brachte Öztunali einen Freistoß vors Tor, der durch Freund und Feind hindurch flutschte, anderthalb Meter vor dem Torhüter noch tückisch aufsetzte – 2:0. Auch wenn die Werkself danach besser zurecht kam, Druck aufbaute, mehr als ein Kopfball von Tin Jedvaj aus kurzer Distanz, den Jonas Lössl mit einem Reflex von der Linie kratzte, sowie ein paar problemlose Distanzschüsse hatte der Gegner bis zum Abpfiff gegen die aggressiv und gut organisiert verteidigenden Mainzer nicht zu bieten.

„Mit der ganzen Vorgeschichte, dass nach Bremen so viel Druck drauf war, war das ein sehr gutes Spiel von uns“, sagte Rouven Schröder nachher zufrieden. „Es war ein total verdienter Sieg. Zumal wir zu den beiden Toren in der ersten Halbzeit noch mehr Chancen hatten, um besser abzuschließen. Wir hatten zwar in der zweiten Hälfte bis auf die Muto-Chance keine große Gelegenheit mehr, defensiv war das jedoch sehr gut organisiert, sehr gut verteidigt.“ Yoshinori Muto hatte in der 85. Minute nach einer Cordoba-Flanke das 3:0 auf dem Kopf, scheiterte aber an Leno. „Wir sind als Team wirklich sehr gut aufgetreten. Das ist ein guter Fingerzeig, dass die Mannschaft die letzte Woche vergessen lassen wollte“, so der Sportdirektor. „Wir haben immer wieder die zweiten Bälle gewonnen und dadurch das Spiel beruhigt. Wir kamen nie in die Situation, dass mal ein Ball durchrutschte. Selbst in den Drangphasen und nach mehreren Eckbällen waren wir immer Herr der Lage. Mit einem überragenden Stefan Bell, das muss man sagen, der mit seiner Abgeklärtheit die Mannschaft geführt hat. Aber bei aller Freude, unser Thema ist jetzt, dass wir nach einem gewonnen Spiel auch nächste Woche zu Hause nachlegen müssen. Heute hat man gesehen, dass du in der Bundesliga in jedem Spiel die Möglichkeit hast, die Partie für dich zu entscheiden, wenn du hart arbeitest.“

Nicht unbedingt schön, aber erfolgreich

Die Freude war groß bei den 05ern. Sie genossen den unerwartet klaren und ungefährdeten Auswärtssieg in vollen Zügen, aber sie blieben auf dem Teppich. „Vor einer Woche haben wir mit zwei Standardtoren das Spiel verloren, heute mit zwei Standardtoren gewonnen. So, wie nach dem letzten Spiel nicht alles schlecht war, war nach diesem Spiel nicht alles gut und perfekt“, sagte der 05-Trainer anschließend nüchtern. Denn Martin Schmidt fand auch ein Haar in der Suppe: das Umschaltspiel. „Bei unseren ersten Chancen wusste ich, dass unser Plan diesmal aufgehen würde. Ich hatte aber eigentlich gehofft, dass wir noch besser kontern, wie bei den beiden Möglichkeiten am Anfang, die wir nicht gemacht haben. Wir müssen eigentlich 4:0 führen, dann ist der Deckel direkt drauf. Wir haben mit zunehmender Spieldauer nicht sauber genug gekontert nach den vielen Balleroberungen, die wir hatten. Die Räume waren da. Dann aber hatten wir beispielsweise dreimal die Situation, wo Pablo De Blasis den Ball im Mittelfeld hat. Der muss ihn nur noch drüber legen über den Verteidiger, dann geht einer von uns alleine aufs Tor. Der Ball muss nicht mal genau sein, der muss nur drüber oder durchkommen, aber der knallt das Ding dem Gegner an den Kopf oder schießt den Mann an. Wenn du nicht so schlagkräftig bist im Standard, ärgerst du dich nachher über ein Spiel, in dem du viele Konterchancen hast liegen lassen. Das bleibt schon ein Ansatz für die Arbeit diese Woche“, betonte der 49-Jährige.

Das war aber auch der einzige Ansatzpunkt für Kritik an den 05-Profis. „Wir sind glücklich über diesen Sieg. Wichtig war, dass wir von Anfang an bereit waren, die richtige Körpersprache hatten und im Rennen drin waren. Die 2:0-Führung hat uns geholfen, denn danach gab es eine harte Phase zu überstehen, wo Leverkusen gut ins Spiel gefunden hat. Ab der 35 Minuten konnten wir es wieder etwas bremsen. In der zweiten Halbzeit gab es nochmal so eine Phase. Schlussendlich waren es 80 Minuten harter Arbeit. Das war schon ein bisschen der Matchplan“, erklärte der 05-Trainer. „Es musste nicht unbedingt schön sein, aber erfolgreich. Ich glaube, das haben wir auf den Punkt getroffen. Die drei Zähler tun uns gut, um die Distanz nach hinten zu wahren. Solche Spielen brauchen wir noch ein  paar, um an die 40 Punkte heranzukommen und einen ruhigen Sommer zu kriegen.“

Was den Coach, aber auch das staunende Leverkusener Publikum beeindruckte, war die Tatsache, dass die 05er von der ersten Sekunde an mit enormer Willenskraft, Überzeugung, Aggressivität und kühlem Kopf dem Favoriten das Leben schwer machten. „Wir haben von der ersten Minute an dem Gegner gezeigt, wo wir hin wollen. Wenn du 2:0 führst wie vor einer Woche die Bremer bei uns, kannst du gut stehen, du kannst gegen den Ball arbeiten, der Gegner versucht Lösungen in die Breite und in die Tiefe zu finden und du merkst, es wird bei ihm immer etwas schlechter statt besser. Das baut dich mit jedem gewonnen Zweikampf auf“, schilderte Schmidt die Situation. „Bei der Verteidigungsarbeit haben alle mitgemacht, von den Leuten ganz vorne bis zum Torwart. Wir haben in allen Linien gut gearbeitet.“

Taktisch bestens eingestellt, hochkonzentriert und hellwach zeigten die 05er eine starke Reaktion auf die Bremen-Pleite, die offenbar kräftig an den Spielern genagt hat. „Wenn du ein Spiel hast, was nicht gut gelaufen ist, bist du in der Bringschuld. Wenn dann das gesamte Team dieselbe Einstellung hat, dieselbe Meinung hat und was gut machen will, dann klappt das auch oft. Dann kommt so eine geschlossene und mental gute Mannschaftsleistung raus. Wir haben zum dritten Mal in diesem Jahr zu null gespielt. Das ist nicht so schlecht.“ Die gravierende Auswärtsschwäche hatte der Trainer im Vorfeld nicht explizit thematisiert. „Die Spieler wissen das sowieso“, sagte Schmidt. „Wir haben gesagt, wir brauchen diese Reaktion. Jetzt müssen wir aber diese Woche aufpassen, dass es nicht wieder in die andere Richtung kippt. In der Arbeit drin bleiben, fokussiert bleiben und nachlegen. Denn die große Herausforderung heißt nun Wolfsburg.“ Jetzt gilt es für die Mannschaft, diese Mentalität aufrecht zu halten und den Auswärtssieg zu Hause zu bestätigen.

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