Entspannung, Streit und Spiel auf Sieg

Christian Karn. Mainz.
Die Einschränkungen im Stadtgebiet hat die Polizei von Saint-Étienne zurückgenommen, die 05-Fans haben die Innenstadt erreicht; in anderer Sache dagegen ist die gespannte Beziehung zwischen Teilen der Fanszene und dem Verein in den vergangenen Tagen eskaliert. Welche Auswirkungen der neue Streit auf das heutige Europapokalspiel hat, lässt sich nicht abschätzen. Der FSV Mainz 05 sollte das Spiel gewinnen, aber auch die Franzosen wollen sich "nicht hinter einem 0:0 verstecken". Ohne ihren Torjäger Robert Beric, dafür wieder mit dem in Mainz gesperrten Stammtorwart Stéphane Ruffier will auch die ASSE auf Sieg spielen.

Es ist eine interessante Gruppe, die Gruppe C der Europa League. Sie besteht aus einem bereits chancenlosen Team; der Qäbälä FK hat viermal verloren und als einziges von 48 Teams im Wettbewerb definitiv keine Chance mehr aufs Weiterkommen. Selbst Slovan Liberec könnte in der Gruppe J den Sechs-Punkte-Rückstand noch wettmachen, Qäbälä wird in zwei Spielen keine acht Punkte aufholen. Die anderen drei Gruppenteilnehmer, die AS Saint-Étienne, der RSC Anderlecht und der FSV Mainz 05, haben in der Hinrunde gegeneinander konsequent unentschieden gespielt, in der Rückrunde gab es in der einzigen Begegnung jenes kuriose 6:1 der Belgier gegen die Deutschen. Die stehen nun im Dreikampf gegen den dritten Platz unter Druck.

In der 88. Minute rettete der Torjäger Robert Beric (2. v. r.) der ASSE in Mainz einen Punkt; es war der Auftakt in einer langen Unentschieden-Serie in der Europa-League-Gruppe C. Im heutigen Rückspiel fehlt Beric. Foto: imagoMainz 05 kann die K.o.-Phase noch aus eigener Kraft erreichen. Die Mainzer müssten es aber heute schon regeln. Bei einer Niederlage geht gar nichts mehr. Dann wäre Saint-Étienne nicht mehr in Reichweite, im besten Falle könnten die 05er noch mit Anderlecht gleichziehen, aber dann zählte das direkte Duell und das hat der RSC in der Tasche. Ein Unentschieden - schon ein 0:0 - macht den letzten Spieltag nur dann interessant, wenn Anderlecht heute gegen Qäbälä verliert. Unwahrscheinlich. Wenn der RSC nicht verliert, muss er im Dezember auch der ASSE die Tordifferenz mit einem 5:0, 6:1 oder 8:2 versauen. Ein Unentschieden von 2:2 aufwärts würde den 05ern den Vorteil gegenüber Saint-Étienne bringen, aber immer noch eine Niederlage der Franzosen in Brüssel erfordern. Nur bei einem Auswärtssieg bei der ASSE wären die 05er wieder dick im Geschäft und hätten das Weiterkommen immer noch selbst in der Hand, wären nicht auf Schützenhilfe angewiesen - auch dann würde die Entscheidung jedoch erst am letzten Spieltag fallen.

Aus Frankreich gibt es erneut gute Nachrichten. Das von der Polizei verhängte Innenstadtverbot für die Fanbusfahrer wurde offenbar zurückgenommen, mehrere hundert 05-Fans sind bereits seit der Mittagszeit in Saint-Étienne unterwegs und erwarten den Anpfiff, der um 21.05 Uhr durch den niederländischen Schiedsrichter Bas Nijhuis gegeben werden soll. Der Metzger aus Enschede pfeift seit 2005 in der Eredivisie, ist seit 2007 FIFA-Schiedsrichter und hat in dieser Saison bereits die Champions-League-Begegnungen zwischen dem FC Sevilla und Olympique Lyon (1:0) sowie Ludogorez Rasgrad und dem Arsenal FC (2:3) gepfiffen, außerdem die WM-Qualifikationsspiele zwischen Albanien und Spanien (0:2) sowie Tschechien und Norwegen (2:1). Das Ergebnis der Belgier werden die beiden Teams vor dem Anpfiff schon erfahren können; die Partie in Aserbaidschan beginnt bereits um 17 Uhr hiesiger Zeit.

Und doch gibt es auch unangenehme Neuigkeiten: Offenbar ist es in den vergangenen Tagen in der angespannte Beziehung zwischen dem Verein und Teilen der 05-Fans zur Eskalation gekommen; der Vorstand warf der nur vage definierten "aktiven Szene" schriftlich unter anderem "aggressives und zum Teil gewalttätiges Verhalten" gegenüber eigenen und gegnerischen Fans, Vereinsmitarbeitern und Medienvertretern vor und kündigt an, bei weiteren Vorfällen Privilegien wie Park- und Zufahrtsgenehmigungen zur Arena, die Möglichkeit zur Lagerung von Fahnen im Stadion oder die Nutzung von Podesten auf der Fantribüne zu widerrufen. Die seit Kurzem unter dem Namen "Q-Block" auftretende Mainzer Ultraszene fühlt sich über Gebühr angegriffen und deutet ebenfalls an, diese Privilegien "dem Verein überbracht" zu haben - was das in der Praxis bedeutet, wird sich vielleicht heute abend besser abschätzen lassen.

Aber zurück zum Sportlichen: Während die Mainzer zunehmend optimistisch sind, was den Einsatz ihres Bundesliga-Rekordschützen Yunus Malli und ihres Rechtsverteidigers Giulio Donati anbetrifft, müssen die Franzosen auf ihren Topstürmer verzichten. Robert Beric hat sich - ebenso wie zuvor der 05er Yoshinori Muto, der wieder trainiert, aber noch eine Weile aufgebaut werden soll - beim Auswärtsspiel in Baku verletzt. Auch der Rechtsaußen Romain Hamouma fällt wohl aus. Da es so aussieht, als würde auch Henri Saivet aus der Startelf genommen werden, könnte es eine völlig neue Angriffsreihe geben mit dem in Mainz eingewechselten Oussama Tannane sowie Kévin Monnet-Paquet, der das Hinspiel als Reservist erlebte, auf den Flügeln und Nolan Roux als Mittelstürmer. Ole Kristian Selnaes und Bryan Dabo dürften wie im Hinspiel im Mittelfeld auflaufen; Letzterer war in den vergangenen Wochen kein Stammspieler. Um den dritten Platz konkurrieren der Veteran Fabien Lemoine und der junge Jordan Veretout, die sich das Hinspiel teilten. Hinten könnte es diesmal einen echten Linksverteidiger geben: Im Hinspiel hat dort der Innenverteidiger Florentin Pogba aushelfen müssen, inzwischen hat sich aber der im September noch verletzte Cheikh Mbengue wieder links hinten festgespielt. Pogba dürfte wieder nach innen rücken, Kévin Theophile-Catherine würde dann aus der Startelf fallen. Außerdem ist der Stammtorwart wieder dabei; Stéphane Ruffier, ehemaliger National-Ersatzkeeper Frankreichs, war in Mainz wegen einer Tätlichkeit in der Europa-League-Qualifikation gesperrt.

Sportlich läuft es bei der ASSE in letzter Zeit leidlich gut: Von den zwölf Spielen seit dem 1:1 in Mainz haben die Franzosen nur zwei verloren: Anfang Oktober 0:2 im Derby beim großen Rivalen aus Lyon sowie am vergangenen Sonntag 0:1 gegen den OGC Nizza. Viele Unentschieden verwässern allerdings die Bilanz; vor der Länderspielpause beispielsweise ein 0:0 in Metz. Gegen Qäbälä gab es zwar alle sechs Punkte, aber es war mühselig. Zuhause gewann die ASSE 1:0 durch ein Eigentor, auswärts gab es in einem völlig ausgeglichenen Spiel ein 2:1 nach Rückstand - in gewisser Weise sicher vergleichbar mit dem 3:2 nach 1:0 und 1:2 der 05er in Baku.

Der französische Trainer will auf Sieg spielen. "Uns fehlen in letzter Zeit die Tore", sagt Christophe Galtier. "Aber wenn wir glauben, wir könnten uns hinter einem 0:0 verstecken, rennen wir gegen die Wand. Ein 0:0 würde uns weit in Richtung Qualifikation bringen, aber so bereite ich das Spiel nicht vor. Wir wollen Tore schießen, wir wollen gewinnen. Mainz ist ein Team, das Tore schießen kann, das mit Standards gefährlich ist, aber auch ein Team, das viele Tore kassiert." Galtier erwartet ein offenes Spiel. "Mainz muss etwas tun", erklärt der ASSE-Trainer, "um im letzten Spiel noch Chancen zu haben. Es wird offen sein, weil der deutsche Fußball eher offen ist. Im Hinspiel haben sie hoch gepresst, uns zu ersticken versucht, damit hatten wir unsere Schwierigkeiten. Erst in der zweiten Hälfte waren wir besser. Angesichts der Eigenschaften beider Teams ist alles möglich."

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