„Eine unglaubliche Dichte“

Jörg Schneider. Mainz.
Mit dem 1:1 zum Rückrundenauftakt zu Hause gegen Borussia Dortmund belegt der FSV Mainz 05 aktuell den zehnten Tabellenplatz. Martin Schmidt und dessen Mannschaft haben sich für den zweiten Saison-Abschnitt ein klares Ziel gesteckt. „Wir wollen am Ende auf einem einstelligen Tabellenplatz stehen“, sagt der Coach und weiß, dass dies angesichts der Konstellation mit drei Top-Klubs, die den Mainzern im Nacken sitzen, eine große Herausforderung wird. „In die ersten zehn zu kommen ist in diesem Jahr schwieriger als letztes Jahr Sechster oder Siebter zu werden“, glaubt der 49-Jährige.

Gut zwei Meter hoch ist die Magnettafel mit den Namen der 18 Klubs, die im Presseraum der Opel Arena nach jedem Spiel die aktualisierte Tabellensituation der Bundesliga anzeigt. Nach dem 1:1 des FSV Mainz 05 im Heimspiel gegen Borussia Dortmund richteten beide Trainer einen respektvollen, fast schon bangen Blick auf dieses Klassement an der Wand. Trotz des Punktgewinns, den Martin Schmidt naturgemäß mehr wertschätzte als Thomas Tuchel, stehen beide Vereine zum Auftakt der Rückrunde nach 18 Spieltagen nicht da, wo sie gerne sein würden. Im Falle von Tuchels BVB vor allen Dingen nicht da, wo sie vom eigenen Anspruch her und aufgrund der Kaderbesetzung sein müssten. Für die 05er ist der zehnte Platz mit 22 Punkten in Anbetracht aller Umstände ganz ordentlich. Die Dortmunder wollen und können nicht zufrieden sein mit ihrem vierten Rang hinter Eintracht Frankfurt und dem souveränen Führungs-Duo Bayern München und Leipzig. Die Dortmunder haben den direkten Champions-League-Platz als klaren Auftrag. Die Mainzer wollen so weit wie möglich nach vorne ins Mittelfeld der Liga. Beiden Trainern war am Sonntag beim Blick auf die Tabellen-Konstellation jedoch klar, dass es keine einfache Aufgabe wird, ihre Ambitionen im restlichen Saisonverlauf erfolgreich umzusetzen. Denn dieses Tableau hat es in sich.

Yoshinori Muto und Pablo De Blasis: Welche Rolle nehmen die beiden Stürmer im künftigen Offensivkonzept der 05er ein? Foto: Ekkie VeyhelmannDie Frankfurter Eintracht, die TSG Hoffenheim und Hertha BSC nehmen aktuell als Außenseiter die restlichen  internationalen Plätze ein und zeigen wenig Tendenz, dass dem Trio in absehbarer Zeit ein gravierender Einbruch droht. Und dahinter geht dann so richtig die Post ab bis hinunter zum SV Werder Bremen, der knapp über dem Relegationsplatz steht. Köln, Freiburg und Leverkusen vor den 05ern, dahinter die fußballerischen Großmächte aus Gelsenkirchen, Mönchengladbach und Wolfsburg, die ihren Ansprüchen und Möglichkeiten stark hinterherhinken sowie der FC Augsburg, der sich durch den Sieg in Wolfsburg noch vor die Gladbacher geschoben hat. Da sitzt den Mainzern eine geballte Gefahr im Nacken.

Nicht zuletzt deshalb haben sich die Verantwortlichen am Bruchweg dafür entschieden, Bojan Krkic als Verstärkung zu verpflichten und einen Spieler zu holen, der aufgrund seines fußballerischen Könnens eine echte Verstärkung sein muss, dem Team einen Schub gibt, eine Qualität einbringt und sei es auch nur für wenige Monate, die ansonsten im Kader nicht vorhanden ist und die ein Klub wie die 05er normalerweise auch nicht an Land ziehen kann. Ähnlich wie seinerzeit, als sich Mohammed Zidan das 05-Trikot überzog. „Bojan bringt etwas, was wir nicht haben“, bestätigt der Coach. „Er ist ein Spieler mit Reputation, der im Team etwas bewirkt. Ein komplexer Spieler. Ein Profil, das gefehlt hat.“ Ein Transfer, mit dem Schmidt und Sportdirektor Rouven Schröder auch der eigenen Mannschaft signalisieren wollen, dass der Klub in dieser Rückrunde mit aller Macht seine Position festigen und ausbauen möchte. „Wir haben Ziele und wollen sie wahrnehmen“, sagt Schmidt. „Wir haben unser Ziel eindeutig fixiert: Wir wollen am Ende auf einem einstelligen Tabellenplatz stehen.“

Der 49-Jährige ist weit davon entfernt von den internationalen Plätzen zu träumen, weil ihm schwant, dass die in diesem Jahr kaum erreichbar sein dürften und es zunächst in erster Linie um Bestandswahrung geht. „Wenn man die Tabelle anschaut, dann sieht man eine unglaubliche Dichte. Wenn ich sehe, was hinter uns ist: Wolfsburg, Gladbach, Augsburg, Schalke, das ist eine unglaubliche Tabelle. Da kannst du am Ende Siebter sein, aber du kannst auch 15. sein“, betont der Schweizer. „In die ersten zehn zu kommen, ist in diesem Jahr schwieriger als letztes Jahr Sechster oder Siebter zu werden.“ Die Top-Klubs, die hinter den Mainzer stehen, fürchtet Schmidt, werden eine Aufholjagd starten, die Überraschungsteams weiter oben, dürften mit ihrer derzeitigen Konstanz kaum großartig und freiwillig Boden abgeben. „Köln, Eintracht, Freiburg sind nicht nur zufällig so weit vorne. Die haben Qualität“, weiß Schmidt. Thomas Tuchel sagt Ähnliches. „Die Mannschaften, die so viele Punkte haben, sind wahnsinnig stabil, haben sehr klug zusammengestellte Teams. In der jetzigen Situation mit so vielen Punkten gibt es für diese Mannschaften gar keinen Rückschlag mehr. Es ist einfacher dort zu bleiben und das zu verstärken. Es ist mehr als Euphorie. Es ist große Qualität“, erklärt der 43-Jährige, der natürlich einen anderen Blickwinkel auf das Ganze hat als sein Mainzer Kollege, aber vor ähnlichen Schwierigkeiten stet. Von Tuchel wird erwartet, dass er mit seinem Team die Rolle als Bayern-Jäger einnimmt. „Die Liga ist kompliziert und qualitativ sehr eng geworden, auch in der Spitze“, sagt der Coach rechtfertigend. „Wir kriegen keine Komplexe, weil Frankfurt vor uns steht. Wir haben das Gefühl, ein paar Punkte zu wenig haben, aber auch, dass wir in der Lage sind, diese Punkte zurück zu holen. Es wird jedoch ein weiter und schwerer Weg. Es ist kein Selbstverständnis. Die Spiele sind eng, die Konkurrenz ist unglaublich konstant und hat den Vorteil, in dieser Außenseiterrolle mit dieser positiven Emotion getragen zu werden. Das ist ein Faktor, den wir nicht haben, weil wir unseren Erwartungen einen Tick hinterher hinken.“

Das alles gilt insgesamt auch für die Mainzer, die nun mit den beiden Punkteteilungen gegen die Kölner und den BVB immerhin ihre Defensivstabilität zurück gewonnen und eine Grundlage geschaffen haben, um ihre Ziele zu verfolgen. „Wir haben jetzt zweimal zu Hause nicht verloren gegen Teams, die vor uns sind, gegen die wir im Herbst noch die Punkte haben liegen lassen. Ich denke, dass uns das sehr gut tut und wir daraus viel Selbstvertrauen und Zuversicht ziehen können“, betont Schmidt.

Am Samstag steht der nächste höchst komplizierte Auftritt an. Das Auswärtsspiel bei der TSG Hoffenheim, der aktuellen Nummer fünf. Das erste Spiel im neuen Jahr mit dem etatmäßigen Mittelstürmer und einem prominenten offensiven Neuzugang. Jhon Cordoba hat seine Sperre verbüßt und wird seinen Stammplatz wieder einnehmen. Welche Rolle Bojan Krkic ausfüllen wird, muss man abwarten. Spannend wird dabei auch sein, wie die Qualitäten des enorm laufstarken Yoshinori Muto künftig im Offensiv-Konzept zur Geltung kommen. Der Konkurrenzkampf im Angriff ist deutlich größer geworden. Für das Bemühen, die eigenen Ansprüche und Ziele umzusetzen, kann das nur förderlich sein.

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