Eine Sache der Konzentration

Jörg Schneider. Mainz.
Die Pokalniederlage von Chemnitz hat der Cheftrainer des FSV Mainz 05 mit seiner Mannschaft inzwischen aufgearbeitet. Kasper Hjulmand ist sich sicher, die richtigen Schlüsse daraus gezogen zu haben. Der 42-jährige Däne hat sich mit der Kritik auseinandergesetzt, die nach dem Erstrunden-Aus beim Drittligisten über ihn und das Team hereingebrochen ist. Hjulmand hat alles gelesen, was über dieses Spiel, besonders über das Defensivverhalten seiner Mannschaft geschrieben worden ist. Sein Fazit nach dem Dienstagtraining: Die Mannschaft muss insgesamt viel besser verteidigen, konzentrierter sein. Ein grundsätzliches Problem in der Organisation oder damit, dass Hjulmands Spiel-Philosophie nicht zu Mainz 05 und dessen Spielern passen könnte, sei nicht erkennbar.

Schnell, aber nicht so schnell wie Robin Zentner, das Sprintwunder im Tor: Ja-Cheol Koo beim Speedtest am Bruchweg. Foto: Jörg Schneider Stephan Kuhnert gehört seit vielen Jahren zu den Personen im Lehrstab des FSV Mainz 05, die in die Mannschaft hineinhören können, die genau beobachten. Der Torwarttrainer ist einer, der Strömungen und Schieflagen früh erkennt, dem gewisse Dinge auffallen. Das Abwehrverhalten der Profis hat dem altgedienten Fachmann sicher nicht gefallen in den vergangenen Wochen. Kuhnert, der die Mainzer Spielideologie kennt und verinnerlicht hat, wie kaum ein anderer, war nach der knackigen Vormittagseinheit am Bruchweg begeistert. „Heute war richtig Feuer drin. So muss das sein“, sagte der 53-Jährige. Ein bisschen wild das Ganze, aber „wenn du auf solch engem Raum fightest, dann ist das wild, da kannst du nicht noch schön spielen, wenn du keinen Platz hast.“

Fünfergruppen auf minimalem Raum

Pressing, Balleroberung, das komplette Spiel gegen den Ball steht in diesen Tagen am Bruchweg auf dem Arbeitsplan. Kasper Hjulmand lässt seinen Kader in Fünfergruppen auf minimalem Raum gegeneinander um die Bälle kämpfen. Das Verteidigungsverhalten muss dringend besser werden bis zum Bundesligastart am Sonntag, im Auswärtsspiel beim Neuling SC Paderborn.
Nach der Einheit sprach der Cheftrainer in der kleinen Medienrunde über die Situation zwischen Pokal-K.o. und Ligaauftakt.
„Wir sind natürlich sehr enttäuscht über die Resultate. Wir wissen alle, dass wir diese Ergebnisse gebraucht hätten. Wir hätten sehr gerne in Europa und im DFB-Pokal gespielt. Das fehlt uns nun. Es ist nicht gut, dass uns das passiert ist.“ Hjulmand ist jedoch komplett zufrieden mit der Reaktion, die seine Profis gezeigt und in die aktuelle Trainingswoche mitgenommen haben. „Heute konntet ihr sehen, welche Energie diese Mannschaft hat und dass das Gefühl da ist, mehr geben zu müssen.“ Allerdings sei auch das Selbstverständnis vorhanden, dass nicht alles so schlecht sei, wie das Gefühl suggeriere. „Objektiv gesehen, gibt es viele Themen und Verbesserungen. Es ist nun wichtig, alles genau zu analysieren, denn wir wissen, dass wir im nächsten Spiel eine sehr gute Leistung brauchen, um ein Ergebnis zu kriegen.“

05-Torhüter hat den besten Antritt

Die Trainercrew des FSV Mainz 05 überprüft regelmäßig die Sprint-Qualitäten der einzelnen Bundesligaprofis. Das ist in der Vorbereitung schon einige Male geschehen. Am Dienstag stand ein weiterer Test auf dem Programm vor dem eigentlichen Morgentraining. Auf der 30-Meter-Distanz ging’s um die Antrittsschnelligkeit der Profis. „Wir machen das ständig im Laufe der Saison. Auch, um zu überprüfen, ob das Training der Mannschaft so funktioniert, wie geplant“, sagt Kasper Hjulmand. Und wer ist nun aktuell der schnellste Kurz-Sprinter? Die Überraschung war groß am Bruchweg. Ausgerechnet einer der Torhüter stellte die Kollegen in den Schatten: Robin Zentner sprintete wie ein Außenstürmer und war nicht zu schlagen. „Das habe ich noch nie gesehen bei einem Torhüter“, wunderte sich Co-Trainer Keld Bordinggaard. „Er ist blitzschnell, vielleicht ist er ein Außenstürmer“, scherzte Hjulmand nach Zentners Zeit von 3,62 Sekunden über 30 Meter. An diese Marke kamen selbst die flinksten Feldspieler nicht heran.

Der Däne blickte noch einmal zurück auf die Partie in Sachsen, die in Mainz eine reichlich düstere Stimmungslage geschaffen hat. Das Spiel in Chemnitz habe er irgendwie als nicht ganz real empfunden. „Wenn du das reine Ergebnis nimmst und dies mit den Daten des Spiels kombinierst.“ Er habe in verschiedenen Medien gelesen, wie offen sein Team dem Gegner Chancen und Tore ermöglicht habe. „Aber wie viele Umschaltmöglichkeiten gab es für Chemnitz in diesem Spiel? Es waren drei. Wir haben in zwei Stunden drei Konterangriffe zugelassen. Das Schlimmste, was wir in der Vorbereitung in dieser Hinsicht hatten, war die erste Halbzeit in Kaiserslautern und die erste Hälfte gegen Tripoli in der Coface Arena. Da waren wir offen und haben zu viele Kontermöglichkeiten erlaubt, da waren wir nicht in den Positionen, das zu stoppen.“

23 Schüsse aufs Tor

Diesmal habe die Mannschaft das viel besser kontrolliert und organisiert. „Gegen Chemnitz waren die ersten beiden Tore ein direkter Schuss und ein Freistoß. Mit zehn Mann von uns hinter dem Ball. Das ist alleine fehlende Konzentration und vor allen Dingen sehr, sehr schlechtes Verteidigen. Doch es ist keine Sache der Organisation. Wir hatten sechs Schüsse gegen uns und kriegen fünf Tore. Wir selbst hatten 23 Schüsse aufs Tor. Normalerweise müssen wir das Spiel in 90 Minuten 3:0 oder 4:1 gewinnen. Wenn du dasselbe Match mit diesen Daten 20 Mal spielst, gewinnen wir 18 Mal.
Das ganze Übel sei einfach diese sehr schlechte Abwehrleistung in etlichen Situationen gewesen. Individuell und in der Abstimmung zueinander. „Das müssen und können wir besser machen. Noch einmal: Das ist reine Konzentrationssache, Defensivdenken in Sekundenbruchteilen. Das müssen wir verbessern, daran müssen wir arbeiten und tun das auch. Aber damit ist einfacher zu arbeiten, als wenn du ein grundsätzliches Problem mit der Defensivorganisation hättest“, sagte der 05-Coach.

Im Aufbau Pläne umsetzen

Er habe auch gelesen, dass er den kreativen Ballbesitz möge. „Ich möchte da eher von einem konstruktiven Aufbau sprechen. Dass wir Pläne umsetzen im Aufbau.“ Und in dieser Beziehung seien doch die Fortschritte unverkennbar „Wir haben in Chemnitz 20 sehr gute Angriffe und Abschlüsse kreiert. Wir hätten viel mehr Tore daraus machen müssen. Das aber ist schon ein hoher Level.“ Nein, das Problem sei die mangelhafte Abwehrarbeit gewesen. Vor allem nach Standards und Flanken von den Flügeln. Daran werde intensiv gearbeitet. „Wir müssen damit seriös umgehen, aber es ist nicht so, dass alles nur schwarz und düster ist. Es gibt gute Dinge und Sachen, die wir dringend verbessern müssen. Dann müssen wir alles zusammenfügen. Das kommt jetzt Stück für Stück.“
Am Bruchweg werde nicht von Sonntag zu Sonntag gearbeitet, sondern dauerhaft an einer Basis, auf die sich die Mannschaft verlassen könne. An einer eigenen Philosophie und einem Stil. „Zuletzt im Spiel war das Gefühl noch groß, alles ist sehr flau und unkonzentriert. Die Spieler arbeiten aber hart auf dem Platz und verbessern sich in vieler Hinsicht ständig. Ich habe großes Vertrauen in diese Mannschaft und ihre einzelnen Spieler.“

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