Eine Dreiviertels-Generalprobe

Christian Karn. Mainz.
Für die ernsthafte Generalprobe vor der Bundesliga-Fortsetzung, als die das Testspiel des FSV Mainz 05 gegen den FC Thun angekündigt worden war, waren zu viele gesperrte Spieler und Ersatztorhüter im Feldspielertrikot dabei. Für beide Merkwürdigkeiten gab es jedoch eine schlüssige Erklärung, außerdem gab es vier Tore zu sehen, nur das erste davon zugunsten der Gäste aus der Schweiz. Ehe es in die Pflichtspiele geht, müssen die 05er trotzdem noch an ein paar Schwächen arbeiten.

FSV Mainz 05 - FC Thun 3:1 (1:1)

Sonntag, 15. Januar 2017, 435 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Lössl (73. Fl. Müller) - Donati, Bell, Bungert (46. Hack), Brosinski (62. Bussmann) - Öztunali (76. Huth), Gbamin (62. Klement), Frei (46. Rodríguez), Jairo (62. Holtmann) - Muto (62. Seydel), Córdoba (46. Bouziane). Trainer: Schmidt.

FC Thun: Faivre (46. Ruberto) - Bigler (46. Hauswirth), Righetti (66. Hischier), Bürki (46. Schindelholz), Facchinetti (46. Trachsel) - Tosetti (46. Dzonlagic), Hediger (66. Scheller), Lauper (46. Geissmann) - Rapp (46. Markovic), Peyretti, Fassnacht (46. Schirinzi). Trainer: Saibene.

Tore: 0:1 Peyretti (26., nach Solo), 1:1 Brosinski (44., Foulelfmeter, Righetti an Córdoba), 2:1 Öztunali (61., Jairo), 3:1 Bussmann (82., Seydel).

Als Generalprobe hatte der FSV Mainz 05 das letzte Testspiel vor dem ersten Bundesligaspiel des neuen Jahres angekündigt, als eine Partie, aus der man vielleicht sogar die Startformation ablesen könne. Die Kundschafter, die der 1. FC Köln eine Woche vor seinem Auftritt in Mainz an den Bruchweg geschickt hat, werden jedoch ohne die ganz großen Erkenntnisse nach Hause gefahren sein. Was passieren kann, wenn man die 05er kontern lässt, das dürfte der FC ohnehin schon mitbekommen haben, und dass sie sich in jedem Spiel ihre Auszeiten nehmen, in denen sie schon damit zufrieden sind, dem Gegner im Weg zu stehen und ihn vom Strafraum wegzuhalten, ist auch nichts Neues. Wer nach Yunus Mallis Abgang als Elfmeterschütze in Frage kommt, dürfte schon eher eine Erkenntnis sein; sofern Martin Schmidt ihn aufstellt, dürfte Daniel Brosinski demnächst seinem dritten Bundesligator nahe kommen. Schon ein Blick auf den Aufstellungsbogen vor der Partie gegen den FC Thun zeigte zumindest: Eine vollwertige Generalprobe ist das nicht. Jhon Córdoba war dabei und der Mittelstürmer ist bekanntlich in den beiden ersten Spielen des Jahres gesperrt.

Davon aber abgesehen - und abzüglich der leicht angeschlagenen Profis Danny Latza, Pablo de Blasis, Leon Balogun, André Ramalho sowie der Verletzten Suat Serdar und Karim Onisiwo - sah das schon wie eine mögliche Startelf aus. Vor Jonas Lössl verteidigten innen die beiden Kapitäne Niko Bungert und Stefan Bell (die zusammen den Rückstand verursachten), außen Giulio Donati und Brosinski; Gaetan Bussmann war nicht in der Startelf. Die Sechser waren Jean-Philippe Gbamin und - wohl auch weil Latza, Ramalho und Serdar fehlten - Fabian Frei, vorne teilten sich Córdoba und Yoshinori Muto das Zentrum zwischen Levin Öztunali und Jairo Samperio.

Der Spanier war gegen den Vorletzten der Schweiz der auffälligste Mainzer; offenbar hat er die Leichtigkeit, die nach seiner langen Verletzung im ersten Saisonviertel gefehlt hatte, wieder erlangt. Am Führungstor war Jairo unmittelbar beteiligt, auch an den meisten anderen Angriffen bis zu seiner Auswechslung. Dass es nur für den einen Scorerpunkt reichte, lag man an Pech, auch mal an den Kollegen. Muto hielt ebenfalls bis in die 62. Minute durch, war noch nicht absolut im Spiel, macht aber weiterhin Fortschritte, und die Chancenverwertung der 05er war nicht allzu gut.

"Aber wir können Chancen kreieren", sagte 05-Sportdirektor Rouven Schröder. "Wir müssen sie halt besser nutzen. Und wir müssen jetzt noch einmal aufs Defensivverhalten achten, wacher, kompakter sein, keine Großchancen zulassen, in der Konzentration zulegen." Das sah bei allen vier Start-Verteidigern nicht gut aus; vor allem Stefan Bell war ungewohnt nachlässig. Nach dem Fehlpass des Innenverteidigers in der 10. Minute hielt Lössl den Nahschuss des Thuner Stürmers Simone Rapp mit einem schnellen Reflex, beim Führungstor von Norman Peyretti ließ sich Bell einen allerdings von Bungert unsauber gespielten Pass wegschnappen (26.). Dazwischen hätte auch Kapitän Dennis Hediger die Schweizer in Führung bringen können; der Mittelfeldspieler schlug in der 19. Minute über den Ball. "Thun hat unsere Schwächen ein paar Mal aufgedeckt", sagte 05-Trainer Martin Schmidt.

Jairo Samperio hat offenbar seine Leichtfüßigkeit wiedergefunden. Gegen den FC Thun war der Spanier der auffälligste 05er.Aber auch die 05er hätten mehrmals das 1:0 schießen können. Da war Jairos 17-Meter-Schuss aus der Drehung hoch aufs lange Eck, die der Thuner Torwart Guillaume Faivre hielt (12.). Da war die Doppelchance in der 19. Minute - Córdoba schoss Faivre ab, Mutos Nachschuss ging über das Tor. Da war nach dem Rückstand eine ähnliche, noch offensichtlichere Situation, als Córdoba das Laufduell auf der rechten Seite gewann, Faivre den Schuss nicht kontrolliert abwehren konnte, Öztunali hoch übers leere Tor schoss (29.). Oder die unübersichtliche Situation nach einem abgewehrten Standard, als beim abgefälschten Fernschuss einige Mainzer abseits standen, aber offenbar nicht Gbamin, dessen Schuss allerdings nicht viel taugte (36.). Oder die Aktion von Öztunali, der geschickt zwischen zwei Verteidigern durchschlüpfte und aufs offene lange Eck flankte, wo Jairo den hohen Ball verpasste (40.). Die 05er brauchten einen an Córdoba verschuldeten Elfmeter, den Brosinski in der 44. Minute locker ins linke Eck schob, um mit 1:1 in die Halbzeit zu gehen, sie hätten den Elfmeter nicht brauchen müssen.

Die zweite Aufstellung der Thuner - nur drei Mann aus der ersten Hälfte begannen auch die zweite, zwei davon gingen in der 66. Minute ebenfalls vom Platz - forderte die 05er nicht mehr allzu sehr - auch dadurch war es keine ernsthafte Bundesligasimulation mehr. Die 05-Chancen in Stichworten: Ecke Öztunali, von mehreren Angreifern verpasst (48.). Torschuss des eingewechselten Mounir Bouziane (57.). Dann das 2:1, ein feiner Konter mit nur einem Beteiligten zwischen Jonas Lössl und dem Torschützen: Der 05-Torwart warf nach einem Eckball in die Mitte ab, Jairo leitete den Ball nach links weiter auf Öztunali, der war am letzten Verteidiger vorbei und schoss ins lange Eck (61.). Gerrit Holtmann verfehlte nach einer Kombination von José Rodríguez, Öztunali und Donati das Tor knapp (67.). Bouziane und Aaron Seydel hätten treffen können, als die Schweizer in der 69. Minute ein großes Durcheinander vor ihrem Tor anrichteten. Der Einwechseltorwart Francesco Ruberto parierte nach einem ganz weiten Diagonalball auf Bouziane Öztunalis Schuss (74.). Und nach noch so einem langen Ball kam Seydel an der Strafraumgrenze an Ruberto vorbei, spielte auf den links dazueilenden Bussmann, der ins leere Tor traf - 3:1 in der 82. Minute. Philipp Klement - der einige schöne Pässe aus dem defensiven Mittelfeld spielte - hätte noch mit einem indirekten Freistoß auf 4:1 erhöhen können (86.), wieder hielt Ruberto. Der in der 73. Minute eingewechselte 05-Torwart Florian Müller hatte gar nichts zu halten, musste lediglich in der 75. Minute fast am Mittelkreis einen Ball wegköpfen; es wäre Abseits gewesen, wäre der Thuner Stürmer nicht einige Meter in der eigenen Hälfte gestartet.

Als letztes Kuriosum der Vorbereitung kam direkt nach jener Szene auch der dritte Torwart auf den Platz, Jannik Huth stand aber bereits auf dem Aufstellungsbogen nicht mit seiner Nummer 33, sondern mit der 31 - das war in der Tat das Feldspielertrikot, das gestern noch der Juniorenverteidiger Niklas Kölle getragen hatte. Huth wurde für Öztunali auf den rechten Flügel gestellt; "ich wollte Levin entlasten und Pablo ist kurzfristig ausgefallen", erklärte Schmidt. Der Torwart hatte seine Ballkontakte im Feld, wurde von den paar hundert 05-Fans jedes Mal dafür gefeiert. "Er ist der beliebteste Spieler im Kader", sagte Schröder. "Aber ob es am Sonntag für die Startelf reicht..." Huths Qualitäten mit dem Fuß am Ball sind am Bruchweg schon seit Jahren bekannt; schon in der U17-Bundesliga zeigte er regelmäßig, dass er der beste Fußballer im 05-Tor seit Stephan Kuhnert ist. Die Grundlinie war in Huths bester Szene einfach schon zu nahe - aber auch eine Torvorbereitung hätte Schmidt eher nicht dazu bewegt, Torwart zum Feldspieler umzuschulen.

► Alle Artikel zur Saisonarbeit

► Zur Startseite